Wirtschaft
Von den 30 Prozent des EU-Gasbedarfs, die Russland decke, fließt zwei Drittel durch die Ukraine.
Von den 30 Prozent des EU-Gasbedarfs, die Russland decke, fließt zwei Drittel durch die Ukraine.(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn das Gas nicht kommt?: Ökonomen warnen vor fatalen Folgen

Die Erdgasversorgung aus Russland ist ein neuralgischer Punkt für Europa: Etwa 70 Prozent des von dort gelieferten Rohstoffes werden durch die Ukraine transportiert. Was passiert, wenn sich die Krim-Krise zum Flächenbrand ausweitet?

Nach dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und anderen Ökonomenstimmen warnt auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vor den wirtschaftlichen Folgen einer langanhaltenden Unterbrechung der Öl- und Gaszufuhr aus Russland. Auf mittlere Sicht könne Deutschland Erdgas-Stopps noch kompensieren, längere Unterbrechungen jedoch nicht, gab auch DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zu bedenken.

Russland sei Deutschlands wichtigster Öl- und Gaslieferant. 2013 seien etwa jede dritte Tonne Erdöl und etwa 40 Prozent des Gases in Deutschland aus russischer Produktion gekommen. Die dortigen Rohstoffe seien für die weltweite Industrieproduktion enorm wichtig. Sollte es hier zu Verknappungen kommen, werde das Wachstum der Weltwirtschaft deutlich an Schwung verlieren.

Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft warnte davor, dass Russland im Falle von EU-Sanktionen den Gashahn zudrehen könnte. Noch liefere Russland sehr zuverlässig, sollte es wegen der Ukraine-Krise aber zu Sanktionen kommen, könne Moskau mit Einschränkungen reagieren, sagte der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses, Rainer Lindner, der Zeitung. Von den 30 Prozent des EU-Gasbedarfs, die Russland decke, fließe mehr als die Hälfte durch die Ukraine.

Berlin beschwichtigt: Gas-Speicher gut gefüllt

Vor der Abhängigkeit Europas vom russischen Erdgas hatte auch das DIW gewarnt. "70 Prozent aller Erdgaslieferungen von Russland nach Europa würden durch die Ukraine transportiert", sagte die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, dem "Handelsblatt". "Sollte es zu längeren Lieferausfällen durch die Ukraine kommen, könnte in der Tat die Energieversorgungssicherheit mit Erdgas gefährdet werden."

Ähnlich äußerte sich auch der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer: "Wenn die Ukraine als Transitland ausfiele, könnte nur die Hälfte des Gases über andere Länder geliefert werden." Das sei ein Risiko für die Energieversorgung Westeuropas.

Die Bundesregierung wies demgegenüber darauf hin, dass die Gasspeicher in Deutschland gut gefüllt seien. Es gebe keinen Anlass zur Sorge, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums.

Kemfert: Zeit für ein Flüssiggasterminal

Kemfert hob Ausweichmöglichkeiten für den Gastransport hervor. Alternative Transportrouten gebe es durch Polen, durch die Ostseepipeline oder auch durch den Transport von Flüssiggas gebe. Aufgrund des milden Winters sei die Nachfrage nach Gas zudem gering, so dass Einbußen leichter kompensiert werden könnten. Insgesamt gebe es ein Überangebot an Gas auf den internationalen Märkten. Die Energieökonomin empfahl zur Diversifikation der Gaslieferungen endlich ein Flüssiggasterminal in Deutschland zu bauen.

Die Ukraine ist ein klassisches Transitland für Erdgas, hier verlaufen die Hauptpipelines für russisches Erdgas.  Die Lage hatte sich in den letzten Tagen zugespitzt, als Russland die Kontrolle über die ukrainische Halbinsel Krim übernommen hatte. Die neue Regierung in Kiew spricht von einer Invasion. Das russische Militär ist der ukrainischen Armee haushoch überlegen.

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Quelle: n-tv.de

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