Wirtschaft
Gähnende Leere, kein Arbeiter in Sicht. Ist das die Zukunft der britischen Landwirtschaft?
Gähnende Leere, kein Arbeiter in Sicht. Ist das die Zukunft der britischen Landwirtschaft?(Foto: REUTERS)

Britische Bauern schlagen Alarm: Ohne EU-Arbeiter wird "Essen verrotten"

Von Diana Dittmer

Weil EU-Einwanderer den Briten angeblich die Jobs stehlen, will Großbritannien die Union verlassen. Mancher Sektor fürchtet nun, dass mit dem Brexit "die Lichter ausgehen".

In Großbritanniens Landwirtschaft macht sich Panik breit. Der Chef der britischen Bauerngewerkschaft, Meurig Raymond, sagte bei einer Konferenz in Birmingham: "Die britische Agrarindustrie wird zum Stillstand kommen, wenn die Regierung keinen Deal erreicht, der den Zugang zu europäischen Arbeitnehmern garantiert." In der Viehhaltung und im Ackerbau gäbe es schon heute Probleme, genügend Arbeitskräfte zu finden.

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"Die Lichter in unserem größten verarbeitenden Sektor werden ausgehen, das Essen wird auf den Feldern verrotten und Großbritannien wird nicht mehr in der Lage sein, seine Lebensmittel selbst zu produzieren und zu verarbeiten", polterte der Gewerkschaftschef. "Das sieht nicht nach einem erfolgreichen Brexit aus!"

Die Szenarien, was Großbritannien nach dem Brexit alles passieren kann, nehmen Konturen an. Auch London dämmert, dass es für einige Bereiche schwer werden wird. Brexit-Minister David Davis versprach bei einem Besuch in der estnischen Hauptstadt Talinn zwar freundlich: "Die Tür für EU-Einwanderer bleibt offen." Doch was ist, wenn gar keiner mehr durch diese Tür kommen will?

Viele Briten haben vor allem deshalb für den Brexit gestimmt, weil EU-Einwanderer den britischen Arbeitnehmern angeblich die Jobs stehlen. Eine Behauptung von der London offiziell bis heute nicht abrückt. Premierministerin Theresa May sagte erst diesen Monat, britische Arbeitnehmer würden durch die EU-Einwanderer "verdrängt".

Ihrem Brexit-Minister schwant mittlerweile offenbar, dass das Ausbleiben dieser Einwanderer gefährliche Konsequenzen mit sich bringen wird. Arbeitnehmer aus dem Ausland könnten sich künftig sehr genau überlegen, ob sie dort arbeiten wollen, wo sie unerwünscht sind. Hinzu kommt, dass das Britische Pfund kräftig an Wert eingebüßt hat. Für die Arbeiter aus der EU ist es längst nicht mehr so lukrativ, auf der Insel zu arbeiten wie vor dem Referendum.

Ein Riesenproblem bahnt sich an. Hotels, Restaurants, Pflegedienste und die Landwirtschaft in Großbritannien sind in hohem Maße auf die Arbeiter und saisonalen Kräfte vor allem aus Ost- und Südeuropa angewiesen. Laut offiziellen Zahlen des britischen Agrarverbands AHDB stellten EU-Migranten vor zwei Jahren knapp fünf Prozent der berufstätigen Bevölkerung. Der Anteil ist damit genauso hoch wie in Deutschland oder anderen europäischen Ländern. Der Verlust dieser Arbeitskräfte könnte den britischen Arbeitsmarkt punktuell austrocknen.

"Es werden Jahre vergehen ..."

Die Einsicht, dass das Inselkönigreich nicht problemlos auf diese Arbeiter verzichten kann, könnte zu spät kommen. Auch eine halbherzige Willkommenskultur, wie sie aus dem Munde des Brexit-Ministers jetzt zu hören ist, wird daran möglicherweise nichts mehr ändern können, dass sich die Migranten lieber woanders niederlassen.

Die Briten werden sich künftig in hohem Maße selber helfen müssen, dämmert es nicht nur Davis. Ob sie dazu bereit sind, ist eine andere Frage. Der Brexit-Minister sieht schwarz: Schlecht bezahlte und körperlich anstrengende Arbeit, die Migranten bisher erledigt haben, wollten die Briten gar nicht, räumte er in Talinn ein. Es werden "Jahre vergehen, bis wir britische Bürger so weit haben, dass sie diese Arbeit erledigen".

Nicht nur die Landwirtschaft wird es in Zukunft schwer haben, Arbeitskräfte zu rekrutieren. Eine Umfrage des Berufsverbands der britischen Personalfachleute unter mehr als tausend Unternehmern auf der Insel ergab: Jedes vierte Unternehmen erwartet, dass Angestellte aus anderen EU-Staaten noch in diesem Jahr aufgeben und die Insel verlassen werden.

Eine Entwicklung, bei der sich die Briten irgendwann vielleicht fragen werden, ob sie nötig gewesen ist. Denn die Arbeitslosigkeit in Großbritannien ist trotz einer Zuwanderungsrate auf Rekordniveau im vergangenen Jahr deutlich gesunken. Die Arbeitslosenquote lag im Herbst bei 4,8 Prozent - das ist der niedrigste Stand seit elf Jahren. Gleichzeitig ist immer noch rund eine Dreiviertelmillion britischer Arbeitsplätze unbesetzt, weil es keine geeigneten Kandidaten für die Jobs gibt. Zumindest die Zahlen sprechen eher für mehr als für weniger Zuwanderung.

Botschaft angekommen?

Die Botschaft des Bauernverbands scheint zumindest Gehör gefunden zu haben. Die Staatssekretärin für Umwelt, Andrea Leadson, sagte bei der Konferenz in Birmingham: "Ich habe laut und deutlich vernommen, welche entscheidende Rolle die Saisonarbeiter in vielen landwirtschaftlichen Betrieben spielen." Man dürfe aber nicht vergessen, dass ein wichtiger Punkt beim Referendum die Kontrolle der Einwanderung gewesen sei, ergänzte sie.

Leadson appellierte an die Bauern, neue Technologien einzusetzen, um die Produktivität zu steigern. Durch Maschinen könnten sich Landwirte auch unabhängiger von Migranten machen, sagte sie dem "Guardian".

Ob das für alle auf die Schnelle möglich ist, ist fraglich. Auf jeden Fall müssten viele Bauern wohl viel Geld investieren. Mittel, die sie möglicherweise gar nicht haben. Fest steht: Wenn arbeitsintensive Bereiche wie die Landwirtschaft künftig keine Arbeiter mehr finden, wenn es keine Alternativen zu den Migranten gibt, muss der britische Bedarf an frischen Lebensmitteln durch Agrarimporte gedeckt werden. Für die Inselbewohner könnte Essen künftig noch sehr teuer werden. So dürften sich die Briten den Brexit wirklich nicht vorgestellt haben.

Quelle: n-tv.de

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