Wirtschaft
Polen ist mit rund 2,5 Millionen Tonnen im Jahr der größte Apfelproduzent Europas.
Polen ist mit rund 2,5 Millionen Tonnen im Jahr der größte Apfelproduzent Europas.(Foto: picture alliance / dpa)

Kaum Alternativen zu Russland: Osteuropa bangt vor Sanktionen

Die baltischen Staaten und Polen treffen Moskaus Sanktionen am härtesten: Landwirtschaft spielt noch eine wichtige Rolle und Russland ist ein wichtiger Abnehmer. Nun beginnt die Suche nach Lösungen - was zu manchem Problem führt.

Obst- und Gemüseanbauer in Polen und den baltischen Staaten sind mitten in der Erntezeit in Krisenstimmung. Das Embargo Russlands für Obst und Gemüse aus westlichen Staaten droht, diese EU-Länder besonders empfindlich zu treffen. Waren im Wert von 340 Millionen Euro wurden allein im vergangenen Jahr von polnischen Obstbauern nach Russland exportiert, wie die Europäische Kommission berichtet. Litauen lag mit 338 Millionen Euro nur knapp dahinter.

Noch steckt die Apfelernte dieses Jahres in den Anfängen - doch Polen, Europas größter Apfelproduzent mit rund 2,5 Millionen Tonnen im Jahr, sucht dringend nach Lösungen, um dramatische Einkommensverluste für die Anbauer zu vermeiden. Schon seit Tagen wird in sozialen Medien dafür geworben, "patriotisch" Apfelwein (Cidre) zu trinken und viel polnisches Obst zu essen.

Landwirtschaftsminister Marek Sawicki mobilisiert seine Kabinettskollegen. Er hat bereits beim Finanzressort angefragt, ob die Alkoholsteuer für Cidre vorübergehend ausgesetzt werden kann, um den Verkauf anzukurbeln. Er kündigte außerdem an, die Parlamentsfraktion der Bauernpartei PSL wolle sich für eine Änderung des Gesetzentwurfs für den Kampf gegen Alkoholismus einsetzen, damit auf Plakaten oder in Kinospots für Apfelwein geworben werden darf.

Sanktionen sind gute Werbung, aber drücken die Preise

Für den Verband der polnischen Obstanbauer hat der Wirbel um polnische Äpfel einerseits bereits kostenlose Reklame gebracht, andererseits beobachtet er einen Preisverfall. "Uns freut das gestiegene Interesse der Großmärkte und Handelsnetze", sagte Vize-Verbandschef Tomasz Solis dem Fachportal "Portal Spozywczy". Doch er schränkte ein: "Wir beobachten gleichzeitig, dass das auch niedrigere Preise für die Produzenten bedeutet." Denn die beworbenen Preise lägen unter den Produktionskosten, insofern sei die Hilfe der Handelsketten zweifelhaft.

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Sawicki verbreitete in den vergangenen Tagen Zweckoptimismus: "Wir werden uns auch ohne den russischen Markt zu helfen wissen." Die polnischen Produzenten müssten sich neue Märkte erschließen. Allerdings: Der Export von Obst und Gemüse etwa in arabische oder nordafrikanische Länder, der sich allmählich entwickelt, liegt quantitativ weit unter den bisherigen Exporten nach Russland.

Zudem  sind die EU-Staaten die wichtigsten Handelspartner Polens. Diese müssen sich aber nun ebenfalls mit dem Folgen des russischen Embargos für die eigenen Produzenten auseinandersetzen. Vor diesem Dilemma stehen auch die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, für die Russland bisher ein bedeutender Absatzmarkt war. Für Litauen und Lettland war nach Angaben von Eurostat der große Nachbar im Osten 2013 der größte einzelne Exportmarkt, für Estland der drittwichtigste.

Litauen rechnet mit weniger Wachstum

Nach ersten Berechnungen könnten die aktuellen Sanktionen Litauens Wirtschaft 0,2 Prozentpunkte Wachstum kosten. In Lettland beliefen sich die Ausfuhren von Gütern, die nun unter den russischen Importstopp fallen, im Vorjahr auf rund 53 Millionen Euro oder 0,52 Prozent der Gesamtexporte; in Estland machten sie im ersten Halbjahr 2014 knapp 43 Millionen Euro aus, was 0,7 Prozent der Exporte ist.

Das polnische Finanzministerium wiederum erwartet keine größeren Auswirkungen des Embargos auf das Bruttoinlandsprodukt. Bauern- und Wirtschaftsverbände warnen vor den indirekten Folgen des Boykotts wie etwa dem mittelfristigen Verlust des russischen Marktes und dem zunehmenden Preisdruck in der EU.

Schon nach dem russischen Einfuhrstopp für Obst und Gemüse aus Polen befürchtete die baltische Agrarindustrie, dass polnische Waren die kleinen heimischen Märkte überschwemmen könnten. Ähnlich wie die Polen wollen auch die Balten auf die Erschließung neuer Märkte setzen. Doch Ökonomen sind skeptisch. "Wenn es uns in 24 Jahren nicht gelungen ist, andere Auslandsmärkte zu erschließen, gibt es wenig Grund zur Annahme, dass dies jetzt auf einmal über Nacht passiert", meint Raita Karnite vom lettischen Zentrum für Wirtschaftsprognosen.

Quelle: n-tv.de

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