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Sparer vor der Rural Commercial Bank of Huanghai in der Stadt Yancheng in der ostchinesischen Provinmz Jiangsu.
Sparer vor der Rural Commercial Bank of Huanghai in der Stadt Yancheng in der ostchinesischen Provinmz Jiangsu.(Foto: REUTERS)

Bank-Run in China : Panische Sparer ziehen ihr Geld ab

Von Diana Dittmer

Sparer in der Provinz Jiangsu holen hektisch das Geld von ihren Konten. Ihre Banken sollen pleite sein. Früher wäre der Staat eingesprungen, aber die Zeiten haben sich geändert. Peking ist auf dem Rückzug, ein Einlagensicherungssystem existiert nicht.

Das chinesische Finanzsystem zeigt immer mehr Anzeichen von Stress: Nach dem ersten Ausfall einer Unternehmensanleihe versetzen jetzt Spekulationen um die Zahlungsfähigkeit zweier kleinerer Banken in Ost-China die Sparer in Alarmstimmung. Seit Tagen versuchen Kunden ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Bankangestellte und Behörden bemühen sich derweil, die Menschen zu beruhigen und ein Ausbreiten der Panik zu verhindern.

Um den Kunden die Liquidität zu beweisen, werden in der Bank Geldbündel aufgestapelt.
Um den Kunden die Liquidität zu beweisen, werden in der Bank Geldbündel aufgestapelt.(Foto: Reuters)

Die Menschenschlangen vor der Landwirtschaftsbank Jiangsu Sheyang Rural Commercial Bank reißen seit drei Tagen nicht ab. Alle Versuche, die Sparer zu beschwichtigen, sind bislang fehlgeschlagen. Auch ein dringender Appell der chinesischen Zentralbank ist verhallt. Inzwischen wurde auch ein zweites Institut von seinen Kunden gestürmt. Beobachter weisen jedoch darauf hin, dass hier keine systemischen Risiken lauern, sondern es sich vielmehr um lokale Probleme eher unbedeutender Banken handelt.

Die Panik zeigt allerdings, wie nervös viele Sparer in der Volksrepublik sind. In China gibt es keine staatliche Einlagensicherung, gleichzeitig zieht sich der Staat als Retter in der Not immer mehr zurück. Früher wäre Peking einer Bank, die in den Abgrund blickt, beigesprungen. Heute rechnen Beobachter nicht mehr unbedingt damit. Als Teil der Finanzreformen gibt es zwar den Plan, ein Einlagensicherungssystem einzuführen, womit das Geld von Bankkunden zumindest teilweise geschützt wäre. Ein konkretes Datum für die Einführung hat die Bankenaufsicht allerdings bislang nicht genannt. Was passieren wird, sollten die Gerüchte zutreffen, ist demnach ungewiss.

Ruf der Zentralbank verhallt

Die Behörden versuchen derzeit alles, um die Menschen zu beruhigen. In einem Video auf der Webseite der Regionalregierung des Verwaltungsbezirks Sheyang versicherte der Gouverneur, das Geld der Kunden sei sicher. Die Zentralbank werde die Sparer schützen. Bank-Mitarbeiter verteilten Handzettel mit der entsprechenden Mitteilung der chinesischen Notenbank. Auf Anzeigetafeln kündigte die Jiangsu Sheyang Rural Commercial Bank an, ihre Zweigstellen rund um die Uhr geöffnet zu halten.

Wie die "Financial Times" berichtet, liefen Bandansagen an den Eingängen der Gebäude in einer Endlosschleife: "Die Einlagen der Sparer sind gesetzlich geschützt. Es gibt keine Situation, in der wir die Nachfrage nach Bargeld nicht decken können. Die Kunden sollten nicht auf die Gerüchte hören und keine unnötige Panik verbreiten."

Die örtliche Polizei kündigte an, der Quelle der Gerüchte auf den Grund gehen zu wollen. Ein Bankmanager des Instituts sagte dem "Wall Street Journal", bei der Bank sei "alles normal ", die Kunden könnten in beliebiger Höhe Geld abheben. Alle Beschwichtigungsversuche schlugen bislang jedoch fehl.

Dass sie nicht zu den Menschen durchdringen, erklärte der Vorsitzende der Bank mit den vorangegangenen Ereignissen und der erlittenen Enttäuschung: "Die gewöhnlichen Menschen hier sind von den Kreditgesellschaften betrogen worden. Wenn sie dann hören, dass die Banken ebenfalls Probleme haben könnten, kommen sie sofort, um ihr Bargeld abzugeben", sagte er dem staatlichen Radiosender.

Zeitenwende in China

Die Panik hat eine Vorgeschichte: Die Finanzbranche in China hat in den vergangenen Monaten eine Reihe böser Überraschungen erlebt. Anfang des Jahres mussten in Yancheng mehrere ländliche Genossenschaften, die nicht der Bankenaufsicht unterliegen, wegen Zahlungsnöten von einem Tag auf den anderen schließen.

Anfang März ließ die Führung in Peking erstmals eine einheimische Firmenanleihe platzen, nachdem der Solarhersteller Chaori Solar Energy Science and Technology seine Zinszahlungen nicht mehr bedienen konnte, was zu großer Verunsicherung an den Börsen führte. Vergangene Woche folgte ein Immobilienentwickler in der Provinz Zhejiang, der eine Kreditsumme von fast 600 Millionen US-Dollar nicht zurückzahlen konnte - ein großer Ausfall für eine Immobilienfirma.

Um eine Überhitzung der Konjunktur zu verhindern, überlässt Peking die Wirtschaft immer mehr den Kräften des Marktes. Die Kreditvergabe an marode Unternehmen wurde bereits rapide zurückgefahren - ein fataler Kreislauf, denn wegen des sich abschwächenden chinesischen Wirtschaftswachstums sind viele Firmen knapp bei Kasse und haben Probleme, ihre Kredite zurückzuzahlen. Ein Regierungsbeamter fasste den derzeitigen Kurs am Wochenende folgendermaßen zusammen: China wolle die finanziellen Risiken stärker im Auge behalten. Vereinzelte Zahlungsausfälle seien aber nicht zu vermeiden.

Quelle: n-tv.de

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