Wirtschaft
Rinat Achmatow will eine Autonomie der Kohleregion Donbass verhindern.
Rinat Achmatow will eine Autonomie der Kohleregion Donbass verhindern.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bauhelme als Blauhelme: "Patriarch von Donezk" verteidigt sein Reich

Von Jan Gänger

Wer in der Ukraine regiert, dürfte dem reichsten Mann des Landes ziemlich egal sein. Allerdings nur so lange niemand seine Geschäfte stört. Und deshalb bekommen es die Separatisten jetzt mit Rinat Achmetow zu tun.

Lange hat sich Rinat Achmetow aus dem Konflikt im Osten der Ukraine weitgehend herausgehalten. Doch das hat sich mittlerweile geändert. Nun schickt er Friedenstruppen: In der Hafenstadt Mariupol patrouillieren Arbeiter seines Industrie-Imperiums gemeinsam mit Polizisten - und sorgen dort unbewaffnet für Ordnung. Der regulären Armee gibt Achmetow zu verstehen, dass sie unerwünscht ist. Und auch maskierte Separatisten sind aus dem Straßenbild verschwunden. 

In Overalls und mit Bauhelmen rücken Stahlarbeiter und Kohlekumpel an, um Trümmer wegzuräumen. Mit Baggern reißen sie die Barrikaden aus Autoreifen und Paletten vor dem Rathaus nieder. Diese hatten Separatisten errichtet, nachdem sie das Gebäude besetzt hatten. Vor einigen Tagen gelang es ukrainischen Truppen, sie zu vertreiben. Danach zogen sich die Soldaten an den Stadtrand zurück.

Das sind viel mehr als bloß symbolische Gesten. Es zeigt, wie sehr der Konflikt Achmetows Geschäfte bedroht. Denn in der Region Donbass um die Stadt Donezk liegt sein Kohle- und Stahlimperium mit mehr als 300.000 Beschäftigten. Und so stellte sich der Milliardär offen gegen die Separatisten im russischsprachigen Teil des Landes. "Mit Maschinenpistolen durch die Städte des Donbass zu laufen - sollen so die Rechte der Donezker vor der Zentralregierung gewahrt werden? In den Städten marodieren und friedliche Bürger verschleppen - ist das ein Kampf für das Wohlergehen unserer Region?", fragte er in einer Videobotschaft und lieferte die Antwort selbst: "Nein! Das ist ein Kampf gegen die Einwohner unserer Region. Das ist ein Kampf gegen den Donbass. Das ist ein Völkermord am Donbass."

"Volksrepublik" bedroht Imperium

Arbeiter entfernen Barrikaden vor dem Rathaus von Mariupol.
Arbeiter entfernen Barrikaden vor dem Rathaus von Mariupol.(Foto: REUTERS)

Das sorgt in der Ukraine für Aufsehen. Zehntausende folgten seinem Aufruf und legten kurzfristig die Arbeit nieder. Tausende beteiligten sich an einer Demonstration. "In den Städten herrschen Banditen und Marodeure. Die Menschen sind es leid, in Angst zu leben", sagte der Oligarch.

Das ist bemerkenswert, denn um eine klare Positionierung hat sich Achmetow bisher herumgedrückt. Er forderte zwar immer wieder die Einheit des Landes, doch auf welcher Seite er stand, blieb völlig unklar. Auf dem Maidan in Kiew war er äußerst unbeliebt, denn bis zu dessen Sturz hatte er den Präsidenten Viktor Janukowitsch unterstützt. An der Baustelle für ein Einkaufszentrum, das der Oligarch im Zentrum der Hauptstadt errichten lässt, sind am Zaun übermalte Graffiti zu sehen. Eines lässt sich noch lesen. "Rinat, bist du auf der Seite der Ukraine oder des Kreml?"

Diese Frage lässt sich wohl am besten so beantworten: Achmetow muss es nicht kümmern, wer in der Ukraine regiert. Er ist mächtig genug, seine Interessen zu wahren. Sein Vermögen wird auf rund 12 Milliarden Dollar geschätzt, er gilt als "Schatten-Gouverneur" der Region.

Etwa ein halbes Dutzend Oligarchen haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in der Ukraine ein enormes Vermögen angehäuft. Das ist mit Russland vergleichbar, als sich eine kleine Gruppe während der ungezügelten Privatisierungen unter Boris Jelzin Milliardenwerte unter den Nagel riss. Als Putin an die Macht kam, stellte er die Oligarchen eine Bedingung: Wenn sie sich aus der Politik heraushielten, könnten sie ihr Geld behalten. Fast alle gehorchten - eine Ausnahme war Michail Chodorkowski.

In der Ukraine mussten die Milliardäre wie Achmetow diese Entscheidung nicht treffen. Aufgrund der schwachen Regierungen sicherten sie sich ihren Einfluss. Und Achmetow ist der mächtigste von allen. Eine Abspaltung wäre aber eine existenzielle Bedrohung für sein Imperium. Ihm bleibt daher nichts anders übrig, als sich gegen die "Volksrepublik Donezk" zu stellen.

Sanktionen drohen

Das hält Achmetow nicht davon ab, eine größere Autonomie zu fordern. Doch würde sich die Region tatsächlich von der Ukraine abspalten würde es sich in Gesellschaft von Abchasien und Süd-Ossetien in Georgien, Nagorni-Karabach in Aserbaidschan und Transnistrien in Moldau befinden. All diese selbst ernannten Ministaaten entstanden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Kaum ein Land erkennt sie an, die meisten Länder ignorieren sie schlicht - mit Ausnahme Russlands. Würde sich Achmetow mitsamt seinem auf dem Export aufgebauten Firmenimperium plötzlich in solch einem Zwergstaat von Moskaus Gnaden wiederfinden, dürfte das seinen Geschäften empfindlich schaden.

"Niemand will, dass Donezk in irgendeiner Art von Grauzone landet, die die Welt nicht anerkennt. Das wäre sehr schmerzhaft für uns", sagt Juri Sintschenko, der Generaldirektor der Iljitsch-Eisen- und Stahlwerke in Mariupol. Das Unternehmen gehört zu Metinvest, an dem Achmetow die Mehrheit hält. Metinvest liefere in mehr als 100 Länder, und die Exportrouten könnten in Gefahr sein, wenn rechtlich dubiose Entscheidungen über die Zukunft der Ostukraine getroffen würden. Dabei fürchtet der Konzern vor allem Sanktionen aus dem Westen, die im Falle einer Abspaltung wohl über die stark industrialisierte Region verhängt würden.

"Das ist nicht nur uns klar, dem Konzern, dem Management und den einzelnen Firmen, sondern auch den Arbeitern", erklärt Sintschenko. "Das sind mehr als 300.000 Leute und ihre Familien - eine gigantische Armee". Angeblich verfügt der Oligarch auch über bewaffnete Sicherheitskräfte. Ihre Zahl wird auf 3000 geschätzt, darunter sollen sich auch ehemalige Elitesoldaten befinden

Doch das alles könnte sich in Achmetows Worst-Case-Szenario als nutzlos erweisen: bei einer Annexion durch Russland. Denn dann müsste er sich mit einem Mann auseinandersetzen, der viel mächtiger ist: Wladimir Putin.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen