Wirtschaft
Leo von Klenze, Ansicht der Akropolis und des Areopag in Athen (1846)
Leo von Klenze, Ansicht der Akropolis und des Areopag in Athen (1846)

"Seit Geburt im totalen Bankrott": Griechen leben "in Frieden" mit der Pleite

Von Diana Dittmer

Die Griechen verprassen das Geld, sind unfähig Steuern einzutreiben und abhängig von Gläubigern. Die Menschen begreifen sich einfach nicht als Staat, schreibt der französische Journalist About - nicht heute, sondern vor 160 Jahren.

Krisen kommen nicht einfach so über Länder. Die Wurzeln des Misserfolgs liegen meistens irgendwo begraben. Die Frage ist nur, wie leicht das Übel - ist es einmal entdeckt - zu packen ist, und was ein Land dann daraus macht. Der französische Schriftsteller und Journalist Edmond About ging auf Tuchfühlung mit Griechenland und kam dabei schnell zu dem Schluss: "Griechenland ist das einzige bekannte Beispiel eines Landes, das seit dem Tag seiner Geburt im totalen Bankrott lebt."

Edmond About (1828-1885), Porträt gemalt von Félix-Henri Giacomotti.
Edmond About (1828-1885), Porträt gemalt von Félix-Henri Giacomotti.

Und weiter schrieb er in seinem Reisebericht: Wären Frankreich oder England nur ein Jahr in so einer prekären Lage, würden sie schreckliche Katastrophen erleben. Nicht so Griechenland. Dieses Land lebe "in Frieden mit einem Staatsbankrott", so About.

Die aktuelle Lage Griechenlands ist kaum treffender zusammenzufassen. Denn es zeigt die ganze Diskrepanz zwischen äußerer Aufregung um den faktisch bankrotten Staat und der ostentativen Unaufgeregtheit des griechischen Finanzministers selbst. Das Bemerkenswerteste aber ist, dass diese Beschreibung nicht von heute, sondern Mitte des 19. Jahrhunderts stammt. Griechenland war damals gerade mal 20 Jahre unabhängig. Zumindest oberflächlich scheint sich seitdem nichts geändert zu haben.

Der Autor war damals nicht viel älter als der junge Staat. Er hatte gerade sein Studium an der Pariser "École normale superieure" beendet, als er sich 1852 auf die Reise machte. Was er vorfand, ähnelte frappierend den heutigen Zuständen: Die Einnahmen des Landes deckten bei weitem nicht die Ausgaben - schon damals war das nichts Neues: "Alle griechischen Budgets, vom ersten bis zum letzten, weisen ein Defizit auf", bemerkte About in seinem Bericht. Griechenland konnte nur dank ausländischer Geldgeber überleben.

Abhängig von der Gnade der Gläubiger

Edmond About

Der Schriftsteller und Journalist Edmond About reiste als knapp 24-Jähriger nach seinem Studium an der Pariser "École normale superieure" im Februar 1852 nach Griechenland. Seine Erfahrungen veröffentlichte er in dem Buch "La Grèce contemporaine" (Das heutige Griechenland). Die erste Auflage erschien 1855.

Auch Staatsanleihen waren damals ein Thema. Die "Schutzmächte" - gemeint sind Russland, England und Frankreich - garantierten die Zahlungsfähigkeit des Landes, "damit das Land über eine Anleihe im Ausland verhandeln konnte". Was danach passierte, kommt dem Leser bekannt vor: "Die Mittel wurden von der Regierung ohne irgendeinen Nutzen für das Land selbst verprasst." Und wer zahlte die Zinsen? Richtig: die "Garantiemächte". Und zwar "aus purem Wohlwollen", wie About feststellte.

Selbst die Schlussfolgerungen, die der junge Schriftsteller daraus zog, stehen denen heutiger Beobachter in nichts nach: Das Land würde finanziell nie auf eigenen Beinen stehen, prognostizierte er. Auch wenn "die drei Schutzmächte in alle Ewigkeit für Griechenland weiterbezahlen" würden. Die Lage würde sich nie bessern. Warum?

Weil die Finanzverwaltung zutiefst marode war. Die Steuermoral tendierte gen Null. Es wollte einfach keiner zahlen. Alle Versuche des Staates, Geld bei seinen Bürgern einzutreiben, floppten. Die Reichen des Landes entzogen sich dem geltenden Recht. Vetternwirtschaft und Korruption waren an der Tagesordnung. "Die reichen Grundbesitzer finden leicht die Methoden, den Staat zu hintergehen, indem sie die Beamten entweder kaufen oder einschüchtern", schrieb er in seinem Reisebericht.  

Anfangs haushaltete der Staat noch mit zwei Budgets. In dem einen verzeichneten die Finanzbeamten, was sie einnehmen wollten. In dem anderen stand, was sie tatsächlich eingenommen hatten. Da die Beträge weit auseinanderklafften, entschieden sich die Beamten schon bald, keinen Haushalt mehr zu planen. Sie gaben sich mit dem zufrieden, was sie bekamen. Das war 1846.

Ein "Unfall" ist schnell passiert

About war klar, dass dieses Einkommen in dem Moment fehlen würde, wenn Griechenland "eines Tages zu viel Undankbarkeit" zeigen würde. Er behielt Recht. Rund 40 Jahre später, 1893, ging Griechenland das erste Mal Pleite. 1932 ein zweites Mal. Heute scheint es erneut so weit zu sein. Eine neue Staatspleite und ein versehentlicher Austritt aus dem Euro, ein sogenannter Graccident, scheint jederzeit möglich. Aber auch hier scheint die Aufregung bei den ausländischen Gläubigern größer als bei der griechischen Regierung.

Das Gesetz in Griechenland sei einfach nicht "jene unerbittliche Person wie bei uns", beklagte der junge Franzose damals. Die Menschen würden immer noch wie zu Zeiten der türkischen Herrschaft denken. Immerhin dauerte die Besatzungszeit 377 Jahre - sie begann mit der Eroberung Konstantinopels 1453 und endete 1830. Der Herrscher war der Feind, deshalb zahlte man auch nicht. Heute richtet sich die Feindseligkeit gegen die internationalen Geldgeber, deren Interessen die Troika vertritt.

Der Begriff "Staat" sei für die Griechen ein "abstraktes Wesen", das sie "überhaupt nicht lieben", kam About vor fast zweihundert Jahren zum Schluss. Es scheint, als hätte Griechenland noch immer nicht seinen Frieden mit der Obrigkeit gemacht.

Quelle: n-tv.de

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