Wirtschaft
Eine Tasse Tee und die Putin-Rede werden wohl nicht reichen, um Bürger und Finanzmärkte zu beruhigen.
Eine Tasse Tee und die Putin-Rede werden wohl nicht reichen, um Bürger und Finanzmärkte zu beruhigen.(Foto: dpa)

Krise hat Russland fest im Griff: "Risiko einer Pleite ist groß"

Der russische Präsident Putin spielt die Wirtschaftskrise seines Landes runter, Regierung und Zentralbank hätten die passenden Maßnahmen ergriffen. DIW-Präsident Fratzscher bezweifelt jedoch im Gespräch mit n-tv.de, dass Moskau die Lage schnell in Griff kriegt. Die Ansteckungsrisiken sind hoch.

n-tv.de: Russland erlebt eine veritable Währungskrise. Bekommen Regierung und Zentralbank das wieder in den Griff?

Marcel Fratzscher: Ich habe große Zweifel daran. Denn wir haben eine Kombination von unterschiedlichen Faktoren, die für Russland extrem schmerzhaft ist. Das eine ist natürlich der Ölpreis, der mittlerweile um die 60 Dollar pro Fass liegt. Der russische Staat braucht knapp 100 Dollar, um einen ausgeglichenen Haushalt zu haben. Ich glaube aber nicht, dass das der wichtigste Grund für die schwierige Lage ist. Der wichtigste Grund sind die Sanktionen, die jetzt anfangen zu wirken. Ich habe bereits vor einem halben Jahr davor gewarnt, dass die Finanzsanktionen die gefährlichsten sind. Das Vertrauen von in- und ausländischen Investoren in den russischen Staat, in die russische Wirtschaft, ist mittlerweile so zerstört, dass sich das nicht so schnell kitten lässt.

Das sind auch die Faktoren auf die Präsident Putin selbst hinweist, beides sind externe Ursachen. Sehen Sie auch interne Faktoren, die zur jetzigen Krise geführt haben? War Russland nicht auch strukturell anfällig?

Natürlich hat Russland große strukturelle Schwächen, alleine durch die hohe Abhängigkeit von Öl- und Gasexporten. Das macht eine Volkswirtschaft enorm anfällig, viel anfälliger als beispielsweise die deutsche Volkswirtschaft, deren Exporte relativ gut diversifiziert sind. Obwohl uns die starke Abhängigkeit von den Exporten auch anfällig macht.

Sicherlich gibt es in Russland auch zu wenig einheimische Wachstumsquellen, zum Beispiel im Bereich Industrie oder Dienstleistungen. Hier zeigt sich, dass ein wenig demokratisches System eine Form des Kapitalismus hervorgebracht hat, in dem Wettbewerb und damit auch die Märkte schlecht funktionieren. Das ist nichts Neues, das hat Russland seit vielen Jahren und das hat sich in den vergangenen Jahren eher noch verschlechtert. Das ist aber nicht die wichtigste Erklärung, weshalb es aktuell so steil bergab geht.

In der aktuellen Krise werden auch Erinnerungen an die Rubelkrise Ende der 90er-Jahre wach: Kapitalabfluss, Rubel-Absturz, hohe Inflation. Das alles führte zu einer Bankenkrise, viele Banken gingen pleite. Sind diese Parallelen überzogen?

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft.
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft.(Foto: DIW)

Nein, die gegenwärtige Krise könnte für Russland noch schmerzvoller werden, als die Krise Ende der 90er Jahre. Sicherlich ist jede Krise anders. Es gab damals etwa einen festen Wechselkurs, den Präsident Boris Jelzin gegen den US-Dollar bis zuletzt verteidigte. Hier hat man sicherlich etwas gelernt. Denn Russland hat vor einigen Wochen das Wechselkursregime gegenüber dem Euro und dem Dollar gelockert, also frühzeitig versucht, die eigenen Währungsreserven nicht zu schnell zu verlieren. Das kann jedoch nur in begrenztem Maße gelingen.

Was ähnlich sein wird, ist, dass vor allem die Banken stark betroffen sein werden. Denn sie sind wegen der Sanktionen vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten. Das war ja auch das Ziel der Finanzsanktionen. Die Folge ist eine Vertrauenskrise der russischen Investoren, die bereits seit einiger Zeit versuchen, ihr Kapital ins Ausland zu bringen um einem Verfall des Rubels, aber auch mögliche Kapitalverkehrskontrollen zu entgehen.

Auch die Staatsverschuldung war Ende der 90er Jahre in einer ähnlichen Größenordnung. Heute gilt eine Staatsverschuldung von etwa 35 Prozent als niedrig, im Vergleich zu Italien mit seinen 135 Prozent sieht das geradezu hervorragend aus. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass ein Land wie Russland gar nicht die Kapazität hat, hohe Schulden aufzunehmen, weil einfach die Einnahmen und das Vertrauen in die Institutionen sehr viel geringer sind.

Was deutlich anders ist als damals, ist, dass Russland 1998 nur einen winzigen Finanzmarkt hatte. Heute ist der Finanzmarkt sehr viel größer und global vernetzter. Das bedeutet auch, dass die potenziellen Verwerfungen für den Rest der Welt, die Ansteckungsrisiken, sehr viel größer sind.

Was würden denn diese Verwerfungen konkret für Deutschland bedeuten? Wird die russische Krise auch hierzulande zu spüren sein? Oder ist sie das vielleicht schon?

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Sie ist in Deutschland sicherlich schon zu spüren, allerdings noch relativ schwach. Auswirkungen gab es bisher hauptsächlich im Handelsbereich. Da Deutschland aber relativ wenig nach Russland exportiert, hat sich das gesamtwirtschaftlich kaum ausgewirkt. Obwohl es selbstverständlich stark betroffene Sektoren und Unternehmen gibt, wie etwa im Maschinenbau.

Der größere Effekt kommt über die Finanzmärkte. Hier gibt es zwei Mechanismen, die wichtig sind: Zum einen gibt es die direkte Verflechtung. Wie die Banken, die Kredite nach Russland vergeben haben und nun Ausfälle fürchten. Das wird wahrscheinlich begrenzt bleiben, weil relativ zu den Bankbilanzen wenige Kredite nach Russland vergeben wurden.

Dann gibt es die indirekten Verflechtungen. In einer solchen Vertrauenskrise werden Investoren weltweit risikoscheuer und suchen sichere Märkte. Der weitere Verfall der Zinsen auf deutsche Staatsanleihen zeigt, dass die Investoren zuletzt verstärkt Bundesanleihen gekauft haben. Das ist natürlich gut für den deutschen Staat, bedeutet aber auch, dass in anderen Ländern Investitionen abgezogen werden. Das betrifft ganz konkret die südeuropäischen Länder, wo das Vertrauen immer noch sehr fragil ist. Über diesen Mechanismus ist aber auch Deutschland wieder betroffen, denn wenn es beispielsweise Italien nicht gelingt, aus der mittlerweile dritten Rezession in sechs Jahren herauszukommen, dann wird auch das Wachstum hierzulande im kommenden Jahr geringer sein.

Droht Russland eine Staatspleite?

Ich halte das Risiko für sehr groß, auch wenn die Staatsverschuldung mit knapp 35 Prozent wie gesagt relativ gering aussieht. Die Finanzmärkte rechnen mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent mit einer Staatspleite in den nächsten Jahren. Das halte ich für realistisch. Diese Wahrscheinlichkeit könnte zudem schnell durch verschiedene Mechanismen, wie einem weiteren Verfall der Ölpreise, steigen. Der russische Staat kann hier fehlende Einnahmen nicht kompensieren.

Der zweite Mechanismus ist das Vertrauen. Wenn die Investoren dem russischen Staat keine Kredite mehr geben, gehen die Zinsen der Staatsanleihen deutlich nach oben. Die Notenbank hat die Leitzinsen bereits auf 17 Prozent erhöht, damit werden auch die Zinsen für den Staat und die private Wirtschaft deutlich steigen. Die für nächstes Jahr prognostizierte Rezession – die russische Notenbank rechnet mit einem Schrumpfen der Wirtschaft um 4,5 Prozent – wird den Staat über geringere Steuereinnahmen noch mal deutlich treffen.

An einer Pleite Russlands kann Deutschland aber kein Interesse haben.

Man muss zwischen den wirtschaftlichen und politischen Interessen unterscheiden. Wirtschaftlich wird Deutschland für die Sanktionen einen Preis zahlen. Ich hoffe und denke, dass sich alle Regierungen dieser Konsequenzen bewusst waren, als sie Finanzsanktionen im Sommer eingeführt haben.

Mit Marcel Fratzscher sprach Samira Lazarovic

Quelle: n-tv.de

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