Wirtschaft
Wenig Feingefühl: S&P konzentriert sich auf die Note.
Wenig Feingefühl: S&P konzentriert sich auf die Note.(Foto: REUTERS)

Die deutsche Ratingnote wackelt: S&P warnt Deutschland

Die Ratingagentur Standard & Poor's lässt den Euro-Rettern keine Zeit zum Durchatmen: Kaum liegen die Merkozy-Pläne für den großen Euro-Gipfel auf dem Tisch, da hallt ein donnernder Warnschuss durch die Märkte. Diesmal betrifft es die Kernländer der Eurozone. Wenn die Politiker keine greifbaren Ergebnisse liefern, droht Deutschland der Verlust der Topbonität. Für den Bundeshaushalt wird es brenzlig.

Die Schuldenkrise könnte Deutschland seine Topbonität kosten. Angesichts wachsender Probleme hat die US-Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) auf einen Schlag die Kreditwürdigkeit von 15 Staaten der Eurozone unter Beobachtung gestellt. Je nachdem, wie der EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag ausfällt, droht eine massenhafte Herabstufung. Die Folge könnten höhere Zinsen für neue Schulden sein. Das würde die ohnehin angespannte Lage weiter verschlimmern. Das Rating der Euro-Staaten steht im Jargon der Analysten auf der "Watchlist", der Ausblick ist "negativ".

Erste Reaktionen an der Wall Street: "CreditWatch with negative implications."
Erste Reaktionen an der Wall Street: "CreditWatch with negative implications."(Foto: AP)

Die unerwartet drastische Maßnahme hatte S&P am Vortag in den späten Abendstunden verkündet: Deutschlands Spitzenrating könnte demnach von "AAA" um eine Stufe gesenkt werden. Dem zweiten wirtschaftlichen Schwergewicht in Europa, Fachleute zweifeln an Paris , droht sogar die Absenkung um bis zu zwei Stufen. Die Ratingnote ist von zentraler Bedeutung für die Staatsfinanzierung über den Kapitalmarkt.

Im Fall einer Herabstufung drohen erhebliche Mehrkosten bei der Kreditaufnahme. Wie in früheren Fällen wie etwa bei der Bewertung Griechenlands, Portugals oder Italien, steht die Ratingagentur vor dem Dilemma, die finanzielle Situation der betroffenen Staaten durch eine Absenkung erheblich zu verschlimmern. Der Besitz der Topnote "AAA" gilt in Paris und Berlin als Voraussetzung, um sich an den Kapitalmärkten zu günstigen Konditionen frisches Geld zu besorgen. Mit dem Zeitpunkt der Watchlist-Entscheidung setzt sich S&P dem Vorwurf aus, erheblichen Druck auf die europäische Politik ausüben zu wollen.

Keine Rücksicht

In Gefahr ist das entscheidende sogenannte Langzeit-Rating. Darauf schauen all jene Investoren, die Staaten oder auch Unternehmen ihr Geld ein Jahr und länger leihen wollen. Als Faustregel gilt: Je schlechter die Bonität eines Schuldners ist, desto höhere Zinsen muss er zahlen. Bereits jetzt müsste eine steigende Zahl von Mitgliedern der Eurozone trotz guter Kreditwürdigkeit tiefer in die Tasche greifen, erklärte S&P.

Allerdings gibt es keinen Automatismus: S&P hatte im Sommer die USA wegen ihrer überbordenden Schulden mit einer Herabstufung ihrer Bonität auf die zweitbeste Note "AA+" geschockt. Dennoch ist der Zinssatz eher gesunken, den die Vereinigten Staaten für neue Kredite zahlen müssen. Die Situation der USA gilt jedoch als Sonderfall: Die Angst vor weiteren Verwerfungen in der Eurozone hatte viele Investoren ihr Geld in US-Anleihen stecken lassen. Dazu kommt die besondere Stellung des Dollar als inoffizielle Weltwährung.

Da ist sie wieder, die Eskalation.
Da ist sie wieder, die Eskalation.(Foto: REUTERS)

Auf vergleichbare rücksichtsvolle Reaktionen der Investoren kann sich Deutschland nicht verlassen. Seit jeher gelten US-Staatsanleihen als "sicherer Hafen" in Krisenzeiten; das gilt auch für Anleihen der Bundesrepublik Deutschland. Die Sorgen um eine Ausweitung der Eurokrise haben jedoch das Vertrauen an den Kapitalmärkten stark geschädigt. Seit Monaten ist Europa das Thema an der Wall Street.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy reagierten dennoch betont unaufgeregt. Es würden alle notwendigen Maßnahmen getroffen, "um die Stabilität der Eurozone zu gewährleisten", erklärten sie in einer gemeinsamen Stellungnahme. Wenige Stunden zuvor hatten sie am Nachmittag in Paris eine rasche Verschärfung der Euro-Spielregeln vereinbart. Beim EU-Gipfel sollen nach ihrem Willen die Weichen für die nötige Änderung der EU-Verträge gestellt werden. Bis März 2012 sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein.

Die Analysten von S&P scheinen aber nicht überzeugt, dass die Versprechen auch fruchten. Die Probleme in der Eurozone hätten in den vergangenen Wochen ein Maß erreicht, das die Zone als Ganzes unter Druck setze, schrieben sie und beklagten, dass sich die europäischen Politiker weiterhin uneins seien, wie sie mit der Krise umgehen sollten.

Warnschuss in verschärfter Form

S&P beschränkte sich bei dem Warnschuss nicht darauf, den Ausblick für das Rating auf "negativ" zu senken, wie es üblich ist. Die Agentur wählte die schärfere Form des "CreditWatch with negative implications", was eine höhere Dringlichkeit der Überprüfung bedeutet. S&P hat nun maximal 90 Tage Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Die Agentur will auf jeden Fall noch den EU-Gipfel Ende der Woche abwarten.

Neben Deutschland und Frankreich besitzen auch die Niederlande, Österreich, Finnland und Luxemburg eine Topbonität von "AAA". Die meisten anderen Länder der Eurozone verfügen immerhin noch über eine gute oder sehr gute Bonität. Ein "befriedigend" haben Irland, Portugal und Zypern, wobei S&P das Rating von Zypern schon zuvor unter besondere Beobachtung gestellt hatte. Griechenland ist schon auf Ramschstatus abgerutscht; S&P hält die Wahrscheinlichkeit eines Bankrotts in naher Zukunft für "relativ hoch".

Deutschland besonders gefährdet?

Im Falle von Deutschland begründete S&P die mögliche Herabstufung mit der engen Verflechtung innerhalb Europas und den damit einhergehenden Gefahren für die deutsche Wirtschaft und den staatlichen Schuldenabbau. S&P erklärte, es gebe das Risiko, dass die Eurozone als Ganzes im kommenden Jahr in die Rezession rutsche. Die Wahrscheinlichkeit liege bei 40 Prozent. Für Staaten wie Spanien, Portugal und Griechenland geht S&P ganz sicher von einem Wirtschaftsabschwung aus.

Merkel und Sarkozy wollen alle notwendigen Maßnahmen treffen, "um die Stabilität der Eurozone zu gewährleisten".
Merkel und Sarkozy wollen alle notwendigen Maßnahmen treffen, "um die Stabilität der Eurozone zu gewährleisten".(Foto: AP)

"Wir müssen uns beeilen, wir haben nicht so viel Zeit", hatte zuvor Sarkozy nach dem Treffen mit Merkel betont. Notfalls komme für die beiden größten Volkswirtschaften der Eurozone auch ein Merkozy gehen den "Weg der 17" infrage. Merkel betonte mit Blick auf den EU-Gipfel: "Wir sind fest entschlossen, die Entscheidung jetzt genau bei diesem Rat herbeizuführen." Natürlich werde aber auch mit dem Europaparlament und den anderen Partnern gesprochen.

Seit Monaten sind die Märkte wegen der Schuldenkrise nervös. Der Euro fiel nach ersten Medienberichten über die bevorstehende S&P-Aktion unter 1,34 Dollar. Am Morgen danach notierte er vergleichsweise stabil bei 1,3373 Dollar.

Deutschland war im vergangenen Monat auf unerwartete Schwierigkeiten gestoßen, frisches Geld an den Kapitalmärkten aufzunehmen. Die nachlassende Nachfrage hatte allerdings mehr mit der niedrigen Verzinsung als mit der finanziellen Situation des Landes zu tun. Eine neuerliche Platzierung von Staatsanleihen verlief dagegen zu Wochenbeginn problemlos. Auch Italien konnte wieder günstiger Geld am Kapitalmarkt aufnehmen, nachdem der neue Ministerpräsident Mario Monti sein Sparpaket auf den Weg gebracht hatte.

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Quelle: n-tv.de

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