Wirtschaft
Der schottische Regierungschef Alex Salmond will ein unabhängiges Schottland.
Der schottische Regierungschef Alex Salmond will ein unabhängiges Schottland.(Foto: REUTERS)

Erdöl, Pfund, Banken: Schotten streiten um Unabhängigkeit

Von Jan Gänger

Seit 300 Jahren gehört Schottland zum Vereinigten Königreich. Das könnte sich bald ändern, denn die Schotten stimmen über eine Loslösung ab. Wirtschaftlich wäre eine Abspaltung allerdings äußerst riskant.

Wird Schottland unabhängig? Im ersten TV-Duell gut sechs Wochen vor dem Referendum über eine Loslösung Schottlands lieferten sich Regierungschef Alex Salmond und der frühere britische Finanzminister Alistair Darling ein leidenschaftliches Aufeinandertreffen.

Umfragen deuten zwar darauf hin, dass die Schotten am 18. September dafür stimmen, im Vereinigten Königreich zu bleiben. Aber viele Wähler sind noch unentschlossen, und es ist durchaus möglich, dass sich die Befürworter der Unabhängigkeit am Ende durchsetzen.

Salmond beteuerte, Schottland könne wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen und wolle nicht länger aus London regiert werden. Der Labour-Politiker Darling, der im Auftrag der Zentralregierung die Unabhängigkeits-Gegner anführt, verwies vor allem auf die Risiken eines schottischen Alleinganges.

Doch welche ökonomischen Folgen würde eine Loslösung Schottlands von Großbritannien haben? Das kann niemand mit Sicherheit vorhersagen. Zu groß sind die zu klärenden Fragen, und die mit einem solchen Schritt verbundenen Konsequenzen sind kaum abzuschätzen. Fest steht wohl nur: Eine Abspaltung wäre riskant.

Hoffen auf Öl-Milliarden

Schotten, die sich die Loslösung wünschen, verweisen vor allem auf Erdöl. Schließlich liegen die größten bekannten britischen Vorkommen in schottischen Gewässern. Ihr Argument: Wenn die Einnahmen künftig nach Edinburgh und nicht nach London fließen, könnte sich Schottland die Unabhängigkeit locker leisten. Bisher bekommt Schottland von den Steuer-Milliarden einen Anteil von gut acht Prozent, was ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.

Eine Studie der Bank ING von Anfang vergangenen Jahres kommt zu dem Schluss: Sollte das Öl Schottland alleine gehören, würden die Steuereinnahmen um etwa 7 Milliarden Pfund (8,7 Milliarden Euro) klettern. Allerdings würde Schottland Transferleistungen in gleicher Höhe verlieren - das wäre damit ein Nullsummenspiel.

Womöglich müsste Schottland sogar draufzahlen. Denn die Einnahmen aus der Gas- und Ölproduktion gehen seit einigen Jahren zurück. Der britischen Statistikbehörde zufolge lagen sie im vergangenen Jahr bei 4,7 Milliarden Pfund und damit um 25 Prozent tiefer als ein Jahr zuvor. Damals waren sie bereits um 45 Prozent eingebrochen.

"Die Produktion dort sinkt, und die Kosten steigen. Früher bohrte man, das Öl schoss heraus, es kostete 5 Dollar und man verkaufte es für 40 Dollar", sagt Steven Bell, Chefvolkswirt der Londoner Investmentgesellschaft F&C. "Heute liegen die Produktionskosten ziemlich nahe am Verkaufspreis. Zwar ist das Wirtschaftswachstum noch gut. Aberdeen ist neben London die einzige Stadt, wo die Leute sehr gut verdienen, aber im Vergleich zur britischen Wirtschaft ist das doch ziemlich wenig."

Teure Bankenrettung

Gegner der Abspaltung zeigen vor allem auf das schottische Bankensystem. In ihren Augen ist es viel zu groß, als das Schottland die Risiken alleine schultern könne. Die Royal Bank of Scotland (RBS) gehört zu den größten Geldinstituten der Welt. Während der Finanzkrise hatte die Bank Gesamtverbindlichkeiten von 1,6 Billionen Pfund in der Bilanz stehen - das ist eine Summe, die das britische Bruttoinlandsprodukt übersteigt und um ein Vielfaches über der schottischen Wirtschaftsleistung liegt. Der Staat pumpte mehr als 45 Milliarden Pfund in die Bank, um sie vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Einen solchen Bailout hätte Schottland wohl überfordert - zumal London weitere 20 Milliarden Pfund an Lloyds überwies, den Eigentümer der Halifax Bank of Scotland.

Als Gegenleistung ist die britische Regierung mit rund 80 Prozent an der RBS beteiligt. Für den Fall einer schottischen Abspaltung stellt sich die Frage, welche Auswirkungen das für die dortigen Banken hat. Chairman Philip Hampton hält sich vornehm zurück: "Es gibt eine große Unsicherheit." Die Finanzindustrie beschäftigt in Schottland rund 200.000 Menschen, das sind etwa zwölf Prozent aller Arbeitnehmer, die Branche trägt rund 7 Milliarden Pfund zur Wirtschaftsleistung bei. Bleiben die Banken in Schottland, oder ziehen sie in den Süden der Insel? Das wird wohl nur nach langen, zähen Verhandlungen geklärt sein. Offiziell gibt es bei der RBS keine Pläne, den Sitz zu verlegen. Der Vermögensverwalter Standard Life ist einen Schritt weiter. Das Unternehmen, das 191 Millionen Pfund verwaltet, gründet derzeit Gesellschaften außerhalb Schottlands.

Doch nicht nur über Ölfelder und Banken müssten sind London und Edinburgh einig werden. Wieviel Schulden des Vereinigten Königreichs würde Schottland übernehmen? Und dürfen die Schotten wie gewünscht das Pfund behalten? Britische Regierung und Parlament schließen das aus. Ohne politische Union gebe es auch keine Währungsunion, sagte der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für schottische Angelegenheiten, Ian Davidson: "Keine Währungsgemeinschaft jedweder Art. Kein wenn, kein aber, keine Schummeleien, keine Abkommen." Die schottische Regierung müsse nun einen "Plan B" präsentieren.

Müsste Schottland tatsächlich eine eigene Währung einführen, steht das Land vor einer gewaltigen Aufgabe, die nicht kurzfristig bewältigt werden kann. Zumal für die meisten Schotten der Euro keine wünschenswerte Alternative ist - die Gemeinschaftswährung ist bei ihnen kaum beliebter als im Rest des Vereinigten Königreichs.

Unabhängig davon, ob sich die schottische Volkswirtschaft einen Alleingang leisten kann und ob sich eine Loslösung langfristig auszahlt: Der Übergang zu einem selbstständigen Staat ist mit großen Unsicherheiten und Risiken behaftet. Mitte September steht fest, ob die Schotten den Schritt dennoch wagen.

Quelle: n-tv.de

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