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Verzögerungen "made in Germany": Siemens und seine Probleme

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Wie in vielen Großunternehmen hört man auch bei Siemens unter altgedienten Mitarbeitern gelegentlich böse Sprüche: "Wollen Sie was Gescheites oder etwas von Siemens?", laute die Standardfrage bei Kundengesprächen, heißt es etwa. Die Schmähung hat einen ernsthaften Hintergrund, wie die jüngsten Pannen bei der Abnahme der bestellten ICE-Züge wieder vor Augen geführt haben. So gesehen dürfte die Aufsichtsratssitzung am Mittwoch, bei der eigentlich die Börsenpläne für Osram im Vordergrund stehen sollten, für Vorstandschef Peter Löscher ungemütlich werden.

Vor allem mit Großprojekten und Zeitplänen tun sich die Münchner schwer. Die Bahntechnik-Sparte kann auf eine lange Geschichte von Verzögerungen und Konstruktionsfehlern zurückblicken. Vor knapp zehn Jahren wurde der Markenname "Combino" zum Inbegriff für Konstruktionsschwächen Made by Siemens. Die Straßenbahnen bekamen schon nach kurzem Einsatz Risse, die Dächer drohten einzustürzen. Der Hersteller musste die Züge für hunderte von Millionen Euro reparieren.

Die Magnetbahn Transrapid stellte Siemens-Chef Löscher vor fünf Jahren zusammen mit seinen Kollegen von ThyssenKrupp und einem Baukonsortium Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber zu einem Fixpreis in Aussicht. Nur ein halbes Jahr später entpuppte sich das Versprechen als unhaltbar, das Prestigeprojekt platzte. Die Industrie wandte sich in der Folge von der Technik ab, die seither als Musterbeispiel für unwirtschaftliche Ingenieurskunst gilt.

Pannen in Serienreife

Doch nicht nur im Bahngeschäft häufen sich die Pannen. Auch die Energietechnik kann mit einer Reihe von Schnitzern aufwarten. Jüngst versenkte Siemens in diesem Segment eine halbe Milliarde Euro, weil sie Windparks vor der Nordseeküste nicht rechtzeitig ans Netz anschließen können. Der Netzbetreiber TenneT als Auftraggeber schäumte. Der Schweizer Erzrivale ABB musste Siemens beispringen, um den Anschluss von wenigstens einem Standort zu retten.

Im finnischen Olkiluoto bauen die französische Areva und Siemens derzeit Europas einziges neues Atomkraftwerk. Seit 2009 soll der Meiler eigentlich Strom ins Netz einspeisen, doch die beiden Auftragnehmer hielten bei dem Projekt nicht annähernd den Zeitplan ein. Immer wieder wurde die Fertigstellung verschoben, bislang ist nur klar, dass bis 2014 kein Strom fließen wird. Areva und Siemens verbuchten immer wieder hohe Sonderlasten, der Betreiber TVO beziffert den Schaden durch die Verzögerung inzwischen auf 1,8 Milliarden Euro.

Als im Mai bekannt wurde, dass der Großflughafen Berlin-Brandenburg nicht rechtzeitig fertig wird, weil es Probleme mit dem Brandschutz gibt, mussten Branchenkenner auf der Suche nach den Schuldigen nicht lange nachdenken. Neben Bosch, der Telekom<DTEGn.DE und zwei Mittelständlern zeichnet Siemens für die Feuerschutztechnik verantwortlich.

Ramsauer "stocksauer"

Die Patzer kratzen zunehmend am Image des 165 Jahre alten Konzerns. Über die Bahn-Verspätung zeigte sich Verkehrsminister Peter Ramsauer "stocksauer" und nahm Siemens-Chef Löscher in die Pflicht. Seinen Zorn begründete der CSU-Politiker damit, dass "feste Zusagen von allerhöchster Ebene nicht eingehalten worden sind". Auch am Kapitalmarkt kommen die teuren Fehler ähnlich schlecht an. Zwischen dem Geschäftsjahr 2000 und dem Frühjahr 2012 habe Siemens 4,6 Milliarden Euro in missratenen Großprojekten versenkt, rechneten die Analysten der Deutschen Bank vor. "In anderen Worten, diese Verluste hängen mit Management-Problemen zusammen", hieß es in einer Studie der Bank. "Fast zehn Prozent des Eigenkapitals sind durch Großaufträge in den vergangenen zwölf Jahren vernichtet worden."

Viele Kenner sehen den Grund für die sich häufenden Fehler darin, dass Löscher auch fünf Jahre nach seinem Amtsantritt mit Siemens fremdelt. Der Kärntner hatte den Großteil seiner Karriere zuvor in der Pharma- und Medizintechnikbranche verbracht und wurde im Zuge des Siemens-Korruptionsskandals 2007 als erster externer Manager Chef des Traditionsunternehmens. Anders als seine Vorgänger ist er kaum in dessen Ingenieurskultur verwurzelt. Tritt er vor der Presse oder vor Analysten zusammen mit dem langgedienten Finanzchef Joe Kaeser auf, richten sich die Fragen meist an den obersten Zahlenmann, der selbst abseitige Details im Kopf parat hat. So geriet Löscher im Sommer selbst unter Dax-Amtskollegen in die Kritik. "Die Fehlschläge häufen sich, wenn ein Unternehmen nicht operativ geführt wird", kommentierte ein Spitzenmanager die Entwicklung bei Siemens.  

Sanierungsplan wie zum Amtsantritt

Dabei sind Löschers Ziele eigentlich klar gesteckt. Mittelfristig soll das Unternehmen auf einen Umsatz von 100 Mrd. Euro kommen, schneller wachsen als die Konkurrenz und ordentlich Geld dabei verdienen. Für die Zuwächse spendierte Löscher seinen Ingenieuren in den vergangenen Jahren Forschungsgelder von acht Milliarden Euro, um mit neuen Angeboten die Einnahmen nach oben zu schrauben. Gebracht hat es allerdings kaum etwas, wie die jüngsten Bilanzen zeigen. Stattdessen legte Löscher neuerlich ein Sparprogramm auf, dass bis auf den Stellenabbau aussieht wie eine Kopie seines ersten Restrukturierungsplans kurz nach Amtsantritt.

Seinerzeit schneiderte er auch die Struktur der Siemens-Führung um. Löscher schaffte die Gremienkultur ab, benannte für die Großsegmente eigene "CEOs" und schmähte das mittlere Management als "Lehmschicht". Das Unternehmen sei ihm "zu weiß, zu deutsch, zu männlich", klagte er und holte mit Barbara Kux und Brigitte Ederer erstmals Frauen in den Vorstand. Die Langmut seiner Vorgänger mit Managern, die sich Schnitzer leisteten, legte er ab. So mussten erst kürzlich Bahntechnikchef Hans-Jörg Grundmann und Übertragungstechnikleiter Udo Niehage ihre Posten räumen. Einkaufschefin Kux muss sich bis kommenden Herbst eine neue Stelle suchen.

Quelle: n-tv.de

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