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Das hatte sich der neue Siemens-Chef Joe Kaeser anders gedacht.
Das hatte sich der neue Siemens-Chef Joe Kaeser anders gedacht.(Foto: REUTERS)

"Neues" Sparprogramm sorgt für Chaos: Siemens verpatzt Präsentation

Das monatelange Rätselraten über die Größenordnung des Stellenabbaus im Siemens-Konzern ist zu Ende. 15.000 Stellen sollen weltweit wegfallen. Mit der Zahl sorgt Siemens für Aufregung, besonders bei der eigenen Belegschaft. Soll etwa schon wieder "der kleine Mann" für die Fehler in der Teppich-Etage bezahlen?

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Das Streichkonzert im Siemens-Konzern sorgt für neue Verunsicherung in der Belegschaft. Vor zwei Monaten hatten Siemens-Mitarbeiter ihrem neuen Chef Joe Kaeser noch applaudiert, als er ihnen nach turbulenten Jahren Ruhe versprach. "Es ist keine unternehmerische Leistung, möglichst viele Arbeitsplätze zu vernichten", sagte er bei seinem ersten Auftritt im Innenhof der Münchner Konzernzentrale. Nun kommen andere Botschaften aus der Chefetage: 15.000 Stellen will Siemens streichen, um seine milliardenschweren Sparziele zu erreichen. Wie passt das zusammen?

Das Programm zum Stellenabbau ist nicht neu. Zum ersten Mal nennt der Vorstand aber konkret, wie viele Mitarbeiter von dem seit 2012 laufenden Sparprogramm "Siemens 2014" betroffen sind: 5000 in Deutschland, 10.000 im Ausland. Gemeinsam versuchten Siemens, Betriebsrat und IG Metall am Montag, die Wellen zu dämpfen. IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner lobt sogar das bisherige Vorgehen des Elektrokonzerns: "IG Metall und Betriebsrat erwarten von Siemens ein Bekenntnis zum bisherigen Vorgehen. Das heißt, dass die Information von Mitarbeitern und Betriebsräten an erster Stelle steht, die Verhandlungen vor Ort entsprechend geführt werden."

Aber der neue Siemens-Chef muss sich jetzt seine erste gravierende Kommunikationspanne ankreiden lassen. Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler kritisiert: "Die Meldung aus dem Siemenskonzern gestern hat mehr Unklarheit als Klarheit geschaffen, weil der Eindruck erweckt wurde, hier handele es sich um ein neues und dramatisches Abbauprogramm. Das hat zehntausende Siemensianer verunsichert."

Visionen statt Rotstift!

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Das zeigte sich am Montagmorgen an den Werkstoren. "Die Stimmung ist schlecht, die Kollegen sind unzufrieden", sagt ein Siemens-Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit in einem Nürnberger Werk, das Spezialantriebe für Schiffe und Walzwerke herstellt. Der Mann aus der Einkaufs-Abteilung macht aus seiner Enttäuschung über den neuen Konzernchef kein Hehl: "Wir brauchen einen Manager - und zwar einen mit Zukunftsvisionen und keinen, der kürzt und kürzt und die Probleme nicht angeht." Und er klagt: "Immer wird der kleine Mann gedrückt, und der Wasserkopf wird immer größer."

Tatsächlich kostet die Renditeschwäche von Siemens auch Topmanager den Kopf - Kaesers Vorgänger Peter Löscher wurde im Juli geschasst, weil er die Gewinnziele verfehlte. Konkurrenten wie General Electric sind deutlich profitabler, mit weniger Personal.

Mit dem Programm "Siemens 2014" will der Konzern seine jährlichen Kosten um 6,3 Milliarden Euro drücken. In Deutschland wurden bis heute bereits 2500 Stellen gestrichen - weitere 2500 sollen in den nächsten Monaten folgen. "Das ist nichts Neues", heißt es am Montag aus Gewerkschaftskreisen. Alle Standorte und Betriebsräte seien informiert. Wo der Interessenausgleich noch nicht unter Dach und Fach sei, liefen die Verhandlungen.

Betriebsbedingte Kündigungen hat Siemens nach einer Vereinbarung mit IG Metall und Betriebsrat ausgeschlossen, die Arbeitsplätze werden mit Hilfe von Altersteilzeit, Abfindungen und Versetzungen eingespart. "Wir gehen davon aus, dass Siemens diesen Weg weiter verfolgen wird", sagt IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner. An vielen Standorten hätten die Arbeitnehmervertreter einen reinen Stellenabbau verhindern können.

Auch ein Siemens-Sprecher betont: "Das ist kein neues Programm". Außerdem werde die Zahl der Siemens-Beschäftigten in Deutschland unverändert bei etwa 119.000 bleiben, weil an anderen Stellen neue Stellen aufgebaut würden. Auch weltweit bleibe es bei etwa 368.000 Stellen.

Börse hat aufgepasst

Und die Börse gähnt - ein Stellenabbau in dieser Größenordnung war schon lange erwartet worden. Die Aktie bewegte sich schließlich im Gleichschritt mit dem Dax und den europäischen Industriewerten. Analyst Jasko Terzic von der DZ Bank mahnte: "Die Notwendigkeit, die Rendite zu trimmen, ist weiterhin hoch."

Aber niemand erwartet, dass Kaeser beim anstehenden Treffen der Topmanager in Berlin oder der Bilanzpressekonferenz im November schon wieder ein neues Fass aufmacht. Im Gegenteil: Ruhe in den Konzern zu bringen, habe jetzt höchste Priorität, hatte er beim Amtsantritt gesagt. Mit der Bekanntgabe der Zahlen zum Stelleanbau wollte er eigentlich nur wochenlange Spekulationen vor diesen Terminen verhindern, hieß es aus unternehmensnahen Quellen. Der Schuss ging zwar nach hinten los - "ein positiver Unfall", meint ein Gewerkschafter.

Quelle: n-tv.de

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