Wirtschaft
Nach dem Anschlag vom 11. April: Bus von Borussia Dortmund mit einer beschädigten Scheibe.
Nach dem Anschlag vom 11. April: Bus von Borussia Dortmund mit einer beschädigten Scheibe.(Foto: dpa)
Freitag, 21. April 2017

BVB-Attentat: So spekulierte der Verdächtige

Von Jan Gänger

Mit dem Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund wollte Sergej W. mutmaßlich den Kurs der BVB-Aktie in den Keller treiben - und dadurch viel Geld verdienen. Wie funktioniert eine solche Wette?

Verantwortlich für den Anschlag auf die Mannschaft des BVB ist offenbar ein 28-Jähriger, der eine hochriskante Finanzwette eingegangen ist: Sergej W. hatte den Ermittlern zufolge auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie spekuliert - und wollte das durch den Anschlag erreichen. Mit einem erheblichen Kursverfall wäre zu rechnen gewesen, wenn in Folge des Anschlags Spieler schwer verletzt oder gar getötet worden wären.

Es mag widersinnig klingen, sich fallende und nicht steigende Kurse zu wünschen. Doch an den Finanzmärkten gibt es Möglichkeiten, von sinkenden Kursen zu profitieren. Eine davon sind Optionsscheine. Sergej W. soll 15.000 Stück gekauft und das über einen Kredit finanziert haben.

Optionsscheine sind im Prinzip ein Recht auf einen Deal. Sie erlauben beispielweise, eine bestimmte Menge von Aktien innerhalb einer festgelegten Zeitspanne zu einem vorher vereinbarten Preis zu kaufen - oder eben zu verkaufen. Durch sogenannte Call-Optionsscheine verdient man mit Kurssteigerungen der zugrundeliegenden Aktie Geld, mit Put-Optionsscheinen profitiert man von deren Kursverlusten. Der mutmaßliche Attentäter hatte Put-Optionsscheine gekauft. Er wettete also auf eine fallende BVB-Aktie.

Optionsscheine werden an der Börse gehandelt, man kann sie also innerhalb ihrer Laufzeit jederzeit kaufen oder verkaufen - in der Regel schwankt ihr Preis stark. Ihr Wert hängt vom aktuellen Kurs der zugrundeliegenden Aktie und deren Volatilität ab. Hinzu kommt die Rest-Laufzeit des Optionsscheins.

Hoher Gewinn für kleinen Einsatz

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Ein Beispiel: Ein Put-Optionsschein erlaubt, eine Aktie bis zu einem bestimmten Termin für 100 Euro zu verkaufen - unabhängig davon, wie hoch der Aktienkurs dann tatsächlich ist. Für dieses Recht bezahlt der Käufer des Optionsscheins beispielsweise 10 Euro.

Dieses Recht wird der Inhaber des Optionsscheins nur dann ausüben, wenn die Aktie unter einem Kurs von 100 tendiert. Das heißt aber auch: Je niedriger der Kurs ist, umso wertvoller ist das vereinbarte Verkaufsrecht.

Ob man einen guten Deal macht, hängt also von dem Preis ab, den man für den Optionsschein bezahlt hat - in diesem Beispiel zehn Euro. Der Kurs der Aktie muss also von 100 auf 90 Euro sinken, damit zumindest kein Verlustgeschäft gemacht wird. Stürzt die Aktie dagegen auf 80 Euro ab, verdient man 10 Euro. Mit anderen Worten: Ein Kursverlust der Aktie um 20 Prozent bedeutet ein Profit von 100 Prozent mit dem Optionsschein.

Bei Optionsscheinen sind also mit relativ wenig Einsatz hohe Gewinne möglich. Allerdings können durch diese Hebelwirkung auch überproportional hohe Verluste entstehen - auch ein Totalverlust ist je nach Art des Optionsscheins möglich. Daher ist es besonders riskant, diese hochspekulativen Wetten mit einem Kredit zu finanzieren.

Kein Millionengewinn

Den Behörden zufolge kaufte der mutmaßliche Attentäter am 11. April insgesamt 15.000 Put-Optionsscheine mit einer Laufzeit bis zum 17. Juni. Damit kommen vier von der DZ Bank ausgegebene Papiere mit entsprechenden Tagesumsätzen in Frage. Eines davon hat einen Basispreis von 5,20 Euro. Das bedeutet, dass ein Anleger eine BVB-Aktie während der Laufzeit zu diesem Preis verkaufen darf - unabhängig vom Aktienkurs. Die so genannten Strike-Preise der übrigen Puts liegen deutlich niedriger, bei bis zu vier Euro.

Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung unter Berufung auf das Bundeskriminalamt hätte der mutmaßliche Täter mit seinen Puts bis zu 3,9 Millionen Euro Gewinn machen können. Es ist allerdings nicht ersichtlich, wie diese Summe zusammenkommen soll.

Am Tag des Anschlags stieg der Kurs des Puts mit Basispreis 5,20 Euro auf 0,19 von 0,15 Euro. Bei 15.000 gekauften Stücken ergibt sich daraus ein Einsatz von etwa 2500 Euro. "Wenn die BVB-Aktie auf vier Euro fällt, steigt der Kurs des Puts auf etwas mehr als ein Euro", rechnet ein Derivatehändler vor. "Damit hätte man also 15.000 Euro verdient." Fiele die BVB-Aktie auf ein Euro, würde dies den Put auf etwa vier Euro treiben.

Der große Kurssturz blieb allerdings aus. Am Tag nach dem Anschlag rutschte die BVB-Aktie zunächst um zwei Prozent auf 5,50 Euro ab, drehte dann ins Plus und notierte zeitweise drei Prozent fester. Zum Börsenschluss lag sie 1,7 Prozent höher bei 5,71 Euro. Seither haben die Titel nie weniger als 5,36 Euro gekostet. Für Anleger ist ein Put mit einem Basispreis von 5,20 Euro also ein Verlustgeschäft.

Quelle: n-tv.de

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