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Wegen Milliardenabschreibungen auf seine US-Werke steht dem Stahlkonzern ThyssenKrupp eine schwierige Zukunft bevor.
Wegen Milliardenabschreibungen auf seine US-Werke steht dem Stahlkonzern ThyssenKrupp eine schwierige Zukunft bevor.(Foto: picture alliance / dpa)

Milliardenverlust und Korruption: Stahlriese auf Kollisionskurs

Von Hannes Vogel

Fünf Milliarden Euro Verlust und drei gefeuerte Vorstände: Kann Heinrich Hiesinger das Ruder herumreißen? Nicht nur Korruptionsvorwürfe und das US-Desaster lasten auf dem Konzern. Der Stahlriese steuert womöglich auf neue Probleme zu.

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"Die Faktenlage ist ernst": Als ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger auf der Bilanzpressekonferenz zu seinen Ausführungen ansetzte, musste er tiefer Luft holen als gewöhnlich. Der Ruhrkonzern steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte, die Fehlentwicklungen hatten sich in den letzten Wochen derart gehäuft, dass der Vorstandschef der versammelten Presse zunächst einen Überblick geben musste.

  • Jahrelang sprachen Manager von ThyssenKrupp, Voestalpine und anderen Stahlherstellern die Preise für Schienenlieferungen ab und trafen sich dafür auch in Bordellen. 103 Mio. Euro Strafe hat ThyssenKrupp wegen des Schienenkartells bereits bezahlt. Mit den Schadensersatzforderungen von Deutscher Bahn und anderen Kunden könnten es fast eine halbe Mrd. Euro werden.

  • Wegen neuer massiver Wertberichtigungen von 3,6 Mrd. Euro auf die neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA rutscht der Konzern noch tiefer in die roten Zahlen und schreibt einen Megaverlust von 5 Mrd. Euro. Erstmals in seiner Geschichte zahlt der Konzern seinen Aktionären keine Dividende.

  • 50 Mitarbeiter mussten den Konzern bereits wegen Verstößen gegen die Regeln guter Unternehmensführung verlassen. Auch Vorstand Jürgen Claasen steht am Pranger: Er soll versucht haben, Journalisten mit Luxusreisen gefügig zu machen und sich auf einer Dienstreise auch privat auf Konzernkosten vergnügt haben.

  • Schon vor einer Woche hatte Hiesinger deswegen die Notbremse gezogen und den halben Vorstand gefeuert. Gehen mussten Jürgen Claasen selbst sowie Technik-Chef Olaf Berlien und Edwin Eichler, der das Milliardendebakel im Stahlbereich zu verantworten hat.

Nachdem Hiesinger das verheerende Lagebild gezeichnet hatte, rechnete er mit dem Management ab: "Ich werde hier nichts beschönigen, denn es ist offensichtlich, dass in der Vergangenheit sehr viel schief gelaufen ist", sagte Hiesinger, der seit Anfang 2011 an der Vorstandsspitze steht. "Das Desaster bei Steel Americas hat uns gezeigt, dass unsere Führungskultur an vielen Stellen des Unternehmens versagt hat", sagte Hiesinger. "Es wurde eine Kultur gepflegt, in der Abweichungen und Fehlentwicklungen lieber verschwiegen als korrigiert wurden." Zudem habe offenbar bei einigen die Ansicht vorgeherrscht, dass "Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten".

Desaster mit US-Stahlwerken belastet den Konzern

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Genau diese verheerende Management-Kultur hat ThyssenKrupp eine gravierende Fehlinvestition eingebrockt, die den Stahlriesen nun in die Knie zu zwingen droht. Ex-Vorstand Ekkehard Schulz musste deswegen bereits seinen Hut nehmen und in den Aufsichtsrat wechseln. Sein Plan war visionär und wurde entworfen, als der Stahlmarkt noch boomte: Ein neues Werk in der Nähe von Rio de Janeiro sollte Stahlblöcke, sogenannte Brammen, deutlich günstiger als in Deutschland produzieren und an eine Walzanlage im US-Bundesstaat Alabama verschiffen. Von dort sollten die Bleche vor allem in der US-Autoindustrie zum Einsatz kommen, von der sich ThyssenKrupp neue Umsätze versprach.

Doch schon bald explodierten die Baukosten für die neuen Werke. Aus ursprünglich drei wurden 12 Mrd. Euro - mehr als der gesamte aktuelle Börsenwert des Unternehmens, der nur noch bei etwa 8 Mrd. Euro liegt. Der brasilianische Stahl war nicht billiger, sondern teurer als die Brammen aus Duisburg, die Werke unrentabel. Trotzdem geschah lange nichts: Schon im vorigen Geschäftsjahr musste ThyssenKrupp 2,1 Mrd. Euro auf die Werke abschreiben, nun kommen noch einmal 3,6 Mrd. Euro hinzu. Doch erst im Mai rang sich der Dax-Konzern durch, einen Schlussstrich unter sein Amerika-Abenteuer zu ziehen. Seitdem sucht der Konzern einen Käufer für die Werke - Ausgang ungewiss.

Stahlriese in Finanzschwierigkeiten

Ob der Konzern einen solchen Brocken verdauen kann, ohne in echte Schwierigkeiten zu geraten, bleibt abzuwarten. Der Verlust von fünf Mrd. Euro bedeutet nicht etwa, dass ThyssenKrupp sofort vor der Pleite steht. Er signalisiert nur sehr dramatisch, dass der Stahlriese nicht profitabel arbeitet. Und er zehrt den Unternehmenswert immer mehr auf: Durch den Fehlbetrag ist das Eigenkapital des Konzerns um mehr als die Hälfte geschrumpft: von 10,3  Mrd. auf nur noch 4,5 Mrd. Euro.  

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In ernste Zahlungsschwierigkeiten geriete der Konzern wie jedes Unternehmen dagegen erst, wenn er nicht mehr genügend freie Mittel hat, um seine laufenden Schulden zu bedienen. Finanzchef Guido Kerkhoff bemühte sich denn auch, jeglichen Zweifel daran zu zerstreuen: Die Finanzierung des Konzerns sei sichergestellt, die freie Liquidität für das kommende Geschäftsjahr betrüge 6,7 Mrd. Euro. Rund 4,4 Mrd. Euro davon sind allerdings nur zugesagte Kreditlinien. Freie Mittel hat der Konzern dagegen nur noch 2,3 Mrd. Euro – und muss im kommenden Geschäftsjahr 2,2 Mrd. Euro zurückzahlen, bis 2016/2017 insgesamt 7,7 Mrd. Euro.

Bei Lichte betrachtet ist die Finanzierung des Konzerns also auf Kante genäht. Denn bis zu ihrem Verkauf werden die US-Werke weiter freie Mittel verbrennen, wann die Transaktion über die Bühne geht ist weiter unklar und zu welchem Preis. Die Nettofinanzschulden des Konzerns haben um zwei Drittel auf 5,8 Mrd. Euro zugelegt - ein beachtlicher Anstieg, gibt selbst Kerkhoff zu. Inzwischen steht ThyssenKrupp mit 88 Prozent seines Gesamtvermögens in der Kreide. Das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital hat sich auf 128 Prozent fast vervierfacht - bei 150 Prozent wollen einige Banken laut Vertrag den Geldhahn zudrehen.

Auch der Rumpf des Ruhrkonzerns fault

Die Werke in den USA und Brasilien sind ganz klar der Mühlstein um den Hals von ThyssenKrupp. Konzernchef Hiesinger bemühte sich denn auch darzustellen, wie rosig die Perspektiven des Konzerns seien, wenn die Anlagen erst abgestoßen sind. Ohne die Belastungen aus dem Amerika-Abenteuer hätte ThyssenKrupp schon heute einen operativen Gewinn von rund 1,4 Mrd. Euro gemacht, alle Geschäftsbereiche würden profitabel arbeiten, rechnet Hiesinger vor.

Doch nicht nur die amerikanischen Extremitäten, auch der Rumpf des Ruhrkonzerns fault gewaltig. Denn auch das, was Hiesinger "fortgeführte Aktivitäten" nennt – u.a. das Geschäft mit Stahl in Europa, Aufzügen und Fertigteilen - schrumpfte im Jahresvergleich um rund sechs Prozent. Seit Monaten schieben die Arbeiter in Duisburg und anderen Werken in Europa deshalb Kurzarbeit. Eigentlich sollte sie im Januar auslaufen. Doch "die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich nicht gebessert", gibt Hiesinger zu. Der Konzern hofft nun auf eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes der Bundesregierung. Mit "Rückgang, aber weiterhin positiv!" beschreibt Hiesinger den Ausblick für das Stahlgeschäft in Europa im kommenden Geschäftsjahr. Sein Konzern wird mehr brauchen als Glück und Zweckoptimismus, damit sich diese Vorhersage bewahrheitet.

Quelle: n-tv.de

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