Wirtschaft
Telekom-Inkubator Hub:raum: Vernetzung fast so wichtig wie die Finanzierung.
Telekom-Inkubator Hub:raum: Vernetzung fast so wichtig wie die Finanzierung.(Foto: Samira Lazarovic)

Da wird was ausgebrütet: Startups im Inkubator

Von Samira Lazarovic

Startups, das klingt nach Jahrtausendwende und tiefem Fall. Doch die Gründerszene ist aktiv und jetzt mischen die Großen wie Google, IBM oder Deutsche Telekom mit. Sie züchten die neuen Startups in sogenannten Inkubatoren heran. Im Telekom-Inkubator Hub:raum trifft man auch auf ein bekanntes Gesicht.

Oliver Wilken von Scolibri: Ganze Geschäftsmodelle in 2 Minuten erklären.
Oliver Wilken von Scolibri: Ganze Geschäftsmodelle in 2 Minuten erklären.(Foto: Samira Lazarovic)

"Mein Name ist Oliver Wilken und unser Projekt heißt Scolibri. Wir wollen mit unserer App die Art, in der Lehrer und Studenten miteinander kommunizieren und sich organisieren, ändern." "Hallo, ich bin Stefan Decker. Darf ich Dir Stylemarks zeigen? Stylemarks ist ein vertikaler Marktplatz für alle, die Mode, Vintage und Design lieben. Willst Du es einmal selbst ausprobieren?" "Wir wollen mit Toywheel Eltern helfen, ihren Kindern Wurzeln und Flügel zu geben. Unsere Produkte fördern die Kreativität. Ich? Ich bin Evgeni Kouris."

Nur zwei Minuten brauchen die Teilnehmer des Hub:raum-Projektes der Deutschen Telekom, um ihre Geschäftsmodelle zu erklären oder mal rasch auf dem iPhone vorzuführen. Einer nach dem anderen springt auf, als der Besuch durch das Betahaus in Berlin-Kreuzberg geführt wird, wo gerade 15 Gründerteams ein achtwöchiges sogenanntes "Accelerator"-Programm durchlaufen, das sie fit für die Unternehmensgründung machen soll.

"Ihre Ideen in wenigen Worten prägnant auf den Punkt zu bringen, das lernen die Teams hier unter anderem ", sagt Fee Beyer, Program Managerin bei Hub:raum. In der Tat präsentieren sich die jungen Gründer selbstbewusst – nur gelegentlich verrät ein Seitenblick zu Fee Beyer kleine Unsicherheiten, oder den Schelm, wenn die vorgegebenen zwei Minuten doch mal überschritten werden. Danach geht es wieder emsig an die Arbeit.

Gestandene Frau unter Männern

Glücklich unter Gründern: Beate Wedekind mit Peter Borchers
Glücklich unter Gründern: Beate Wedekind mit Peter Borchers(Foto: Samira Lazarovic)

Es sind die unterschiedlichsten Ideen, die hier zu Unternehmen reifen wollen: Es gibt digitale Zeitmanager, wie die Eisenhower-App, mit der man seine täglichen Aufgaben wie der einstige US-Präsident Ike Eisenhower höchstpersönlich sortieren kann, oder auch reale Roboter zur Reinigung von Solarkraftwerken, wie sie Solarbrush entwickelt. Auch die Gründerteams selbst, von denen die meisten über einen Wettbewerb beim Startup-Event "Hy Berlin" beim Hub:raum-Projekt gelandet sind, sind alles andere als homogen. Zwar dominieren junge Männer das Bild, dazwischen ist aber auch ein bekanntes Gesicht zu sehen: Beate Wedekind. Was macht die ehemalige "Bunte"-Chefredakteurin in einer Startup-Schmiede? Ist sie einer der Mentoren? "Nein", lacht die Journalistin. "Ich bin Gründerin. Mein neues Projekt heißt "The New//Africa" und soll ein multimediales Magazin und Netzwerk für die junge, mobile afrikanische Generation werden."

Irgendwann habe sie vom "Hub:raum" gehört und sich einfach beworben. "Und jetzt bin ich hier unter lauter jungen Leuten. Der Nächstältere ist 45 Jahre alt." Das scheint der 61-Jährigen nichts auszumachen, ganz im Gegenteil: "Ich habe hier eine Menge gelernt." Zum Beispiel? "Ich wollte 'The New Africa' zunächst als Printprodukt herausbringen, dann als Website, jetzt weiß ich, dass es 'Mobile First' heißen sollte."

Startup-Atmosphäre made by Telekom

Startup-Feeling -  mehr als eine Dekade später.
Startup-Feeling - mehr als eine Dekade später.(Foto: Samira Lazarovic)

Große Räume, kahle Wände, einfache Tische und ein paar Sofas in den Ecken: Vieles erinnert im Beta-Haus an die erste Welle der Startups Ende der 1990er Jahre – nur dass diesmal das Ambiente nicht von den schmalen Geldbeuteln der Gründer bestimmt, sondern bewusst vom Team der Deutschen Telekom kreiert wurde. Was verspricht sich ein Weltkonzern von solchen Projekten? "Die Telekom möchte jenseits der eigenen Entwicklungsarbeit auch Innovation von außen reinholen", erklärt Hub:raum-Leiter Peter Borchers.

Damit ist die Telekom nicht alleine, auch andere Großkonzerne sind auf der Suche nach frischen Ideen – ob Google, IBM oder Bertelsmann mit BeVation: Immer mehr Unternehmen versorgen in ihren eigenen Inkubatoren junge Gründer mit Geld und Know How, vorzugsweise in den pulsierenden Städten der Gründerszene, Berlin und München. Diese Euphorie erinnert an den Startup-Hype um die Jahrtausendwende – der spätestens 2001 mit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes ein abruptes Ende fand.

Warum sollte es diesmal anders sein? "Die Fundamentaldaten sind anders", sagt Borchers. "Anfang der Nullerjahre gab es Breitband und Flatrates noch nicht in dem Maße, wie es sie heute gibt. Damals ist man sehr vorsichtig ins Netz gegangen, heute ist man ständig online." Auch die Bereitschaft der Konsumenten digitale Produkte zu verwenden und auch dafür zu bezahlen, sei ungleich größer. "Internet war damals Avantgarde, heute ist es in der Mitte der Gesellschaft angekommen", glaubt auch Manager Min-Kin Mak, bei Hub:Raum verantwortlich für die Verknüpfung des Projektes mit der Deutschen Telekom. Zudem könne man heute mit relativ wenig Kapital viel Innovation schaffen. "Die Tatsache, dass Technologie in die Cloud wandert, das Entwicklungen heute einen Bruchteil dessen kosten, was sie vor zehn oder fünfzehn Jahren gekostet hätten, ermöglicht mit einem deutlich niedrigeren Risiko Dinge auszuprobieren", erklärt der Projektleiter.

Mit einem Konzern im Rücken

Inkubator als Chance: Andreas Kwiatkowski, Co-Gründer von Eisenhower.me
Inkubator als Chance: Andreas Kwiatkowski, Co-Gründer von Eisenhower.me(Foto: Samira Lazarovic)

Nicht zu unterschätzen ist laut den beiden Projektleitern auch die Tatsache, dass bei Inkubatoren nicht einfach nur Geld fließt: "Anders als bei reinen Finanzinvestitionen, wie sie im Venture-Capital-Bereich verbreitet sind, gibt es hier für die Gründer eine Rundumbetreuung an Wissen, Infrastruktur und Vernetzung – und in unserem Fall eine enge Verbindung zur Telekom", betont Borchers.

Bei Hub:raum winkt dem Gründerteam, das mit seiner Idee überzeugen kann, eine Anschubfinanzierung von 150.000 bis 200.000 Euro, im Gegenzug erhält der Bonner Konzern eine Minderheitsbeteiligung. Zudem werden die Unternehmen bis zur ersten erfolgreichen Platzierung am Markt, also etwa die ersten 6 bis 12 Monate, betreut. "Damit stehen wir zeitlich und in der Wertschöpfungsstufe vor dem klassischen Venture Capital, das erst später und bei Summen ab etwa 1 Million Euro einsetzt", erklärt Borchers.

Aber was treibt junge Gründer dazu, diese enge Bindung mit einem Konzern einzugehen, der für manche immer noch das Flair eines ehemaligen Staatskonzerns hat? "Man denke an Startups, die eine interessante App programmieren und dann von der Telekom auf den Geräten pre-installed werden – das ist für manche eine tolle Chance", meint Joel Kaczmarek, Chefredakteur des Portals "Gründerszene" gegenüber n-tv.de. Es gebe natürlich Gründertypen, die alles eher auf eigene Faust machen wollen. "Ich würde als junger Gründer aber in die Hände klatschen, wenn jemand das Geld, das Netzwerk, die Reichweite und Erfahrung in meine Idee steckt."

Beschleuniger oder Schnellbrüter?

Mit diesem frühen Einstiegsmodell würde Kaczmarek Hub:raum eher zu den Acceleratoren, den "Unternehmensbeschleunigern" zählen, als zu den klassischen Inkubatoren. Als weiteres Beispiel für ein solches Geschäftsmodell nennt er Hackfwd, das Projekt des Xing-Gründers Lars Hinrichs.

Bei den klassischen Inkubatoren sei der Ansatz ein anderer, betont der Journalist. "Klassische Inkubatoren stellen nicht nur Geld und Mentoring, sondern oft sogar noch die Geschäftsidee zur Verfügung." Rocket Internet, der Inkubator der Samwer-Brüder, der für Gründungen wie Edarling oder Zalando verantwortlich zeichnet, sei so ein Schnellbrüter. "Von der Idee zur Website bis hin zum Geschäftsstart in mehreren Ländern vergehen hier manchmal nur zwei Wochen", so Kaczmarek. Möglich werde dies auch dadurch, dass Rocket Internet oft auf Ideen setzt, die bereits ein internationales Vorbild haben.

Mehr Inkubatoren als Gründer?

Die Vielfalt der Geburtshelfer für junge Unternehmen ruft jedoch auch Kritiker auf den Plan. In Branchen-Blogs lästern sie darüber, dass es bald mehr Inkubatoren als Gründer geben wird. Diese Kritik würde er durchaus teilen, meint Kaczmarek. "Tendenziell ist es aber natürlich nicht schlecht, wenn es mehr Inkubatoren gibt. Ich würde mir nur wünschen, dass die Finanzierung nach hinten raus öfter gewährleistet ist."

Bei der Telekom reagiert man gelassen auf diese Spötteleien: "Wir bekommen so viele hochqualitative Bewerbungen für unser Programm, da habe ich nicht das Gefühl, dass es ein dramatisches Überangebot an Inkubatoren gibt", meint Peter Borchers. Im Inkubatorbereich herrsche ein freundschaftlicher Wettbewerb, fügt Min-Kin Mak hinzu. "Wenn ein Unternehmen einen Partner aus dem Telekombereich und gleichzeitig einen aus der Medienbranche sucht, dann schließt sich das nicht zwangsläufig aus."

Der nächste Mark Zuckerberg?

Nun können aber nicht alle Inkubatoren ein neues Zalando hervorbringen. "Wir sind uns natürlich bewusst, dass nicht jedes dieser Teams groß werden wird. Wir gehen davon aus, dass durch wenige überproportionale Erfolge die anderen Startups mitfinanziert werden", sagt Borchers. Erfahrungsmäßig hätten vielleicht 2 bis 3 Prozent das Potenzial richtig große Stars zu werden, 10 Prozent würden zu ziemlich erfolgreichen Unternehmen heranwachsen, die nächsten 20 bis 30 Prozent überleben. "Spätestens bei der 50-Prozent-Grenze endet es dann. Aber wir verstehen uns dabei als Partner für die Startups, um diese Erfolgswahrscheinlichkeit zu maximieren."

"Wir sind lange genug dabei, um realistische Erwartungen zu haben", betont auch Min-Kin Mak. "Aber eigentlich suchen wir natürlich das neue Facebook", fügt der Projektmanager scherzhaft hinzu. Die markige Ansage amüsiert auch Gründerszene-Chefredakteur Kaczmarek. Dass sich der neue Mark Zuckerberg aber gerade ausgerechnet im Hub:raum aufhält, hält er für eher unwahrscheinlich: "Es gibt nur sehr wenige Menschen in Deutschland, die dieses Potenzial haben."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen