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Rollator, Rollator statt Manta, Manta: Stirbt der "Mythos Auto"?

Ein Gastbeitrag von Helmut Becker

Führerschein mit 18, dann das erste Auto: Für viele ist das gleichbedeutend mit Freiheit und Unabhängigkeit. Aber das war einmal, Wertewandel und demografischer Faktor machen der Autoindustrie zu schaffen. Eine existenzielle Frage stellt sich.

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

"Autobauern sterben die jungen Käufer weg." Zu diesem Schluss kam kürzlich Ferdinand Dudenhöfer, Leiter des renommierten Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen, als Ergebnis einer Studie über die Zukunft des Automobils. Ganz abgesehen davon, dass ein solches Ergebnis weder den Automobilherstellern selber geschweige denn den jugendlichen Kunden zu wünschen wäre, verursachen solche Aussagen in der Branche Betroffenheit. Dazu passen auch noch Meldungen aus anderen Untersuchungen, wonach klassische Autohäuser mangels Kundschaft reihenweise schließen müssen.

Da stellt sich natürlich die Frage: Hat das Auto - Symbol von Freiheit, wilden Erinnerungen und jung erlebter Abenteuern, dessen Lenkrad in der Hand mit 18 Jahren die Tür geöffnet für ein eigenes, selbstbestimmtes Leben geöffnet hat - ausgedient? Ist es vorbei mit dem "automobilen Mehrwert", mit dem Mythos Auto? Ist das Auto inzwischen zum reinen Gebrauchsgegenstand degradiert worden, den man per App auf Smartphone ordert, benutzt und dann irgendwo einfach stehenlässt wie einen benutzten Regenschirm? Ist das Auto von heute nur noch die Vorstufe zur Gehhilfe von morgen? Rollator, Rollator statt Manta, Manta? All das verlangt nach einer Klärung, besser: Richtigstellung!

Die älteren Semester

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Die Forscher von CAR fanden heraus, dass die Autohersteller immer weniger junge Menschen für den Kauf eines eigenen, neuen Pkw begeistern können. Laut der Erhebung steigt das mittlere Alter der Käufer seit Jahren kontinuierlich an, wird der Kauf eines Neuwagens zunehmend zu einer Sache älterer Semester. Hatte das Durchschnittsalter privater Neuwagenkäufer 1995 noch bei 46,1 Jahren gelegen, sei es bis 2005 auf 50,1 Jahre gestiegen und habe 2013 schon bei 52,2 Jahren gelegen. Laut Dudenhöfer war damit 2013 ein "erneuter Altersrekord" erreicht. Der dann - so meine Prognose - 2014 von einem neuen Altershoch abgelöst wird. Tendenz weiter steigend!

Ähnliche Ergebnisse wie das CAR-Institut für Deutschland präsentierte Präsident Marc Gales vom europäischen Zulieferverbandes CLEPA für Europa. Danach nahm das Durchschnittsalter eines Neuwagenkäufers in Europa von 45 Jahren 1995 auf 55 Jahre 2013 zu.

Kein rein deutschen Phänomen

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Aber es kommt für die Automobilindustrie aus der Sicht der CAR-Experten noch schlimmer: Lediglich 27,4 Prozent der privaten Neuwagenkäufer waren 2013 noch jünger als 45 Jahre - 1995 lag deren Anteil mit 48,1 Prozent nach fast bei der Hälfte. Bereits ein Drittel der privaten Neuwagenkäufer ist laut CAR über 60 Jahre alt.

Laut Gales zeigen die USA ein ähnliches Bild: Dort wurden noch 2008 die meisten Autos von der Altergruppe der 35- bis 44-Jährigen gekauft. 2013 waren es schon die 45- bis 54-Jährigen.

"Peak car" ...

So viel zur Statistik. Aus all dem wird von den Automobilexperten der Schluss gezogen: Die Menschen, vor allem die Jungen, verlieren das Interesse am Automobil - mit der Branche geht es längerfristig bergab. So erklärt Dudenhöfer die rechnerische Anteilsverschiebung von jung zu alt schlicht mit dem nachlassenden Interesse der jüngeren Kundschaft aufgrund des Rollenwandels des Autos vom Statussymbol zum Gebrauchsgegenstand.

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Dudenhöfer ist nicht der einzige Auto-Skeptiker: In den Medien und vielen statistischen Studien werden die Ergebnisse immer wieder wie folgt interpretiert: Das Auto habe bei den Jüngeren als Statussymbol ausgedient. Immer weniger fänden das, was die Autoindustrie auf Automessen und in ihren Verkaufspalästen an immer neuen PS-Orgien und Geländewagen für den Großstadtdschungel präsentiert, als cool. Immer mehr fänden es dagegen nur noch peinlich! Schlussfolgerung der Automobil-Wissenschaftler und vieler Auto-Journalisten: "Peak car" ist angesagt. Das Automobil hat den Höhepunkt seiner Nutzung und Verbreitung erreicht, in den gesättigten Industrieländern des Westens sogar schon überschritten. Von nun an geht’s bergab mit der Branche, das Automobil als Mythos hat ausgedient.

Falsch!

Diese Interpretation der Statistiken ist jedoch grob fahrlässig und wenig wissenschaftlich, um nicht zu sagen schlichtweg falsch! Zwar soll hier der Redlichkeit wegen nicht verschwiegen werden, dass es in der Tat heute viele Gründe gibt, ein Auto nicht zu kaufen:

  • Nach UN-Statistik leben bereits heute mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Bis zum Jahr 2050 steigt die Zahl der Menschen im städtischen Raum auf 80 Prozent (6,3 Milliarden). In Großstädten ist Autofahren aber eine Qual: Straßen verstopft, Verkehr im Dauerstau bei Smog und Gestank, Parkplätze sind knapp und teuer.
  • Öffentliche Verkehrsmittel werden besser und attraktiver - und fahren zumeist smogfrei, weil elektrisch!
  • Wertewandel bei den "Millennials", Menschen aus den Geburtsjahrgängen 1980 bis 1995, die keine Spaßgeneration der 1968er Generation mehr sind, sondern eher dem Ernst des Lebens frönen: Sie kaufen eher Produkte aus nachhaltiger Herstellung und von Unternehmen mit eben dieser Ethik. Statt protziger Autos heißt das: E-Bike oder Rennrad.

Trotz dieser heutigen Hemmfaktoren für einen privaten Autokauf stellen sich einem altgedienten Ökonomen und langjährigen Branchenkenner, der die Automobilisierung der deutschen Nachkriegsgesellschaft fast zur Gänze mitgemacht (und selbst kräftig daran mitgewirkt) hat, bei all diesen statistischen Belegen und Argumenten gegen die Zukunft des Automobils die Haare zu Berge. Zum Teil sind die Interpretationen der Statistikdaten hanebüchen.

  • Ein sinkender Anteil der privaten Neuwagenkäufer an den Gesamtzulassungen in Deutschland sagt nichts über Desinteresse oder schwindende Beliebtheit des Autos, da anstelle von Privatkäufern mehr und mehr Dienstwagen-, Flotten- und gewerbliche Käufe getätigt werden. Über 60 Prozent aller Neuwagen werden heute bereits gewerblich und nicht mehr privat gekauft, Tendenz steigend. Ein signifikanter Käuferschwund war in Summe deswegen aber nicht zu beobachten, im Gegenteil, die gewerblichen Verkäufe haben den Markt hochgehalten, auch über Mietwagen- und Carsharing-Gesellschaften. Ergebnis: Noch immer findet heute, morgen und übermorgen die deutsche Gesamtbevölkerung auf den Vordersitzen ihrer Pkw-Flotte Platz. Wobei es völlig egal ist, ob nun die Autos gewerblich oder privat zugelassen sind.
  • Das steigende Durchschnittsalter der privaten Neuwagenkäufer erklärt sich schlicht aus dem steigenden Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung. Und die altert bekanntlich, im Durchschnitt zwangsläufig, weil in der Bevökerungspyramide unten weniger nachwächst und oben weniger "abstirbt". Mit Desinteresse am Automobil hat das nichts zu tun! Den Autobauern sterben nicht die jungen Käufer weg, diese werden erst gar nicht geboren! "Peak car" ist also tatsächlich erreicht, aber nicht, weil man nicht mehr Auto fahren will, sondern weil es im Trend physisch weniger Kunden gibt.
  • Autofahren ist überproportional teuer geworden, nicht nur bei Neuwagenpreisen ist das zu erkennen, sondern auch bei der Unterhaltung. Junge Menschen in der Ausbildung, zumeist auch noch in Städten mit gut ausgebautem öffentlichem Verkehrssystemen, können sich heute, anders als früher auf dem Land, einfach kein neues Auto mehr leisten. Sie kaufen, wenn das räumliche Umfeld es zulässt, zunächst einen Gebrauchtwagen. Auf die Idee, dass den Jugendlichen heute mit erheblich längeren Ausbildungszeiten und geringem Einkommen als früher schlichtweg das Geld ein neues Auto fehlt, scheinen die Forscher nicht gekommen zu sein. Für die Jugend von heute kommt die private Anschaffung eines neuen Autos frühestens erst mit Berufseintritt und später dann mit Familie und eigenem Häuschen im Grünen auf dem Land in Betracht – wenn es denn bis dahin keinen Dienstwagen gibt und öffentliche Verkehrsmittel fehlen.
  • Zugangsbeschränkungen zu großstädtischen Ballungsräumen wie die City-Maut in London oder Stockholm sind ein schlagender Beweis für die Beliebtheit des Autos als Verkehrsmittel, sonst brauchte man seine Nutzung nicht administrativ zu beschränken.

Fazit: Das Automobil ist Opfer seines eigenen Erfolgs, seiner eigenen Beliebtheit - und nicht seiner Geringschätzung. Der Weltbestand an Pkw beläuft sich inzwischen auf über eine Milliarde, Experten schätzen bis 2025 ein Anwachsen auf zwei Milliarden. In Deutschland und anderen europäischen Ländern sowie in Japan schrumpft die Pkw-Flotte, aber nicht, weil das Auto nicht mehr geliebt wird, sondern weil die Bevölkerung als Ganzes und überdies der Anteil der potenziellen jungen Pkw-Käufer an der Gesamtbevölkerung schrumpfen und die Verdichtung in den Ballungszentren zunimmt.

Statistiken sind zugegebenermaßen immer tückisch. Man muss zwischen Wollen und Können streng unterscheiden. Alle Argumente, dass die Menschen in Zukunft kein Auto mehr wollen, sind falsch, allein schon, weil sie gegen die menschliche Natur gehen. Der Mensch will mobil sein. Und dass sich in Zukunft junge Käufer weniger und später als früher ein neues Auto leisten, liegt allein an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Frei nach Karl Valentin: "Wollen hätten sie schon gemocht, nur können haben sie sich nicht getraut!"

Quelle: n-tv.de

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