Wirtschaft
Go, go, go:  Nicht nur die AnlegerInnen in Deutschland würden ein Sommermärchen begrüßen.
Go, go, go: Nicht nur die AnlegerInnen in Deutschland würden ein Sommermärchen begrüßen.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Sommermärchen an der Börse?: Anleger wetten auf Gewinn-Explosion

Von Diana Dittmer

Es ist wieder so weit: Der US-Aluminiumhersteller Alcoa läutet die Bilanzsaison ein. Stehen wir am Beginn eines heißen Börsensommers? Nicht nur Dax-Unternehmen werden sich strecken müssen, um ihre Bewertungen zu rechtfertigen.

Die Kurse steigen und steigen, ungeachtet aller geopolitischen Krisen und Unsicherheiten hinsichtlich Konjunktur und Geldpolitik. Ob die Kurs-Rally an den Börsen losgelöst von allem Irdischen ist, wird sich jetzt zeigen. In den nächsten Tagen und Wochen öffnen die Unternehmen ihre Bücher. Den Auftakt gibt traditionell der US-amerikanische Aluminiumproduzent Alcoa. Drei Tage später folgt die US-Großbank Well Fargo.

In Deutschland steht diese Woche mit Süzucker und Gerresheimer (beide Donnerstag) erst einmal die zweite Reihe in den Startlöchern. Anleger werden ein wachsames Auge dafür haben, ob die Gewinne die Bewertungen rechtfertigen. Denn die Unternehmensgewinne sind den Kurssteigerungen in den vergangenen drei Jahren deutlich hinterhergehinkt. Aktien sind längst nicht mehr preiswert.

Die Kurs-Gewinn-Schere

Wie Kurse und Gewinne auseinanderlaufen, zeigt ein Blick auf die großen Konzerne Europas. In den vergangenen drei Jahren haben die Aktienkurse dieser Unternehmen im Schnitt um gut 20 Prozent zugelegt, im selben Zeitraum ist ihr Jahresüberschuss aber um gut 20 Prozent gesunken. Die Unternehmen sind zum Teil teurer bewertet als zur Zeit der Technologieblase zur Jahrtausendwende. Auch für Deutschland gilt, dass die Unternehmen drei Jahre hintereinander beim Gewinn nicht zulegen konnten - trotzdem stieg der Dax in diesem Zeitraum um mehr als 40 Prozent.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist eine der wichtigsten Kennzahlen an den Finanzmärkten: Betrachtet man den deutschen Aktienmarkt, liegt das Dax-KGV auf Basis der für 2014 erwarteten Gewinne bei rund 14. Das entspricht zwar in etwa dem historischen Durchschnitt. Im Rückblick betrachtet, sehen die Bewertungen aber schon ganz anders aus. Denn: Das Dax-KGV auf Basis der 2013 tatsächlich ausgewiesenen Gewinne liegt bei rund 18. Daraus lässt sich schließen, dass die Analysten bei einem Dax-Stand von knapp 10.000 Punkten für dieses Jahr Gewinnsteigerungen von satten 30 Prozent erwarten!

Die "Schere" zwischen Kursen und Gewinnen hält Marktbeobachter nicht davon ab, für den deutschen Markt ein "Sommermärchen" zu prognostizieren. Eine reichlich optimistische Vorhersage, bedenkt man die zugrunde gelegten Gewinnerwartungen. Die Unternehmen werden sich ziemlich strecken müssen, um da heranzureichen.

Und der deutsche Markt ist keine Ausnahme. Auch die Bewertungen im Rest Europas sind heiß gelaufen: Für Österreich, Finnland und die Niederlande rechnen Analysten für dieses Jahr mit Gewinnsteigerungen von mehr als 50 Prozent, in Belgien und Italien sollen sich die Gewinne sogar verdoppeln.

Harte Kante bei Gewinnwarnungen

Was passiert, wenn die Erwartungen verfehlt werden, hat der deutsche Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger vor einer Woche gezeigt. Die überraschende Gewinnwarnung wurde von den Anlegern mit einem Kurssturz von 17 Prozent bestraft. Die Aktie rutschte auf den tiefsten Stand seit zwölf Monaten. Bilfinger selbst hatte zuvor eine "deutliche Ergebnissteigerung" für dieses Jahr in Aussicht gestellt - tatsächlich soll es jetzt ein Ergebnisrückgang werden. 

Viele Unternehmen sind aus Angst vor der Anleger-Keule bei enttäuschten Erwartungen dazu übergegangen, konkrete Prognosen zu vermeiden. Wie eine Studie im Auftrag der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ergab, haben es im vergangenen Jahr nur noch 17 von 30 Dax-Mitgliedern gewagt, bei der Vorlage ihrer Bilanz das Ergebnis für das Folgejahr quantitativ und damit überprüfbar zu prognostizieren. Gleichzeitig stieg danach die Zahl der Unternehmen, die eine geringe Transparenz bei ihren Prognosen an den Tag legten. 13 Dax-Unternehmen legten sich öffentlich sogar auf keinerlei Gewinnzahlen für 2014 fest.

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Eine "hohe Prognosetransparenz" weist nach Angaben der DSW-Autoren zum Beispiel Volkswagen auf. Ergebnisziele gibt es hier nicht nur für den Konzern, sondern auch für einzelne Segmente. Sieben andere Dax-Mitglieder informieren ähnlich detailliert. Unter anderem der vor fast einem Jahr schwer abgestrafte Siemens-Konzern. Damals krachte es nach einer Gewinnwarnung derart heftig, dass Siemens-Chef Peter Löscher seinen Hut nehmen musste. Die anderen Unternehmen mit hoher Transparenz sind: Allianz, Continental, Deutsche Post, Deutsche Telekom, Fresenius und Munich Re.

Zum Trost: Alcoa dürfte aller Voraussicht nach erst einmal ein positives Signal setzen. Nach einem tiefroten Jahr 2013 stehen die Chancen auf eine Rückkehr in die Gewinnzone in diesem Jahr gut. Im Unterschied zu vielen anderen Gesellschaften hat Alcoa im ersten Quartal die Erwartungen schon einmal deutlich übertroffen. Allerdings haben die US-amerikanischen Unternehmen in den vergangenen Jahren auch stets bewiesen, immer noch ein Stück besser zu werden. Die europäischen Unternehmen ließen dagegen immer weiter nach.

Quelle: n-tv.de

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