Wirtschaft
Premierminister Pedro Passos Coelho und Angela Merkel als Marionetten: Die Bundeskanzlerin ist in Portugal nicht überall willkommen.
Premierminister Pedro Passos Coelho und Angela Merkel als Marionetten: Die Bundeskanzlerin ist in Portugal nicht überall willkommen.(Foto: dpa)

In Portugal kocht der Volkszorn hoch: Teddybären bedrängen Merkel

Vor dem Staatsbesuch in Portugal sieht sich die Bundeskanzlerin mit einem weiteren heißen Eisen konfrontiert: Ein ganzes Dorf schart sich um einen kämpferischen Bürgermeister, um die Abwanderung einer deutschen Teddybären-Fabrik zu verhindern. Merkel persönlich soll die befürchtete Schließung verhindern.

Modell "Louis" aus der "Steiff Club Edition 2012": Im Strudel der Schuldenkrise droht der Teddybär in Portugal zu einem Symbol für wirtschaftlichen Niedergang zu werden.
Modell "Louis" aus der "Steiff Club Edition 2012": Im Strudel der Schuldenkrise droht der Teddybär in Portugal zu einem Symbol für wirtschaftlichen Niedergang zu werden.(Foto: picture alliance / dpa)

Plüschtiere als Politikum: Ausgerechnet die weltbekannten Steiff-Teddybären könnten die deutsch-portugiesische Beziehungen vor dem ohnehin spannungsgeladenen Besuch der deutschen Bundeskanzlerin im krisengeschüttelten Portugal zusätzlich belasten.

Der Fall wirft ein hartes Schlaglicht auf die Wettbewerbsfähigkeit der portugiesischen Wirtschaft: Am Standort Oleiros fürchtet die Belegschaft in einem Werk des deutschen Spielzeughersteller Steiff die Abwanderung der Produktion ins Ausland. Nach Angaben des Fabrikdirektors vor Ort soll es bei Steiff zumindest inoffizielle Pläne geben, die Teddy-Näherei in Oleiros aus Kostengründen nach Tunesien zu verlagern.

Video

Eine solche unternehmerische Entscheidung würde der wirtschaftlichen Entwicklung des Ortes einen schweren Schlag versetzen. Bürgermeister José Marques macht sich zum Anführer der Proteste. "Ich werde alle verfügbaren Mittel einsetzen, um Merkel bei ihrem Besuch am Montag in Lissabon unsere Sorgen mitzuteilen, damit sie selbst das Unternehmen in dieser Sache umstimmt", sagte Marques.

Noch sei nichts offiziell, "die Pläne gibt es aber", bestätigte Fabrikdirektor Narciso Guimarães dem Wirtschaftsblatt "Jornal de Negocios". Das Problem seien nicht fehlende Aufträge. "Das Unternehmen will billiger produzieren", räumte er ein. Ob es tatsächlich zur Schließung kommt, ist ungewiss. Eine Stellungnahme des traditionsreichen Unternehmen mit Sitz in Giengen an der Brenz in Baden-Württemberg zu den Protesten in Portugal lag zunächst nicht vor.

Bürgermeister Marques befürchtet für seinen Ort das Schlimmste: Der Weggang von Steiff wäre eine "Tragödie", klagte der 65-Jährige. Oleiros liegt etwa 200 Kilometer nordöstlich von Lissabon. Das Unternehmen beschäftige in Oleiros immerhin 103 Menschen und sei damit viertgrößter Arbeitgeber der Region. "Ich möchte, dass Frau Merkel erfährt, wie verzweifelt die Familien der Arbeiter sind, wie sehr sie um ihre Zukunft und um die Zukunft ihrer Kinder zittern", sagte Marques.

Repräsentativ für Qualitätsspielzeug aus Deutschland: Auf dem kurzen Dienstweg überreichte die Kanzlerin im Herbst 2011 Nicolas Sarkozy ein sorgsam ausgesuchtes Steiff-Produkt.
Repräsentativ für Qualitätsspielzeug aus Deutschland: Auf dem kurzen Dienstweg überreichte die Kanzlerin im Herbst 2011 Nicolas Sarkozy ein sorgsam ausgesuchtes Steiff-Produkt.(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn die Bundeskanzlerin es ernst meine mit der Aussage, dass sie Portugal helfen wolle, müsse sie handeln "und dafür sorgen, dass deutsche Firmen in unserem Land bleiben", gab Marques seiner Hoffnung Ausdruck. Die deutsche Bundeskanzlerin dürfte die Produkte der deutschen Spielzeugfirma durchaus auch aus eigener Anschauung kennen. Erst vor Jahresfrist überreichte die Kanzlerin Nicolas Sarkozy einen kleinen Bären aus dem Hause Steiff, um dem damaligen französischen Staatschef damit zur Geburt seiner Tochter Giulia zu gratulieren.

Teddybären erwarten die Kanzlerin

Als hätte Merkel mit dem portugiesischen Sanierungsprogramm und den in Lissabon angekündigten Massenprotesten gegen ihren Besuch nicht genug zu tun, muss sie sich nun zu Wochenbeginn eventuell sogar auch der Kuscheltiere mit dem berühmten Knopf im Ohr annehmen. Marques ist in Portugal nämlich kein Unbekannter. Der Sozialdemokrat ist ein erfahrener Kommunalpolitiker, der mehrfach mit Orden ausgezeichnet wurde und als enger Bekannter von Präsident Anibal Cavaco Silva gilt. Mit Silva wird Merkel in Lissabon ihr erstes Gespräch führen.

Bilderserie

Nach Angaben von Marques ist Steiff seit 1991 in Oleiros tätig und produziert dort rund 100.000 Spielzeugtiere im Jahr. Die Firma erziele gute Gewinne, beteuert der Bürgermeister. Der Ort stelle das Fabrikgelände mit zwei Pavillons kostenlos zur Verfügung. Dieses Jahr habe allein zum Thronjubiläum 10.000 der Kuscheltiere bei Steiff bestellt. Das Wirtschaftsministerium in Lissabon habe der Firma zudem weitere Unterstützung zugesagt.

Bürgermeister Marques ist sich sicher, dass es nicht nur um die rund 100 Arbeitsplätze geht, sondern um das Überleben seines Dorfes. In den 1960er Jahren habe Oleiros dreimal so viele Bewohner gehabt, hieß es. Doch der Ort leidet, wie das gesamte Hinterland Portugals, unter der nicht zu bremsenden Landflucht. Einige Nachbarorte in der Region Castelo Branco gleichen demnach bereits Geisterdörfern.

Politisch angespannte Lage

Die klamme Lage des Staatshaushalts macht sich über den allgemeinen Sparzwang im ganzen Land bemerkbar. Unmittelbar vor dem Besuch der deutschen Regierungschefin schlossen sich in Portugal Tausende Militärs den Protesten gegen die Sparpolitik der portugiesischen Regierung an. Man werde alles tun, um nicht an der Unterdrückung der Proteste der Bürger gegen die Kürzungen teilnehmen zu müssen, hieß es in einer Erklärung.

An der Kundgebung im Zentrum der Hauptstadt nahmen nach Medienschätzungen rund 10.000 Militärs verschiedener Ränge teil. Sie riefen Präsident Silva auf, als Staatsoberhaupt ein Veto gegen den umstrittenen Sparetat der Mitte-Rechts-Regierung einzulegen.

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen