Wirtschaft
Näherin in Bangladesh: 20 Jahre hat das Land viel daran gesetzt, die Branche nach vorne zu bringen. Inzwischen belegt es weltweit Platz Drei.
Näherin in Bangladesh: 20 Jahre hat das Land viel daran gesetzt, die Branche nach vorne zu bringen. Inzwischen belegt es weltweit Platz Drei.(Foto: imago/Zakir Hossain Chowdhury)

Asien wird zu teuer: Textilindustrie sucht "Made in Africa"

Vietnam, China, Bangladesh: In der Nähstube der Welt steigen Lebensstandards und Löhne. Gut für die Menschen vor Ort, schlecht für den Verbraucher im Westen, der es zumeist einfach billig haben will. Nun sucht die Industrie neue Märkte - und ist fündig geworden.

Im Hotel Radisson Blu in Addis Abeba richtete ein leitender Vertreter der Modebranche sich im vergangenen Jahr mit einer dringenden Bitte an mehrere seiner asiatischen Textillieferanten: Sie sollten sich für das Geschäft in Afrika öffnen. "Afrika bietet eine enorme Gelegenheit, zu demonstrieren, wie die Branche zusammenarbeiten kann", sagte Colin Browne, der als Managing Director bei VF für Warenversorgung und die Zulieferung aus Asien verantwortlich ist.

Die US-amerikanische VF Corporation verfügt über Marken wie Lee, Wrangler und Timberland. Er verdeutlichte den Fabrikbesitzern einen Schlüsselvorteil von Afrika: Es sei einer der wenigen Standorte, wo es möglich sei, vor Ort von der Faser bis zur Fabrik alles aus einer Hand zu bekommen. Und noch etwas: Afrika bietet noch günstigere Löhne als Asien.

Freihandelsabkommen mit den USA steht

Afrika ist der letzte weiße Fleck im globalen Bekleidungsgeschäft, der letzte fast noch unangetastete Kontinent mit billigen und zahlreichen Arbeitskräften. Im äthiopischen Textilsektor zum Beispiel gibt es keinen Mindestlohn. In Bangladesch dagegen, dem bisherigen El Dorado der Textilfertigung, werden im Monat mindestens 67 Dollar gezahlt, teilt die Gewerkschaft International Labor Organization (ILO) auf Anfrage mit. Textilarbeiter in Äthiopien verdienten im vergangenen Jahr ab 21 Dollar pro Monat, sagt die äthiopische Regierung.

Das chinesische Engagement in Äthiopien geht weit über die Textilbranche hinaus: Chinesische Unternehmen arbeiten dort etwa an einer Tram-Linie.
Das chinesische Engagement in Äthiopien geht weit über die Textilbranche hinaus: Chinesische Unternehmen arbeiten dort etwa an einer Tram-Linie.(Foto: REUTERS)

Die meisten Länder in Afrika profitieren von einem Freihandelsabkommen mit den USA, ein Arrangement, das den Einzelhändlern Geld spart. Und anders als andere aufstrebende Länder wie Vietnam und Kambodscha können viele afrikanische Länder ihre eigene Baumwolle anbauen. Dadurch verkürzt sich die Produktionszeit.

Brownes Überlegungen zeigen, wie sich die Einstellung der Industrie bereits verändert hat. Mehr als ein Jahrzehnt lang hat Asien die Textilherstellung dominiert. Dort nähen billige Arbeitskräfte kostengünstige Kleider, die in die Einkaufszentren in aller Welt verschickt werden.

Tommy Hilfiger lässt in Kenia schneidern

Aber in den vergangenen Jahren mussten die Textilunternehmen sich nach Alternativen umschauen. Aufgrund steigender Produktionskosten in China und mehreren tödlichen Unfällen wie bei dem Zusammenbruch der Textilfabrik Rana Plaza vor zwei Jahren in Bangladesch waren sie gezwungen, in Myanmar, Kolumbien und Äthiopien nach Ausweichmöglichkeiten zu suchen.

Textilunternehmen hätten jüngst Äthiopien als führenden Beschaffungsstandort identifiziert, teilt die Beratungsgesellschaft McKinsey & Co mit. Sie hat eine Umfrage unter Managern abgehalten, die jährlich Waren im Wert von 70 Milliarden Dollar beschaffen. Es sei das erste Mal gewesen, dass ein afrikanisches Land neben Bangladesch, Vietnam und Myanmar genannt worden sei. Die Amerikaner locken die Industrie nach Afrika

Mehrere Bekleidungsgiganten haben mit der Beschaffung in Afrika bereits begonnen. VF erwartet, dass einige Hosen des Unternehmens in diesem Jahr in Äthiopien genäht werden. Calvin Klein und PVH, die Muttergesellschaft von Tommy Hilfiger, haben seit mindestens vier Jahren einige ihrer Bekleidungsstücke in Kenia schneidern lassen. Zu denen, die in Ländern südlich der Sahara einkaufen, gehören Wal-Mart Stores, J.C. Penney und Levi Strauss & Co.

"Leichtindustrie bewegt sich ständig"

Ob sich die Rolle Afrikas als Lieferant ausweiten lässt oder nicht, diese Bemühungen zeigen auf jeden Fall, wie weit die großen Textilhersteller gehen, um neue, billige Produktionsquellen zu finden. Die Verbraucher sind es gewohnt, eine große Auswahl an kostengünstigen Textilien vorzufinden. Das hat die Margen von Unternehmen wie VF und PVH unter Druck gebracht.

"In der globalen Wirtschaft bewegt sich die Leichtindustrie ständig", sagt Guang Z. Chen von der Weltbank. Er war bis vergangenen Monat der Landesdirektor für Äthiopien und vertritt nun mehrere Länder im Süden Afrikas. "Wir sehen die Möglichkeit, dass diese Art von Industrie sich von Asien weg bewegt, weil die Arbeitskosten in China schnell steigen."

Straßenszene in Addis Abeba.
Straßenszene in Addis Abeba.(Foto: REUTERS)

Laut ILO verdienten chinesische Textilarbeiter zum ersten Januar zwischen 155 Dollar bis zu 297 Dollar pro Monat. Sie verrichten in der Regel kompliziertere Näharbeiten, während das Zuschneiden und einfache Nähen in Ländern mit niedrigeren Löhnen ausgeführt wird.

Beste Aussichten in Äthiopien

VF hofft, den Schritt nach Afrika schneller vollführen zu können. Die Firma hat sich mit ihrem größten Konkurrenten PVH zusammengetan, um die Zulieferer zu überzeugen, mit ihnen zu ziehen. Sie luden im April 2014 ihre 20 besten Lieferanten aus Ländern wie China, Indien und Sri Lanka zu einer zehntägigen Reise ein. Sie wollten ihnen damit schmackhaft machen, ihre eigenen Fabriken in Afrika zu eröffnen - mit dem Versprechen, dass die amerikanischen Marken im Gegenzug dort Bestellungen platzieren würden.  Auch Kik lässt bereits in Äthiopien nähen.

Äthiopien ist dabei das am meisten versprechende Land für die sich entwickelnde Textilproduktion in Afrika, sagen Fabrikbesitzer und Markenunternehmen. "Äthiopien scheint hinsichtlich der Regierung, der Arbeitskräfte und des Stroms der beste Standort zu sein", sagt M. Raghuraman, der Chef für Unternehmensmarketing bei Brandix Lanka. Der größte Textilexporteur Sri Lankas ist am Potenzial Afrikas interessiert.

Außerhalb von Addis Abeba hat die Regierung vor kurzem für 250 Millionen Dollar den Industriepark Bole Lemmi errichtet. Er steht ausschließlich ausländischen Investoren der Textilindustrie offen. Riesige Hangars stehen auf dem Land, wo zuvor Gerste, Erbsen und Zwerghirse angebaut wurden. Die Arbeitsflächen der Fabriken von Bole Lemmi erstrecken sich auf einer Etage. Hinsichtlich der Sicherheit ist das eine Verbesserung gegenüber den mehrstöckigen Fabriken in Bangladesch. Dort sind Tausende in Feuern und bei Einstürzen ums Leben gekommen.

Noch ist China unangefochtene Nummer Eins

Bei der MAA Garment & Textile Factory in Nordäthiopien arbeiten 1.600 Angestellte. Sie verarbeiten Baumwolle, färben Stoffe und nähen sie zu T-Shirts, Leggings und anderen Basistextilien zusammen. Zu den Kunden zählen H&M, Tesco, Asda Stores und die deutsche Kik Textilien. "Die Investoren kommen aus Sri Lanka, Bangladesch, China, Indien und der Türkei hierher", sagt Fassil Tadesse. Er ist der Chef von Kebire Enterprises, der Muttergesellschaft von MAA, und Präsident des äthiopischen Verbands für Textil- und Bekleidungshersteller.

Bisher hat Afrika bei der Textilherstellung kaum einen Fußabdruck hinterlassen. Und es wird Jahre dauern, bis irgendein anderes Land China ernsthaft Konkurrenz machen kann. China exportierte im Jahr 2013 Kleider im Wert von 177 Milliarden Dollar, berichtete die World Trade Organization (WTO). Das sind fast achtmal mehr als Bangladesch, die derzeitige Nummer drei. Das Land hat 20 Jahre gebraucht, um ganz vorne mitzumischen. Italien rangiert auf Platz zwei und exportierte nur geringfügig mehr als Bangladesch.

Vielen afrikanischen Ländern fehlen die Straßen, um die fertigen Kleider abzutransportieren. Das von Land eingeschlossene Äthiopien besitzt nicht mal einen Hafen. Die Erwerbstätigen haben keinerlei Ausbildung beim Nähen von Kleidung. Und der gesamte afrikanische Kontinent südlich der Sahara steuert weniger als ein Prozent zu den globalen Bekleidungsexporten bei.

Einige Textilunternehmen bleiben trotz dieser Hürden am Ball. Sie locken die billige Arbeitskraft und der kostengünstige Strom. Die Energiepreise sind in manchen Ländern der zweitgrößte Posten bei den Ausgaben nach den Arbeitskräften. Die äthiopische Regierung baut eine Bahnstrecke zum Hafen im benachbarten Dschibuti, damit die Exporte schneller außer Landes geschafft werden können.

"Die Dynamik dieser Region ist weitaus interessanter als China" zu einem ähnlichen Zeitpunkt in seiner Entwicklung war, meinte William McRaith, der Vorstand für die Lieferkette von PVH.

Quelle: n-tv.de

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