Wirtschaft
"Nuklear? Nein danke": In Istanbul löste 2011 schon die Einigung mit Rosatom öffentliche Proteste aus (Archivbild).
"Nuklear? Nein danke": In Istanbul löste 2011 schon die Einigung mit Rosatom öffentliche Proteste aus (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Atomtechnik aus Japan: Türkei bekommt neue Meiler

Die Nuklearkatastrophe von Fukushima verändert bislang vor allem die deutsche Energiepolitik: In der Türkei dagegen steht die Atomenergie dank tatkräftiger Hilfe aus Russland und Japan vor einem Neuanfang - trotz Erdbebengefahr und anderer Risiken.

Milliardengeschäfte mit japanischer Nukleartechnik: Japans Premier Shinzo Abe zu Besuch beim türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan (r.).
Milliardengeschäfte mit japanischer Nukleartechnik: Japans Premier Shinzo Abe zu Besuch beim türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan (r.).(Foto: REUTERS)

Ein Konsortium aus japanischen und französischen Unternehmen steht bereit, an der türkischen Schwarzmeerküste ein lange geplantes Atomkraftwerk zu bauen. Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan unterzeichnete in Ankara eine Vereinbarung zum gemeinsamen Bau mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe.

Aus deutscher Sicht erscheint das Vorhaben gleich in mehrerer Hinsicht riskant: Im Süden des Landes wird der Nato-Partner Türkei auch von deutschen Raketenabwehrsystemen vom Typ Patriot vor Angriffen aus benachbarten Krisenregionen geschützt. Seit Jahrzehnten sieht sich die Regierung in Ankara zudem mit teils islamistischen, teils separatistischen Terrorbedrohungen konfrontiert. Geologisch befinden sich große Teile des Landes zudem in einer tektonisch aktiven Zone. Immer wieder erschüttern Erdbeben unterschiedlicher Stärke die Türkei.

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Errichtet werden soll das 4800-Megawatt-Kraftwerk in Sinop am Schwarzen Meer. Der Bau soll türkischen Medienberichten zufolge im Jahr 2017 beginnen. Beteiligt sind unter anderem der japanische Kraftwerkkonzern Mitsubishi Heavy Industries, die japanische Unternehmensgruppe Itochu sowie das französische Atomtechnik-Unternehmen Areva und der ebenfalls französische Energieversorger GDF Suez. Die Kosten des Projektes werden mit 22 Mrd. US-Dollar angegeben (knapp 17 Mrd. Euro). Die Anlage in der Schwarzmeer-Provinz Sinop sollen bis 2023 ans Netz gehen.

Enorme staatliche Förderung

Das erste Atomkraftwerk der Türkei baut der russische Konzern Rosatom am Standort Akkuyu an der Mittelmeerküste. Es soll ab 2019 Strom produzieren. Der russische Staatskonzern hatte sich den Zuschlag für das erste türkische Kraftwerk bereits in früheren Verhandlungen gesichert. Russland unterstützt die Türkei nicht nur beim Bau der Anlagen, sondern auch bei der Finanzierung.

Für die russische Wirtschaft stellen kerntechnische Anlagen ein wichtiges Exportprodukt dar. Moskau schießt die Gesamtkosten von 22 Mrd. US-Dollar (16,8 Mrd. Euro) nach russischen Angaben vor.

Die Vereinbarung von Ankara ist auch ein Erfolg für Abe: Er gilt als Verfechter der Atomenergie, die in Japan nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima zunächst auf dem Prüfstand stand. Milliardenschwere Exportaufträge sind in Tokio hochwillkommen.

Abhängig vom Energie-Import

Mit dem Kraftwerksbau will die Türkei unabhängiger von Energielieferungen aus dem Ausland werden. Die wirtschaftlich rasch wachsende Türkei bezieht derzeit noch etwa 97 Prozent ihres Energiebedarfs aus dem Ausland. Ziel von Erdogan ist es, die Abhängigkeit seines Landes von fossilen Brennstoffen zu verringern und bis zum Jahr 2023 zehn Prozent des heimischen Strombedarfs selbst zu decken.

Türkische Umweltschützer kritisieren die geplanten Baupläne und weisen auf die große Erdbebengefahr in der Türkei hin. Die türkische Regierung zeigt sich aber entschlossen, den auch wegen des wirtschaftlichen Booms der vergangenen Jahre stetig wachsenden Energiehunger des Landes mit der Stromerzeugung aus kerntechnischen Anlagen zu stillen.

Eine breite Protestbewegung gegen den Ausbau der Kernenergie gibt es in der Türkei derzeit nicht - ebenso wie ein türkisches Endlagerkonzept zur dauerhaften und sicheren Verwahrung verbrauchter Brennstäbe.

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Quelle: n-tv.de

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