Wirtschaft
Freitag, 13. August 2010

Deutscher "Aufschwung XL": Unter drei Millionen Joblose?

Erstmals seit zwei Jahren halten Experten wieder eine Arbeitslosenzahl von unter drei Millionen für möglich. Der Grund dafür liegt in dem überraschend hohen Wirtschaftswachstum im abgelaufenen Quartal. Nur übertriebene Euphorie?

Kräftiges Wirtschaftswachstum = sinkende Arbeitslosenzahlen? Der Herbst wird es zeigen.
Kräftiges Wirtschaftswachstum = sinkende Arbeitslosenzahlen? Der Herbst wird es zeigen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nach dem unerwartet hohen Anstieg der deutschen Wirtschaftsleistung im ersten Halbjahr rechnen Arbeitsmarktforscher zunehmend damit, dass im Herbst die Arbeitslosenzahl erstmals seit zwei Jahren wieder unter drei Millionen sinken wird. "Es spricht mehr dafür, dass diese Zahl unterschritten wird, als dagegen", sagte der Arbeitsmarktexperte Eugen Spitznagel vom IAB-Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Skeptisch zeigte sich Spitznagel allerdings, dass die Arbeitslosenzahl auf das ganze Jahr gesehen bereits im kommenden Jahr 2011 unter die Drei-Millionen-Marke fallen könnte. "Das würde schon eine sehr gute, anhaltende Wirtschaftsentwicklung voraussetzen", sagte der IAB-Experte. Seine Annahme für das laufende Jahr, wonach in diesem Jahr mit durchschnittlich rund 3,5 Millionen Arbeitslosen zu rechnen sei, werde das IAB merklich verbessern. "Die Zahlen werden natürlich deutlich niedriger sein", sagte Spitznagel mit Blick auf die für September geplante neue Arbeitsmarktprojektion des IAB.

2,2 Prozent im 2. Quartal

Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zum ersten Vierteljahr 2010 um 2,2 Prozent, hatte das Statistische Bundesamt mitgeteilt. Getragen wurde es von der starken Exportwirtschaft. 

Eitel Sonnenschein bei der deutschen Wirtschaft: Der Konjunkturmotor brummt. "Aufschwung XL" nennt es Bundeswirtschaftsminister Brüderle.
Eitel Sonnenschein bei der deutschen Wirtschaft: Der Konjunkturmotor brummt. "Aufschwung XL" nennt es Bundeswirtschaftsminister Brüderle.(Foto: picture alliance / dpa)

Nach Angaben der Statistiker hat es ein solches Wachstum zum Vorquartal seit der Wiedervereinigung noch nie gegeben. Zuletzt habe die Wirtschaft in der damaligen Bundesrepublik im zweiten Quartal 1987 ebenfalls mit 2,2 Prozent zugelegt. Volkswirte hatten im Schnitt ein BIP-Wachstum um rund 1,3 Prozent vorhergesagt. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sprach von einem "Aufschwung XL“. Von einem Wachstumswunder wollte er aber nicht reden.

Vorsicht ist geboten

Auch IAB-Experte Spitznagel warnte vor übertriebener Euphorie. Er nannte es voreilig, von einem "rauschenden Wirtschaftsaufschwung" auszugehen. Das IAB sehe sich eher auf der vorsichtigen Seite: "Wir gehen von einer moderaten Aufwärtsentwicklung aus", sagte Spitznagel.

Die IAB-Forscher sind damit nicht allein: Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sagte: "Der Boom wird nicht ungebremst weitergehen. In den USA und in China weisen die Frühindikatoren bereits nach unten. Auch in Deutschland wird das Wachstum nachlassen, allerdings dürfte die Aufwärtsbewegung nicht abreißen." Auch Deka-Bank Chefvolkswirt Ulrich Kater ist überzeugt: "Die Aufholjagd ist vorbei. Die gegenwärtige Abkühlung in der Weltwirtschaft kommt im zweiten Halbjahr auch hier an."

DIW für Haushaltskonsolidierung

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet eine Abkühlung im zweiten Halbjahr. "Diese Raten werden wir im dritten und vierten Quartal nicht haben", sagte DIW-Konjunkturexperte Christian Dreger. "Das Wachstum ist etwas überzeichnet." Viele Exportkunden deutscher Unternehmen hätten nach der Krise ihre Lager aufgefüllt. Außerdem liefen Ende 2010 weltweit die meisten Konjunkturprogramme aus.

Noch liege die Wirtschaftsleistung 2,5 Prozent unter dem Vorkrisenniveau vom Sommer 2008, fügte Dreger hinzu. Deutschland erlebe aber einen stabilen Aufschwung. "Jetzt kommt es darauf an, noch stärker auf Haushaltskonsolidierung zu setzen." Staatliche Hilfen, die Unternehmen seit der Konjunkturkrise erhielten, müssten zurückgefahren werden.

"Sensationell gut"

Etwas euphorischer sieht es Gustav A. Horn, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler- Stiftung, sagte: "Das Ergebnis ist sensationell gut. Es zeigt sich nunmehr in aller Deutlichkeit, wie stark die weltweiten Konjunkturprogramme die Wirtschaft angeschoben haben."  Im Krisenjahr 2009 war die Konjunktur nach revidierten Angaben um 4,7 Prozent abgestürzt.

Bankenexperten hoben ihre Prognosen für das Gesamtjahr kräftig an. So korrigierte etwa die Unicredit ihre Vorhersage von 2,0 Prozent auf 3,5 Prozent deutlich nach oben. "Das wäre ein stärkeres Wachstum als im Boomjahr 2006", sagte der Deutschland-Chefvolkswirt der Bank, Andreas Rees. Zwar werde sich die Dynamik in den kommenden Quartalen abschwächen. Aber die deutsche Wirtschaftsleistung werde eventuell schon in der zweiten Jahreshälfte 2011 wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen.

In- und Ausland stützt den Trend

Impulse für den Aufschwung im zweiten Quartal kamen nach Angaben der Statistiker sowohl aus dem Inland als auch aus dem Ausland. "Die Dynamik der Investitionen und des Außenhandels hatten dabei den größten Anteil am Aufschwung." Aber auch die privaten und staatlichen Konsumausgaben trugen der Behörde zufolge zum Wachstum bei.

Allianz-Ökonom Rolf Schneider macht für das starke Wachstum Nachholeffekte am Bau nach dem harten Winter und staatliche Konjunkturprogramme verantwortlich. Haupttreiber sei aber die kräftige Erholung des Welthandels gewesen: "Deutschland hängt in großen Maße vom Export ab. Das macht sich jetzt bezahlt."

Ifo: Kurzer Schnick nach oben

"Die Drei vor dem Komma ist dieses Jahr zum Greifen nahe", sagte der Konjunktur-Chef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen. Aber auch er sieht bereits erste Wolken am Konjunkturhimmel aufziehen: "So stark wird es definitiv nicht weiter gehen. Unsere Prognose ist, dass es im Winterhalbjahr deutlich schwächer laufen wird", sagte der Ifo-Fachmann. Dabei handele es sich aber nur um schwächere Wachstumsraten, nicht um einen Einbruch.

Die Weltwirtschaft werde das exportlastige Deutschland künftig nicht mehr mit so viel Rückenwind versorgen. "Die USA sind noch längst nicht raus aus dem Schlamassel", betonte Carstensen. Zudem kühle sich die chinesische Wirtschaft ab - wenn auch auf einem hohem Niveau.

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Quelle: n-tv.de

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