Wirtschaft
Ballons der Brexit-Befürworter mit der Aufschrift "Die EU ist nur heiße Luft".
Ballons der Brexit-Befürworter mit der Aufschrift "Die EU ist nur heiße Luft".(Foto: REUTERS)

EU ist bares Geld wert: Unternehmer wollen bei Brexit abwandern

Die britischen Euroskeptiker verkaufen ihren Bürgern den EU-Austritt erfolgreich als Gewinn: Immer mehr Briten sind für den Brexit. Eine Umfrage unter Unternehmern fällt dagegen ganz anders aus.

Bleiben oder Austreten? Der Termin für das Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union (EU) rückt näher. Umfragen stehen entsprechend hoch im Kurs. In der ersten Umfrage nach der Vorstellung des Reformpaketes von Premierminister David Cameron, welches die Briten überzeugen soll, beim bevorstehenden Brexit-Referendum für den Verbleib in der EU zu stimmen, sprach sich fast die Hälfte (45 Prozent) der Briten dafür aus, die Europäische Union zu verlassen. Die Zahl der "Brexit"-Anhänger in berufsübergreifenden Umfragen wie dieser wächst. Eine Befragung nur unter Unternehmern liefert dagegen ein völlig anderes Bild.

Appell nach einem vereinten Europa

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung ist die Mehrzahl der Wirtschaftsvertreter gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU. Vier von fünf Unternehmern  - egal ob deutsch oder britisch - befürchten drei Jahre nach dem Ausscheiden negative Auswirkungen. Das gilt für die Arbeitsmärkte der Länder sowie für die Umsätze der einzelnen Unternehmen – und das unabhängig von der Branche.

Das eindeutige Ergebnis überraschte die Experten. Vor allem, weil für die Befragung lediglich ein Teilausstieg zugrunde gelegt wurde. Das heißt, Großbritannien sollte die EU nur als politische Einheit verlassen, aber weiterhin Mitglied des Binnenmarktes bleiben. Dieser Status würde damit dem der Schweiz oder Norwegens ähneln. Wie sich zeigt, sind die befragten Unternehmen jedoch selbst bei dieser Variante skeptisch.

Fast die Hälfte (42 Prozent) sehen bereits für diesen Fall - der bei einem Brexit keinesfalls garantiert ist - negative oder sogar sehr negative Effekte  für den jeweiligen Arbeitsmarkt. Nur 13 Prozent sind der Meinung, dass ein Brexit nach drei Jahren positiv für die Beschäftigungszahlen sein könnte. Laut Umfrage sind die Befürchtungen der britischen Unternehmer (von ihnen befürchten 44 Prozent Nachteile) auch etwas größter als die der deutschen (39 Prozent).

Bei Brexit Abwanderung

Deutlich mehr der Befragten befürchten auch Nachteile für die eigene Branche (38 Prozent) und das eigene Unternehmen (36 Prozent). Auch hier sind die Unternehmer in Großbritannien nochmals pessimistischer als in Deutschland. Was sich damit erklären lässt, dass die britische Wirtschaft weitaus stärker vom europäischen Markt abhängt als umgekehrt.

Interessant ist die Erkenntnis, welche negativen unternehmerische Entscheidungen ein Brexit nach sich ziehen dürfte. So will fast jedes Dritte aller befragten Unternehmen (29 Prozent) - unabhängig von der Nationalität - Kapazitäten in Großbritannien verringern oder von der Insel wegziehen. Auffällig stark gilt das für Unternehmen der IT-Branche (41 Prozent). Ebenso alarmierend  sind die Rückmeldungen aus dem äußerst wichtigen Finanzsektor (hier sind es 33 Prozent der Unternehmen, die solche Maßnahmen als Reaktion auf einen Brexit für wahrscheinlich halten).

(Foto: Bertelsmann Stiftung)

Insgesamt halten demnach mehr der Befragten negative Auswirkungen als wahrscheinlich, als positive. Auffällig ist, bei allen Fragen zu Arbeitsmarkt, Branche und eigenem Unternehmen der große Anteil der neutralen Antworten. Diese Prognosen lassen sich laut den Experten damit erklären, dass der Umfrage das bestmögliche Brexit-Szenario zugrunde gelegt wurde.

Bis zum Referendum bleibt viel zu tun

Für Art De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung ist die Umfrage ein klares Votum für einen Verbleib Großbritanniens in der EU: "Am Vorabend der Verhandlungen sagen uns die Wirtschaftslenker auf beiden Seiten des Ärmelkanals: Im Falle eines Brexit haben wir alle viel zu verlieren." Befürchtungen für Arbeitsplatz- und Wohlstandsverluste seien reale Bedrohungen. Die europäischen Regierungschefs müssten deshalb Kompromisse finden.

Bei einem EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag in Brüssel sollen die 28 Mitgliedstaaten die Bedingungen dafür schaffen, dass die Briten in der Union bleiben. Der britische Premier hat für den Sommer eine Volksabstimmung auf der Insel angekündigt. Im Moment verhandelt er über einen neuen Deal zwischen dem Königreich und dem Rest der EU, um seine Landsleute doch noch vom Austrittsvotum abzuhalten. Ein paar Zugeständnisse hat der Premier ausgehandelt. Vielen in Großbritannien gehen sie allerdings nicht weit genug.

Für die Umfrage wurden branchenübergreifend 404 Führungskräfte von Unternehmen mit Sitz im Vereinigten Königreich und 378 Führungskräfte von in Deutschland ansässigen Unternehmen befragt. Der Fokus lag dabei auf Unternehmen, die EU-weit arbeiten.

Quelle: n-tv.de

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