Wirtschaft
Arbeiter verladen einen Container mit hoch angereichertem Uran in Kiew.
Arbeiter verladen einen Container mit hoch angereichertem Uran in Kiew.(Foto: REUTERS)

Machtverschiebung an Rohstoffmarkt: Uranpreis-Explosion kommt Moskau gelegen

Von Diana Dittmer

Nach der Fukushima-Katastrophe hat der Uranpreis schwer gelitten. Jetzt überrascht das Metall mit einer Mega-Rally. Und Russland hält im Ukraine-Konflikt plötzlich ein Trumpf in der Hand.

Öl hat seit dem Hoch im Juni gut 30 Prozent an Wert verloren. Gold, das vor drei Jahren noch 1900 Dollar je Unze kostete, notiert heute nur noch im Bereich der 1200er-Marke. Dafür zeigt der seit der Fukushima-Katastrophe daniederliegende Uranpreis plötzlich steil nach oben. Noch im Sommer kostete ein Pfund Uran auf dem Spotmarkt rund 28 Dollar je Pfund. Jetzt liegt der Preis bei 44 Dollar. Und der Trend geht weiter nach oben. Die Gewinner von gestern sind die Verlierer von heute und umgekehrt.

Nach erschreckenden Ereignis im März 2011 wurden alle 55 Akw in Japan stillgelegt. Der Uranmarkt lag seitdem praktisch im Dornröschenschlaf. Nicht nur in Japan fand ein Umdenken statt. Weltweit fiel danach ein Fünftel aller Reaktoren als Abnehmer von Uran aus. 

Mit der Eskalation des Ukraine-Konflikts ist der Preis wieder angesprungen. Offenbar befürchten Kraftwerksbetreiber, dass Russland den Rohstoff als Sanktionsmittel einsetzen könnte. Darüber hinaus hat Japan angekündigt, zwei der runtergefahrenen Atomreaktoren im kommenden Jahr wieder ans Netz zu bringen. Ein Wieder-Hochfahren der Anlagen dürfte auch die Nachfrage nach Uran wieder beflügeln.

Fukushima-Effekt

Noch sitzt Japan auf vollen Lagern ungenutzter Brennstoffe. Das wird sich jedoch ändern. Experten erwarten, dass Japan schnell weitere Kernkraftwerke ans Netz nimmt - angeblich gibt es bereits Anträge für die Inbetriebnahme von 17 Reaktoren. Die Kosten für andere Energieträger wie Öl und Gas sind für das Land im Vergleich zur Kernenergie zu hoch. Auch der Platzmangel und Japans enorme Abhängigkeit von Energieimporten spricht für eine Rückkehr zur Atomenergie.

Aus anderen Regionen der Welt kommt ebenfalls neuer Wind. Marktbeobachter berichten von Versorgern in Nordamerika, die nach langer Zeit wieder auf der Käuferseite auftauchen. Die fundamentalen Rahmenbedingungen für Uran und Kernkraft sind besser als je zuvor. Es sind inzwischen mehr Reaktoren geplant oder schon im Bau als vor der Katastrophe in Fukushima. Vor allem in China, Russland, Korea und Indien werde die Atomkraft eine große Rolle spielen, sagt eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) voraus.

Renaissance der Atomenergie

Binnen zweieinhalb Jahrzehnten wird es laut der Pariser Organisation einerseits das bislang größte Kraftwerkssterben in der Geschichte der Atomenergie geben - von den weltweit 434 Anlagen werden voraussichtlich 200 bis 2014 stillgelegt. Gleichzeitig wird die Stromproduktion aus Kernkraftwerken durch neue Anlagen um 60 Prozent steigen.

Das über Jahre aufgelaufene Überangebot in der Uranbranche wir schrumpfen. Die steigende Nachfrage wird gleichzeitig auf ein schwindendes Angebot treffen. Wegen der stark gesunkenen Preise sind zahlreiche Minen-Projekte auf Eis gelegt oder ganz annulliert worden, wodurch sich die Angebotsseite für mehrere Jahre signifikant verschlechtert hat. Die derzeitigen Kapazitäten der Uran-produzierenden Minen werden nicht ausreichen.

Angebotsrisiko für die USA

Vor allem die Vereinigten Staaten könnten Probleme bekommen, die Nachfrage nach Uran zu stillen. Die USA sind noch abhängiger von ausländischem Uran als von Öl. Jährlich verbrauchen sie 23.000 Tonnen des Rohstoffs. Nur ein Zehntel davon produzieren sie selbst. Über Jahrzehnte half das 1993 mit Russland unterzeichnete "Megatons to Megawatts"-Abrüstungsprogramm, die Lücke zu schließen. Die USA kauften von den Russen 500 Tonnen HEU ("High Enriched Uranium") bzw. hochangereichertes Uran aus nuklearer Abrüstung und Militär-Lagerhaltung. Mit dem Programm wurden etwa 10 Prozent der gesamten US-Elektrizität während den letzten 15 Jahre abgedeckt. Der Liefervertrag lief 20 Jahre lang. Letztes Jahr endete er.

Das Nachfolgeabkommen für zukünftige Lieferungen LEU ("Low-Enriched Uranium"), das bereits 2011 unterzeichnet wurde, kann diese Nachfrage nach Uran nur zum Teil stillen. LEU stammt von Russlands kommerziellen Anreicherungsprogrammen und nicht mehr von der Waffen-Abreicherung. Die Lieferungen umfassen bis 2015 nur noch etwa die Hälfte der Menge, die unter dem HEU-Programm geliefert wurden. Außerdem handelt es sich um einen reinen Dienstleistungsvertrag. Das Uran stammt nicht mehr aus russischen Minen, sondern die USA müssen es selbst zusammenkaufen. Danach wird es nach Russland verschifft, wo es entsprechend angereichert wird.

Moskaus Trumpf

Russland gehört zu einer den größten Uran-Lieferanten der Welt. Erschwerend kommt hinzu, dass Kasachstan, die weltweite Nummer eins, unter Einfluss von Moskau steht. Sogar ein Großteil der US-Minenproduktion befindet sich im Besitz der russischen Regierung. Die USA hängen am Haken.

Die Frage ist, was Russland aus dieser Situation macht? Moskau hat die Gelegenheit, Einbußen infolge der Handelssanktionen und der zurückgegangenen Ölpreiseinnahmen, die Spuren im Haushalt hinterlassen, auszugleichen. Im schlimmsten Fall  muss allerdings befürchtet werden, dass Russland Uran als Waffe gegen die westlichen Mächte einsetzt.

Wozu Russland im Ukraine-Konflikt in der Lage ist, lässt sich in den Nachrichten verfolgen. Bislang sind keine Lieferengpässe bekannt. Aber Russland und Kasachstan, das noch vor Kanada einer der größte Uranproduzent der Welt ist, könnten durchaus ihre Lieferungen verknappen, um den Westen unter Druck zu setzen.

Das geschieht wahrscheinlich nicht bei bereits geschlossenen Kontrakten – an die hat sich Russland selbst während des Kalten Krieges gehalten, aber bei neuen. Das muss nicht einmal mit finanziellen Einbußen verbunden sein. Denn durch eine Verknappung könnte der Preis weiter steigen. Geringere Liefermengen bei einem steigenden Preis könnten sich im Ergebnis ausgleichen. Russland befindet sich also in einer komfortablen Situation.

Quelle: n-tv.de

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