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Punktsieg für die Autozulieferer: "VW und Einkaufschef Sanz haben verloren"

Prevent wird seine Lieferungen an Volkswagen wieder aufnehmen. VW muss zahlen. Einem Profi wie VW-Einkaufschef Sanz hätte das nicht passieren dürfen, sagt der Auto-Experte Becker. Dass der Lieferstreit überhaupt so hoch kochen konnte, habe ein gewisses "Geschmäckle".

n-tv.de: Der Lieferstreit zwischen Volkswagen und Prevent ist beigelegt. Wer hat gewonnen?

VW-Einkaufschef Garcia Sanz.
VW-Einkaufschef Garcia Sanz.(Foto: picture alliance / dpa)

Da der materielle Inhalt der Einigung nicht bekannt ist - und vermutlich auch vertraulich bleibt - ist die eindeutige Ermittlung eines Gewinners in Euro und Cent schwierig. Fakt ist aber: Prevent bekommt Geld, VW muss zahlen. VW und vor allem Einkaufsvorstand Francisco Javier Garcia Sanz sind die Verlierer. Die Strategie des VW-Einkaufs, "single sourcing" auch bei strategisch wichtigen Teilen zu betreiben – über die Gründe soll hier nicht spekuliert werden - hat sich als fatal herausgestellt. Profis darf so etwas nicht passieren. Prevent hat damit gewonnen.

Helmut Becker: Ist das der Beginn einer neuen Autowelt mit starken Zulieferern und Verhandlungen auf Augenhöhe?

Das sehe ich nicht. Aber die vielen kleinen und mittelständischen Zulieferer können jetzt darauf hoffen, von den Herstellern in Zukunft etwas mehr "gentlemanlike" behandelt zu werden. Die Autowelt hat sich verändert, die Zulieferergruppen sind größer geworden. Dadurch haben sie mehr Verhandlungsmacht. Denken sie an Bosch, Conti mit der Schaeffler-Gruppe oder an ZF. Aber letztlich sind das doch nur wenige Unternehmen. Für 99 Prozent ist die Autowelt, wie sie schon immer war. Die Hersteller dominieren, sie haben die Kauf- und Preismacht, so wie es der Einkäufer Ignacio Lopez bei Volkswagen eingeführt hat. Und die Zulieferer müssen sich anpassen. So wird es auch bleiben.

Wird dieser Machtkampf nicht jetzt Nachahmer finden?

Der wird mit Sicherheit keine Schule machen. Prevent wird möglicherweise noch einen hohen Preis für diesen Streit zahlen. Die Branche ist solidarisch, und Prevent beliefert Hersteller weltweit. Das Einkaufsverhalten der Autohersteller dürfte sich hiernach ändern. Sie werden sorgfältig darauf achten, sich bei keinem Zulieferer mehr in Abhängigkeit zu bringen. Bestehen solche Abhängigkeiten, werden sie beseitigt, der Einkauf wird auf mehrere Lieferanten verteilt. Das heißt, es gibt auch eindeutige Verlierer: diejenigen Zulieferer, die bisher ebenfalls Allein-Lieferant für wichtige Teile bei ihren Kunden waren. Für "single sourcer" brechen jetzt noch härtere Zeiten an.

Werden Autokäufer von diesem Wettbewerb profitieren?

Hier wird sich kaum etwas ändern. Die Automärkte haben einen hohen Grad an Wettbewerb. Wir haben viele Anbieter auf der Welt. Kostensteigerungen wird man vielleicht bei den Premium-Herstellern weitergeben können, aber nicht im Massengeschäft.

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für n-tv.de und teleboerse.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für n-tv.de und teleboerse.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Was hat Prevent dazu getrieben, alleine den Aufstand zu proben?

Das ist ein absoluter Einzelfall. Meines Wissens ist so was noch nie vorgekommen. Prevent hat den ökonomischen Selbstmord riskiert, sich mit dem weltgrößten Abnehmer anzulegen. Auch aus einem anderen Grund leuchtet der Streit nicht ein. Warum hat VW nicht die 58 Millionen Euro bezahlt, die Prevent für die vorangegangene Vertragsauflösung gefordert hat? Der Konzern zahlt solche Summen normalerweise aus der Portokasse.

Warum hat VW so lange ausschließlich nur mit Prevent zusammengearbeitet?

Das lässt sich nicht beantworten. Tatsächlich hat VW 20 Jahre lang seine Sitzbezüge von der Prevent-Gruppe eingekauft. Offenbar hat das gut geklappt. Sitzbezüge sind kein strategisches Gut, vielleicht gab es deshalb nur einen einzigen Lieferanten. Bei dem Teil für das Getriebe, das von der ES Guss kommt, liegt der Fall anders. Dies ist ein strategisches Teil, und auch hier gab und gibt es nur diesen einen Lieferanten.

Wie sind die beiden Teile-Lieferanten miteinander verbunden?

Die Geschäftsführung der Holding von Prevent aus Bosnien hat sich strategisch in eine mächtige Position gegenüber VW gebracht, indem sie Car Trim einen Teil ihrer Forderungen an ES Guss abtreten ließ, so dass ES Guss plötzlich eine Forderung an VW hatte. Volkswagen wurde auf einmal erpressbar. So etwas nenne ich einen Gau. Der Einkaufsvorstand Sanz hätte dies nicht sehenden Auges zulassen dürfen.

Wird Chef-Einkäufer Sanz seinen Hut nehmen müssen?

Profis darf so etwas nicht passieren.

Mit Helmut Becker sprach Diana Dittmer.

Quelle: n-tv.de

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