Wirtschaft
Blick aus dem Fenster der venezolanischen Zentralbank auf Caracas: Nelson Merentes entlässt die Umtauschkurse in die Freiheit.
Blick aus dem Fenster der venezolanischen Zentralbank auf Caracas: Nelson Merentes entlässt die Umtauschkurse in die Freiheit.(Foto: Reuters)

Kurssprünge beim Bolivar: Venezuela gibt die Währung frei

Die Nebenwirkungen des Ölpreisverfalls lösen im rohstoffreichen Venezuela hektische Gegenmaßnahmen aus: Die Währungshüter des sozialistisch regierten Staates geben die Kursvorgaben für die Landeswährung auf.

Der Schritt gleicht einer Revolution: Venezuela hat eine Lockerung seines staatlichen Devisenkontrollsystems in Aussicht gestellt. Noch diese Woche soll der Startschuss fallen für einen freien Handel von Währungen, der sich nach Angebot und Nachfrage richtet, wie Finanzminister Marco Torres und Zentralbank-Chef Nelson Merentes in Caracas mitteilten.

Der Schritt ist ein fundamentaler Kurswechsel und dürfte starke Anpassungsbewegungen an den Devisenmärkten auslösen: Seit über einem Jahrzehnt werden in dem ölreichen und sozialistisch regierten Land die Umtauschkurse staatlich vorgegeben, was Venezuela unter anderem - und unbeabsichtigterweise - einen blühenden Schwarzmarkt bescherte. Die Entscheidung aus Caracas soll Spannungen im Devisenhandel beseitigen.

Maßnahme zur Krisenabwehr

Der Grund für die Freigabe liegen auf der Hand: Seit Monaten stehen die Venezolaner zum Beispiel vor Supermärkten und anderen Läden des täglichen Bedarfs Schlange. Viele Produkte wie Mehl, Milch und Hygieneartikel sind knapp, da es zu wenig Devisen für den Import gibt. Die Engpässe in der Versorgung drohen die angespannte Stimmung im Land weiter anzufachen.

Ökonomen erkennen in den sozialen Verwerfungen und dem politisch aufgeheizten Klima die oberflächlichen Symptome für strukturelle Probleme der venezolanischen Volkswirtschaft. Dem Land macht der starke Preisverfall beim Rohöl schwer zu schaffen.

Hübsches Geld: Der Kurs des venezolanischen Bolivars sieht ungewohnt unruhigen Zeiten entgegen.
Hübsches Geld: Der Kurs des venezolanischen Bolivars sieht ungewohnt unruhigen Zeiten entgegen.(Foto: REUTERS)

Die dramatisch geschwundenen Einnahmen aus dem Ölverkauf legen längst bekannte Schwachstellen frei: Venezuela ist einseitig auf die Ausbeutung eigener Bodenschätze ausgerichtet und auf stabile Deviseneinnahmen aus dem Mineralölexport angewiesen. Die Regierungen des Landes haben es in den vergangenen Jahren versäumt, die hereinströmenden Gewinne aus der Hochpreisphase am Weltmarkt für Rohöl im eigenen Land für grundlegende Reformen zu nutzen.

Scharfe Kursreaktionen erwartet

Jetzt stehen der Landeswährung - und damit der Bevölkerung - turbulente Zeiten bevor: Experten erwarten, dass der Dollar im Freihandel zunächst zum hohen Schwarzmarktkurs von 180 Bolivar ins Rennen geht. Bisher bewegen sich die Umtauschkurse zwischen sechs und sieben Bolivar je US-Dollar.

Auslöser für die Spekulationen um eine Abwertung der venezolanischen Währung war zunächst die Gründung einer neuen staatlichen Handelsplattform für Devisen. Beobachter gehen davon aus, dass die Freigabe des Bolivar-Kurses Teil der Versuche der Regierung ist, das Abgleiten Venezuelas in eine größere Wirtschaftskrise aufzuhalten. Die Währungshüter, so heißt es, riskieren mit diesem Schritt die ohnehin schon gefährlich hohe Inflation weiter anzuheizen.

Ganz frei wollen Finanzminister Torres und Notenbankchef Merentes den Bolivar allerdings nicht geben: Auch nach der Änderung bleiben Restriktionen. So wird zum Beispiel der offizielle Kurs von 6,30 Bolivar pro Dollar für Importe von Lebensmitteln und Medikamenten beibehalten. Auch dürfen die Venezolaner offiziell weiter nur etwa 3000 Dollar pro Jahr für Auslandsreisen und 300 Dollar für Online-Käufe tauschen.

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Quelle: n-tv.de

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