Wirtschaft
EZB-Chef Mario Draghi
EZB-Chef Mario Draghi(Foto: imago/Insidefoto)

Was ist mit den stabilen Preisen? : Warum Draghi höhere Inflation erzwingen will

Von Jan Gänger

Die Europäische Zentralbank ist vor allem einem Ziel verpflichtet: stabilen Preisen. Wieso versucht sie dann, mit allen Mitteln mehr Inflation zu erzeugen? Aus guten Gründen.

Die Europäische Zentralbank hat ein Problem: Die Inflation in der Eurozone ist für ihren Geschmack viel zu niedrig. Im November lag die Teuerung bei lediglich 0,3 Prozent. Es erscheint auf den ersten Blick durchaus widersprüchlich, dass EZB-Chef Mario Draghi alle Hebel in Bewegung setzt, um die Inflation anzuheizen. Schließlich ist die Zentralbank verpflichtet, für stabile Preise zu sorgen.

Preisstabilität definiert die EZB allerdings nicht bei null Prozent Inflation, sondern bei einer mittelfristigen Steigerung des Preisniveaus "unter, aber nahe" zwei Prozent. Dass die Notenbanker damit eine leichte Preissteigerungsrate anstreben, klingt überraschend.

Die EZB will vor allem einen Sicherheitsabstand zur Deflation einhalten, also einen länger anhaltenden Rückgang des Preisniveaus vermeiden. Sie berücksichtigt damit auch, dass es zu leichten Messfehlern kommen kann. Eine gemessene Inflationsrate von Null könnte auf einen leichten Rückgang des tatsächlichen Preisniveaus hinweisen.

Eine solche Entwicklung ist alles andere als erstrebenswert: Wenn die Bevölkerung davon ausgeht, dass die Preise weiter fallen, zögert sie das Geldausgeben heraus. Wer erwartet, dass ein Fernseher in drei Monaten billiger ist, legt ihn sich erst später zu. Wenn durch dieses Abwarten die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sinkt, fallen die Preise weiter. Es droht ein Teufelskreis, der sich mit geldpolitischen Mitteln schwerer bekämpfen lässt als Inflation.

Für Firmen bedeuten fallende Preise, dass ihre Einnahmen sinken. Einsparungen, Entlassungen oder gar Pleiten können die Folge sein. Dazu kommt: Durch Deflation werden Schulden real immer größer. So wie die Inflation die Schulden entwertet, erhöht Deflation die Schuldenlast. Verbraucher und Unternehmen scheuen sich in einem deflationären Umfeld deshalb, Kredite aufzunehmen. Für die Konjunktur ist Deflation Gift.

Die Zielmarke von zwei Prozent verfolgt vor diesem Hintergrund einen weiteren Zweck. In der Eurozone gibt es Länder mit höheren und Länder mit niedrigeren Inflationsraten. Würde die EZB eine durchschnittliche Preissteigerung von null Prozent anstreben, müssten einige Mitgliedsstaaten entsprechend negative Raten aufweisen, um die Preissteigerung in anderen Staaten auszugleichen.

Quelle: n-tv.de

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