Wirtschaft
Wer versteht die Notenbanksprache 2.0?
Wer versteht die Notenbanksprache 2.0?(Foto: REUTERS)

Notenbanksprech 2.0: Was bedeutet "Forward Guidance"?

Klare Aussagen sind ihr Ding nicht: EZB-Präsident Draghi und Fed-Chef Bernanke bedienen sich beide deshalb seit geraumer Zeit eines kommunikativen Kunstgriffs. Geldpolitik-Experten nennen ihn "Forward Guidance". Das Kalkül dahinter ist klar.

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Der 4. Juli 2013 kann schon heute als denkwürdiger Tag für die Europäische Zentralbank (EZB) bezeichnet werden. Erstmals in ihrer bald 15-jährigen Geschichte ließ sie sich in die Karten schauen. EZB-Präsident Mario Draghi wiederholte nicht mehr das stereotype "we never precommit" ("wir legen uns niemals vorab fest"), mit dem seine Vorgänger Wim Duisenberg und Jean-Claude Trichet stets gebetsmühlenartig vermieden hatten, dass die Öffentlichkeit und die Finanzmärkte wussten, was die EZB als nächstes plante - also etwa, ob bald eine Zinssenkung oder Erhöhung auf der Agenda stand.

An jenem 4. Juli 2013 erklärte Mario Draghi zur großen Überraschung vieler Beobachter und Investoren, die EZB wolle ihren Leitzins noch "für einen ausgedehnten Zeitraum" niedrig halten. Damit gab er erstmals einen halbwegs konkreten Hinweis auf die künftige Geldpolitik - obgleich die Gretchenfrage unbeantwortet blieb: was eigentlich bedeutet "ausgedehnt"? Sechs Monate, ein Jahr, zwei Jahre oder länger? Niemand weiß es. Noch nicht einmal Draghi selbst dürfte schon halbwegs exakt voraussagen können, was seine Worte ganz konkret bedeuten.

Zu unsicher ist die Lage in der Eurozone. Zu bedrohlich ist immer noch die Schuldenkrise, von der Rezession in vielen Euro-Ländern ganz zu schweigen. Einer ganz ähnlichen Gefechtslage sah sich vor ein paar Jahren bereits ein anderer Top-Notenbanker auf der anderen Seite des Atlantiks gegenüber: Ben Bernanke.

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Am 18. März 2009 verwendete Bernanke die selbe Floskel wie Jahre später nun Draghi und versprach den Akteuren an den globalen Finanzmärkten, seine Federal Reserve (Fed) werde ihren Schlüsselzins "für einen ausgedehnten Zeitraum" bei nahe null Prozent halten. Inzwischen ist Bernanke noch konkreter geworden und hat sein Versprechen daran geknüpft, dass vor einer ersten Zinserhöhung zunächst die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent fallen muss.

Mission: Zeit kaufen

Draghi und Bernanke bedienen sich beide eines kommunikativen Kunstgriffs, den Geldpolitik-Experten "Forward Guidance" nennen. Das Kalkül dabei: An der Nullgrenze bei den Zinsen angekommen,  wirkt die Aussicht auf eine längere Zeit mit ultraniedrigen Zinsen wie eine weitere Senkung. Bernankes Coup gelang, auch wenn er später nachjustieren musste. Und auch Draghi nehmen die Anleger an den Finanzmärkten seine "Forward Guidance" offenbar ab - auch wenn dem kundigen Publikum schon vorher klar war, dass wegen der verheerenden Rezession in der Euro-Zone in nächster Zeit ganz bestimmt keine Zinserhöhung auf der Agenda der EZB stehen könnte.

"Forward Guidance" wirkt also offenbar, auch wenn Bernanke und Draghi nicht die Erfinder sind. Erstmals eingesetzt hat die Technik die Zentralbank von Neuseeland 1997, nach ihr kamen die Norweger und Schweden. Zur Erinnerung: Die Fed, schon damals natürlich der Schrittmacher der Weltmärkte, publizierte erst seit 1994 überhaupt ihre Zinsentscheidungen - vor diesem Zeitpunkt konnte man nur anhand sich verändernder Marktzinsen erahnen, was die Geldpolitiker im Washingtoner Eccles-Building zuvor verfügt hatten. Und erst 2003 experimentierte dann Bernankes berühmt-berüchtigter Vorgänger Alan Greenspan mit der "Forward Guidance". Bernanke machte - notgedrungen in der schwersten Krise seit Jahrzehnten - ernst.

Vor kurzem zog die Bank von Japan nach. EZB und bald wohl auch die Bank von England sind nun als die letzten der vier wichtigsten Zentralbanken der Welt an der Reihe. Doch Fragen bleiben, zum Beispiel nach der richtigen Kommunikation. Denn die Notenbank hat nur dann Flexibilität, wenn sie selbst definieren kann, welchen Zeitraum ihre "Forward Guidance" abdeckt. Die Investoren wollen aber gerne wissen, wie lange ein "ausgedehnter Zeitraum" dauert. Was passieren kann, wenn die Führung der Notenbank nicht exakt mit einer Stimme spricht, musste Anfang der Woche bereits der deutsche EZB-Direktor Jörg Asmussen erleben. Er wich in einem Interview mit Reuters-TV nur marginal vom Wortlaut Draghis ab - und schon krachte der Euro in den Keller.

Quelle: n-tv.de

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