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Europa stresst seine Banken: Was bringt das?
Europa stresst seine Banken: Was bringt das?(Foto: AP)

Europas Banken auf dem Prüfstand: Was soll, was kann der Stresstest?

Seit Monaten wartet die Welt auf das Finale der zweiten großen Belastungsprobe für Europas Banken. Schon der erste Test war schwer umstritten. Wird die Neuauflage aufschlussreicher? Mitte Juli ist es so weit: Kritiker fürchten massive Nachteile, die Konkurrenz reibt sich die Hände.

Am großen europäischen Banken-Stresstest scheiden sich die Geister. Ein "Non-Event" sei die Veröffentlichung, gibt sich der Vorstand einer deutschen Bank betont gelassen. In der Politik dagegen wird geraunt, die Ergebnisse könnten die Schuldenkrise in Europa noch verschärfen. Offener spricht ein Bankier aus Österreich: "Man darf den Stresstest nicht überbewerten. Das wird die Situation weder beruhigen noch dramatisch beunruhigen", meint Vorstand Thomas Uher von der Erste Bank. "Das ist eine Übung, die stark dem Beschäftigungsdrang der Aufsichtsbehörden geschuldet ist."

Frankfurt am Main: Glücklich macht der Test niemanden.
Frankfurt am Main: Glücklich macht der Test niemanden.(Foto: dapd)

Die neue Enria wird EBA-Chef hat die Bekanntgabe der Ergebnisse für Freitag, 15. Juli, 18.00 Uhr angekündigt - kurz nach Börsenschluss in Europa. Aufgedeckt werden dabei Details aus einem umfangreichen Stresstest von 90 Banken aus 21 Ländern. Nach der Kritik aus dem Vorjahr wurden die Kriterien des Tests verschärft. Skeptische Beobachter monieren, dass bei der Berechnung schlimmstmöglicher Szenarien nicht einmal eine Staatspleite im Euroraum berücksichtigt wird, und das obwohl ein solches Ereignis mittlerweile durchaus denkbar erscheint. 

Was soll der Stresstest bringen?

Das Ziel heißt Beruhigung: Die Finanzaufseher bei der EBA in London versuchen mit dem Test, das in der Finanzkrise großflächig verloren gegangene Vertrauen der Investoren in die Banken wiederherzustellen. Die Institute sollen in der Belastungsprobe unter Beweis stellen, dass sie mit einer erneuten Krise besser fertig würden. Nach Ansicht von Experten müssten mehr Banken durchfallen als 2010, um dem Test Glaubwürdigkeit zu verleihen. Damals hatten nur 7 von 91 Geldhäuser den Test nicht bestanden, darunter die verstaatlichte deutsche Immobilienbank Hypo Real Estate. Geldhäuser aus Irland hatten den Test dagegen weitgehend unauffällig bestanden - und mussten wenige Wochen später mit Milliarden aus dem irischen Staatshaushalt gestützt werden.

Was wird getestet?

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Der Test gibt verschiedene Szenarien vor: Die Banken müssen zum Beispiel errechnen, wie sich ihr Kernkapital bei einem erneuten Rückfall in eine Rezession entwickelt. Europa würde einem Test-Szenario zufolge zum Beispiel bis Ende 2012 nicht mehr auf einen Wachstumspfad zurückkehren. Das Bruttoinlandsprodukt fiele um 4 Prozent schwächer aus als die Experten prognostizieren. Das Szenario gilt als extrem: Die Europäische Zentralbank (EZB) schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass es eintritt, 2011 auf 1 Prozent und 2012 auf 4 Prozent. Mit der Rezession verbunden ist eine Verschärfung der europäischen Staatsschuldenkrise, ein Anstieg der Zinsen und ein Verfall der Immobilienpreise - dass das zeitgleich passiert, gilt offiziell ebenfalls als höchst unwahrscheinlich. Kritiker des Tests müssten an dieser Stelle nur stumm auf den verweisen, um eine der Schwachstellen des Tests hervorzuheben. Überhaupt liegt die Konzeption des Tests Monate zurück. Die jüngste Aufregung um Italien war da kaum abzusehen.

Wie hoch liegt die Messlatte?

Die harte Kernkapitalquote heißt im internationalen Bankenjargon "Core Tier-1". Im Test darf sie bis Ende 2012 auch unter extremen Bedingungen nicht auf weniger als 5 Prozent der risikogewichteten Aktiva (RWA) fallen. Das gilt bereits als eine Art indirekte Verschärfung: Zwar mussten die Banken vor einem Jahr auch im Krisenfall noch mindestens 6 Prozent Tier-1-Kapital behalten, doch konnten damals Reserven wie Hybridkapital und die Stillen Einlagen noch nicht mit dazugerechnet werden.

Wer fällt wohl durch?

Experten gehen davon aus, dass europaweit bis zu 15 Institute durchfallen. Darunter sind mindestens vier spanische Sparkassen, auch griechische, zwei irische und zwei zyprische Banken. Auch die österreichische ÖVAG gilt als gefährdet. Die Ergebnisse der Helaba, einem von 13 deutschen Teilnehmern, werden wegen eines Streits um die Kriterien nicht veröffentlicht. Sie wäre sonst durchgefallen. Die HSH Nordbank und die NordLB dürften nur knapp bestehen.

Was sind die Konsequenzen?

Die EBA will nicht nur Banken, die im Test durchfallen, sondern auch diejenigen Häuser, die nur knapp bestehen, zu Gegenmaßnahmen zwingen. Sie sollen ihr Kapital aufstocken - entweder über den Markt oder notfalls wieder vom Staat. Durchsetzen sollen das die nationalen Aufseher. Die Regierungen halten Notfallpläne vor. In Deutschland fehlen den zuständigen Stellen, also Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und der Bundesbank, für Zwangsmaßnahmen nach eigenem Bekunden aber die gesetzliche Grundlage.

Was genau verrät der Test?

Ausgehend von der tatsächlichen harten Kernkapitalquote Ende liefert der Test für jede teilnehmende Bank eine errechnete Quote für Ende 2012 "unter Stress". Bis Ende April 2011 beschlossene Kapitalmaßnahmen werden dabei noch berücksichtigt. Zudem müssen die Banken erklären, wie sie eine mögliche Kapitallücke schließen würden.

In Athen wächst die Spannung: Woher soll das Geld für die Durchfaller kommen?
In Athen wächst die Spannung: Woher soll das Geld für die Durchfaller kommen?(Foto: AP)

Aufschlussreicher für die Investoren sind aber die weiteren umfangreichen Daten auf dem zehn Seiten umfassenden Formular: Dort müssen die Institute genau aufschlüsseln, wie und in welchem Umfang sie Kreditrisiken und Staatsanleihen halten. Angegeben werden müssen dabei auch Angaben zu Ländern und Laufzeiten. Kritiker fürchten hier ein potenzielles Einfallstor für Spekulationsattacken. Auch die großen US-Banken werden sehr genau hinsehen, wie die europäischen Konkurrenten aufgestellt sind. In den Details des Tests enthalten sind außerdem hypothetische Gewinnprognosen für 2011 und 2012 auf Basis einer statischen Bilanz - also ohne Maßnahmen zur Reduzierung der Bilanzrisiken. Auch das wird die Wall-Street-Banker interessieren: Schließlich bekommen sie umsonst und ohne Risiko die seltene Gelegenheit, den europäischen Mitspielern in die Karten zu schauen. Sie selbst müssen solche Offenheit bislang nicht fürchten.

Wo liegen die Schwachstellen?

Investoren kritisieren, dass der Stresstest die Frage eines Bankrotts eines Euro-Landes wie schon 2010 ausklammert. Das ist eine politische Entscheidung: Für die Europäische Union ist so etwas tabu. Deutsche Banken kritisieren zudem, dass der Stresstest die Regeln von Basel III vorwegnimmt und sie vorzeitig zur neuen Zusammensetzung ihres Eigenkapitals zwingt - obwohl die Aufseher ihnen dafür mehr als zehn Jahre Zeit geben wollten. Diese Kritik teilen auch die deutschen Aufseher. Für Unmut sorgte zudem, dass die Eba immer neue Anforderungen stellte und die Kriterien wegen der Schuldenkrise in Griechenland nachträglich verschärfte.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die wahren Probleme der Banken gehen nach Ansicht vieler Experten im Pulverdampf um den Stresstest unter. Wie bewältigen sie die Griechenland-Krise? Und woher bekommen sie das frische Geld, das sie angesichts hoher Auflagen brauchen? "Die Zerstörung des Vertrauens am Markt in Staatsanleihen trifft die Banken mehr als jeder Stresstest", sagt zum Beispiel ein Investmentbanker, der die Finanzbranche berät. "Hier stresst der Markt das System - das ist viel gefährlicher als jede Simulation eines Regulierers."

Die Verunsicherung ist messbar. Der europäische Banken-Index ist im Juli schon um 10 Prozent gesunken. Für viele Institute aus den Krisenstaaten am Rand der Eurozone steigen angesichts der Verunsicherung die Refinanzierungskosten drastisch, wenn sie neue Anleihen begeben müssen. In Griechenland und Irland ziehen immer mehr Kunden ihre Einlagen bei den Banken ab, und nicht nur in Spanien kämpfen die Kreditinstitute mit immer höheren Zinsen um die Sparbücher und Tagesgelder.

"Jedes Ergebnis ist Willkür"

Stress-Szenarien wie das der EBA kranken daran, dass keine Krise verläuft wie die andere. "Eine Bank, die durchfällt, kann glänzend dastehen, eine Bank, die besteht, kann in einem halben Jahr Pleite gehen", bezweifelt ein Experte die Aussagekraft des Tests. "Jedes Ergebnis ist Willkür." Den nationalen Aufsehern geht vor allem der Ansatz der EBA gegen den Strich, alle Banken in Europa über einen Kamm zu scheren - unabhängig davon, wo sie wirklich anfällig sind:

Mühsam haben die Regulierer das Thema Griechenland doch noch in den Stresstest gequetscht - und die Gratwanderung geschafft, trotzdem keine Pleite des Landes vorwegzunehmen. Bankprofessor Klaus Fleischer von der Hochschule München sieht die Kehrtwende der Aufsicht kritisch: "Im Fußballspiel kann man auch nicht in der Halbzeit das Spielfeld kleiner oder größer machen."

Gerüchte und geheime Zahlen

Bis auf den kurz vor der Pensionierung stehenden BaFin-Chef Sanio greift Europa-Aufseher an traut sich aber kaum jemand offen Kritik an der EBA zu üben - zu groß ist die Angst vor dem politischen Einfluss der EU-Kommission, die bei der ihr unterstellten Behörde unverhohlen durchregiert. Schon Ende Juni waren in Brüssel Überlegungen laut geworden, es könne opportun sein, auch eine Bank aus Deutschland durchfallen zu lasse. Am Mittwoch ging die Helaba zur Vorwärtsverteidigung über und warf der Aufsicht vor, sie habe sie aus rein formalen Gründen zum Durchfaller abgestempelt. "Das Ganze ist eher ein Machtspiel", rügt ein Branchenkenner.

Dass Europas Banken mehr Kapital brauchen, ist auch ohne den Stresstest klar. 43 Mrd. Euro haben sie seit dem Test vor einem Jahr schon eingesammelt, mehr als 18 Mrd. allein die Deutsche Bank und die Commerzbank. Die neuen Eigenkapitalregeln von Basel III zeigen die Lücken auf: So kommt die Deutsche Bank derzeit nach diesen verschärften Kriterien Analysten zufolge gerade auf eine harte Kernkapitalquote von 6,5 bis 7,0 Prozent. 9,5 Prozent müssen es nach den Sondervorschriften für die weltumspannenden Banken künftig werden.

Doch Kapital löst nicht alle Probleme. Viel spannender für die Experten wären die Ergebnisse des Liquiditätstests, der mit den gleichen Teilnehmern parallel stattfindet. Probleme mit den verfügbaren Finanzmitteln hatten auch zu den Bankpleiten in der Finanzkrise geführt. Doch diese Zahlen hält die EBA geheim - sie sind viel zu sensibel für Machtspielchen.

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Quelle: n-tv.de

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