Wirtschaft
Die größte Wartehalle Deutschlands.
Die größte Wartehalle Deutschlands.(Foto: picture alliance / Bernd Settnik)
Montag, 22. Mai 2017

Katastrophen-Flughafen BER: Welches Jahr haben wir gleich noch?

Von Diana Dittmer

Kann der BER nun nächstes Jahr an den Start gehen oder nicht? Leider ist nichts ungewisser, denn die Baustelle scheint weiterhin völlig außer Kontrolle. Nur die Politik bewahrt immer noch Haltung oder versucht es zumindest.

Fragt man Berliner, ob der neue Hauptstadtflughafen jemals eröffnet, stehen ihnen Fragzeichen ins Gesicht geschrieben. Ursprünglich war der Start tatsächlich einmal für das Jahr 2011 geplant. Der erste Spatenstich war im September 2006, der spätere BER-Chef Hartmut Mehdorn griff damals noch in seiner Funktion als Bahnchef zur Schippe. Danach wurde den Hauptstädtern die Fertigstellung ihres Flughafen-Großprojekts ungefähr im Ein- bis Zwei-Jahrestakt versprochen. Da kann man schon mal den Überblick verlieren.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2017 und schon wieder munkelt man, dass es vor Ende 2019 - vielleicht auch erst 2020 - auf keinen Fall etwas wird mit dem Hauptstadtflughafen. Allein schon die Verkündung des Datums für die Verkündung des Eröffnungstermins gestaltet sich schwierig – irgendwann im Herbst soll zumindest dieses Datum stehen. Ganz bestimmt. Das heißt, wenn nicht wieder jemand oder etwas dazwischenfunkt.

Video

Denn nach wie vor bereitet den Ingenieuren einiges am BER Kopfzerbrechen. Nach den sanierten Kabeltrassen und erneuerten Rauchkanälen am Terminal sind nun die Sprinkleranlagen an der Reihe. Dass dieses Großprojekt nicht längst aufgegeben wurde, grenzt an ein Wunder. Billiger wäre es wahrscheinlich gewesen. Täglich kostet der Pannen-Flughafen den Steuerzahler 1,3 Millionen Euro. Kein Wunder also, dass es bei Facebook seit Jahren eine Einladung zu einer Abrissparty mit großer Mitternachtssprengung zu Silvester gibt. "Dieses 'Ding' wird nie mehr einen Cent Gewinn machen können!", heißt es dort.

"Also weg damit“, lautet die Schlussfolgerung. "Schön kleinschreddern und wie die Berliner Mauerteile als Souvenir verkaufen, da schaffen wir 4 - 5 Milliarden in den nächsten Jahren und nebenan wird schon mal neu gebaut!" Einnahmen statt Ausgaben, das hört sich zur Abwechslung mal verlockend an.

Wirtschaftlich gesehen könnte man geneigt sein, die Überlegungen der Abrissbefürworter zumindest mal nachrechnen zu lassen, zumal der damalige Vorsitzende des BER-Untersuchungsausschusses, Martin Delius, der nicht im Verdacht stand, unüberlegt daherzureden, das Projekt bereits vor zwei Jahren als "final gescheitert" erklärt hatte. Es wäre vielleicht überfällig. Denn auch die jüngsten Rückmeldungen lassen das Bauprojekt BER wieder mal komplett absurd erscheinen.

Für Baufirmen eine Goldgrube

Laut Medienberichten werden einige Firmen - nach allen Querelen und Protesten, die das Bauprojekt bereits gesehen hat - heute noch fürs "Nichtstun" bezahlt. Siemens lasse ihre Mitarbeiter stundenweise abrechnen – selbst wenn auf der Baustelle Stillstand herrsche, heißt es. Das dürfte nicht allzu selten der Fall sein. Die Wut der Berliner auf die Bauruine, die ihnen einst als "Mega-Hub" angepriesen wurde, wächst wieder mal.

Nur wird auch diese Meldung versanden. Denn aufgeben wollten die Verantwortlichen ihr Flughafenprojekt nie, auch wenn das Bau-Monstrum nicht nur immer mehr Geld verschlingt, sondern gewissermaßen auch die letzten Befürworter des Großprojekts "frisst": seine eigenen Chefs.

Mit Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup trat im März bereits der vierte Flughafenchef seinen Dienst an. Wieder ist übrigens ein Politiker am Werk. Vor ihm hatten bereits Hartmut Mehdorn und Karsten Mühlenfeld die Segel streichen müssen. Und selbst der Berliner Bürgermeister Michael Müller traut dem BER keine Höhenflüge mehr zu, er gibt seinen Sitz als Aufsichtsratsvorsitzender auf, sein Nachfolger steht noch in den Sternen.

Der neue Flughafenchef Lütke Daldrup, auf dem nun alle Hoffnungen ruhen, hat sich derweil für eine Tonart entschieden, die man als den Versuch der Beruhigung deuten könnte, wenn er meint: "Ein Flughafen ist niemals fertig", wie er bei einem Vor-Ort-Termin am Freitag sagte.  Allerdings könnte man seine Worte auch anders interpretieren. Der BER ist nämlich nicht nur weit davon entfernt, "fertig" zu sein.

Wie, nie fertig?

Nach allem, was man heute weiß, ist der BER nämlich gar nicht mehr der Flughafen, den Berlin braucht. Wie es aussieht, müsste das gesamte Konzept geändert werden. Mit dem angekündigten Drehkreuz für Umsteiger (das sogenannte Mega-Hub), als das der BER geplant war, wird es nämlich wohl nichts mehr. Der Hauptstadtflughafen wird "nur" ein Airport für sogenannte Point-to-Point-Passagiere. Das heißt, Passagiere werden in Berlin ein- oder aus-, aber nicht umsteigen. Davon geht auch die Führungs-Crew heute aus.

Die Gründe dafür sind offensichtlich: Das BER-Konzept ist – oh Wunder - mittlerweile überholt. Die größte deutsche Fluggesellschaft, die Lufthansa, hat mit Frankfurt und München bereits zwei große Hubs in Deutschland. Die deutsche Luftfahrtbranche steckt in der Krise, die Lufthansa dünnt ihr Streckennetz aus. Und dem für den BER wichtigen Mitwettbewerber Air Berlin geht mittlerweile finanziell die Luft aus.

Das Absurde ist: Wenn der BER kein Umsteiger-Flughafen wird, dann muss seine Infrastruktur wieder neu geplant werden. Mehr Kapazitäten für Check-in und Gepäck sind nötig, was vor allem mehr Platz kostet: Muss der BER wieder umgebaut werden, bevor er eröffnet wird - und wird er dann eröffnet? Die Idee mit der Abrissparty kommt einem wieder ins Bewusstsein.

Kein Licht am Ende des Tunnels

Leider sind Sprengen und Einstampfen, so verlockend es klingen mag, aber auch keine Lösung. Es wäre in etwa so, als hätte man Griechenland fallen lassen, indem man weitere Kredite verweigert hätte. Die Gläubiger haben es nicht getan - und zumindest in Griechenland scheint es sich gelohnt zu haben. Das Land befindet sich langsam, aber sicher wieder auf gefestigteren Pfaden. Ähnlich hoffen die Steuerzahler auf ein Happy End in Brandenburg.

Was zählt in solchen Fällen, ist das Licht am Ende des Tunnels. Wenn die neue Führungsriege am BER sich nur nicht so schwertun würde, dieses Lichtlein zu entzünden. Am Freitag zumindest wurde wieder mal klar: Mit Zahlen haben es auch diese Herren nicht. Die Sprinkleranlage hat 80.000 neue Sprühköpfe bekommen, aber wie viel waren es wohl vorher? 50.000, wie Flughafenboss Lütke Daldrup beteuerte oder 40.000, wie Technikchef Jörg Marks sagte? Auch beim Problem Brandschutz und Türen schwankten die Angaben: 1500 müssten bei Feuer angesteuert und für den Fall umgebaut werden, meinte Lütke Daldrup. Sein Technikchef glaubte, es seien 1800. Vertrauen schaffen geht wohl anders.

Heute tagt der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft (FBB) zum Stillstand an der Baustelle. Am Dienstag folgt eine gemeinsame Kabinettssitzung der beiden Landesregierungen Brandenburg und Berlin. Berlins Regierender Müller und Brandenburgs Ministerpräsident Woidtke erwarten dann einen Rapport von der Führungscrew. Es wird wohl wieder mal Tacheles geredet, aber ob es was ändert, ist fraglich. Auch dieses Jahrzehnt droht ungenutzt abzulaufen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen