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"Wir müssen anfangen, über die Zukunft des Automobils nachzudenken", sagte Daimler-Chef Zetsche.
"Wir müssen anfangen, über die Zukunft des Automobils nachzudenken", sagte Daimler-Chef Zetsche.(Foto: picture alliance / dpa)

Wunsch- oder Albtraum: Wer will autonomes Fahren im E-Auto?

Von Helmut Becker

Daimler hat auf der CES gezeigt, wie man sich autonomes Fahren vorstellt. Das sieht zwar sexy aus, praktikabel ist es aber nicht. Mit Elektroautos ist es das Gleiche. Nun drängt sich die Frage auf: Was will der Autokäufer eigentlich?

"Wenn ich Hundefutter verkaufen will, muss ich erst einmal die Rolle des Hundes übernehmen; denn nur der Hund allein weiß ganz genau, was Hunde wollen." (Ernest Dichter, amerikanischer Sozialforscher) Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber in der Automobilindustrie und den einschlägigen Medien scheint man triviale Gesetze des Marketings hartnäckig zu leugnen. Hier wird so getan, als würden wir morgen alle nur noch in Elektroautos unterwegs sein wollen und das am besten auch noch in solchen, die das selbsttätig, also ohne Zutun des Fahrers erledigen. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.(Foto: Helmut Becker)

Fakt ist, dass die Autohersteller mit ihren Elektroautos nicht vom Fleck kommen, weil das Wichtigste an dem Produkt fehlt: leistungsstarke Batterien und wettbewerbsfähige Anschaffungspreise. Womit der erste Hauptsatz der Dynamik der Kraftfahrzeuge bewiesen wäre: "Ein Auto, das nicht fährt, ist überhaupt nichts wert!" Daran gemessen hat der Rummel um das E-Auto in den Medien und der Branche, vor allem bei den deutschen Herstellern von Premium-Autos einschließlich ihrer Verbandslobbyisten und der Subventionsentourage aus Politik und Wissenschaft, fast pathologische Züge angenommen.

Der Einäugige unter den Blinden

Am schlimmsten sind die einschlägigen Automobilmedien. Der Politik, die das Ziel von einer Million Elektroautos bis zum Jahr 2020 auf deutschen Straßen ausgegeben hat, werfen sie Untätigkeit bei der Durchsetzung der Elektromobilität vor. Den Autoherstellern selbst zusätzlich auch noch Lethargie und Unfähigkeit in Forschung und Entwicklung verkaufsfähiger E-Autos. Das stimmt allerdings so nicht, denn immerhin boten die deutschen Hersteller nach Aussage des Branchenverbandes VDA 2014 bereits 17 Serienmodelle mit E-Antrieb (Vollbatterieantrieb und Hybridantrieb) an. 2015 sollen weitere 12 Modell folgen.

Damit habe Deutschland dem VDA zufolge sogar sein Ziel erreicht, globaler Leitanbieter beim E-Antrieb zu werden. Was nicht mehr besagt, als dass der Einäugige unter den Blinden König ist.

Verbrennungsmotoren oder "Tesla-Jäger"?

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Leitanbieter hin oder her, der Durchbruch bei der Elektromobilität wurde auch 2014 nicht erreicht. E-Autos stehen - wenn überhaupt - wie Blei in den Showrooms der Händler. Das dürfte auch niemand wundern, denn die Anzahl der konventionellen Modell- und Motorenneuheiten in der deutschen Automobilindustrie wird vom VDA mit über 200 angegeben. Die Musik spielt also unverändert bei den normalen Autos mit Verbrennungsmotoren. Da wird Geld verdient, bei E-Autos wird es verbrannt!

Vor allem der vollelektrisch angetriebene Tesla des Branchen-Outsiders Elon Musk hat es den Medien angetan. Überall wird der drohende Untergang der deutschen Automobilindustrie mit ihren konventionellen Verbrennungsmotoren durch E-Autos á la Tesla an die Wand gemalt; da werden der Branche gar Schlafmützigkeit und fehlende automobile Zukunftsvisionen vorgeworfen. Und kaum kündigt Audi für 2017 die Erweiterung der Produktpalette um zwei Vollelektroautos mit größerer Reichweite an, werden diese zu "Tesla-Jägern" hochstilisiert.

Auch die GM-Chefin Mary Barra bläst auf der Detroit Auto Show mit einem neuen Elektro-Chevrolet namens Bolt - das erste GM-Elektroauto Volt war ein völliger Flop ebenso wie sein deutscher Opel-Ableger Ampera – "zum Großangriff auf Tesla". Und das alles wegen eines Außenseiters aus der IT-Industrie, der über 660 Batteriezellen in den Wagenboden eingebaut hat. Ein Tesla ist sozusagen eine fahrbare Batterie - allerdings eine durchaus ansehnliche.

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Erreicht hat Tesla bisher aber nur wenig: So hat das Unternehmen lediglich 30.000 Autos im sonnigen Süden der USA verkauft - bei einem amerikanischen Gesamtmarkt von 16 Millionen. Gleichzeitig stehen trotz hoher Preise von 70.000 Dollar je Fahrzeug bisher nur Verluste in den Musk-Büchern. Daran wird sich bis mindestens 2020 auch nichts ändern. Das schreckt Investoren indes nicht und hat immerhin dazu geführt, dass Musk via Aktienkurs zum Milliardär geworden ist. Schöne neue Welt!

Ganz nebenbei: Den aktuellen deutschen Winter - obwohl erneut mild - haben die wenigen Tesla-Modelle hierzulande genauso wie die sonstigen Voll-Elektroautos anderer  Hersteller tunlichst in den geheizten Garagen verbracht statt auf vereister Straße. Der Grund: Heizung und Klimaanlage lassen die ohnehin begrenzten Reichweiten der E-Autos nochmals um die Hälfte schrumpfen. Nur Hybrid-Fahrzeuge mit zusätzlichen Verbrennungsmotoren haben da eine Chance! Aber die will momentan auch noch keiner!

Schnapsidee "E-Soli"

Ungeachtet aller technischer Unzulänglichkeiten ist der Forderungskatalog der E-Jünger an die Politik ebenso lang wie die Skurrilität einzelner Vorschläge hoch. Da wagen sich selbst renommierte Automobil-Wissenschaftler auf fachfremdes Terrain und fordern mutig, die Politik möge gefälligst den Kauf von E-Autos mit Sonderabschreibungen oder anderen steuerlichen Anreizen fördern, zum Beispiel für drei Jahre einen speziellen "Elektro-Soli" von 2 Cent je Liter Treibstoff einführen. Mit den Einnahmen von 1,6 Milliarden Euro soll der Aufbau eines bundesweiten E-Tankstellennetzes für gerade 30.000 E-Autos subventioniert werden.

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Und das bei ansonsten leeren öffentlichen Kassen und notwendigen aber nicht getätigten Investitionen in Höhe von 9 Milliarden Euro jährlich in die marode öffentliche Verkehrsinfrastruktur, die einem Automobilbestand von 43 Millionen zugute kämen. Also ein sehr origineller Vorschlag, durchaus geeignet, die Fünfte Jahreszeit im Rheinland angemessen zu eröffnen. Ähnlich originell auch der Vorschlag, Straßenlaternen zu E-Tankstellen umzufunktionieren.

Von wegen auf den Hund gekommen!

Und was meint der "Hund" dazu? Der will als Vierbeiner wie als Autokunde partout kein Elektroautos! Von den 3,04 Millionen Neuwagen, die 2014 in Deutschland verkauft wurden, waren gerade 8522 Elektro-Pkw und 27.435 Hybride, mit einem Verbrennungsmotor als Hauptantrieb und einem Elektromotor als Hilfsaggregat.

Eine Studie des Autozulieferers Continental förderte für Fans des reinen Elektroautos verheerende Ergebnisse zutage: Danach haben Elektroautos neben den bekannten Schwierigkeiten - geringe Reichweite, hoher Preis und lange Ladezeiten – beachtliche Imageprobleme. Sie wecken keine Emotionen und sind für potenzielle Käufer hinsichtlich Fahrspaß, Design und Sportlichkeit wenig attraktiv. Kurz: E-Autos sind für junge Leute  nicht "sexy" – vielleicht mit Ausnahme des BMW i8.

Die nächste Sau wird durchs Dorf getrieben

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Inzwischen hat sich der Hype vom E-Auto auf das autonome Fahren verlagert, also auf Autos, die sich selbst steuern. Den Medien zufolge droht auch hier der Untergang der Branche - und zwar durch völlig fachfremde Unternehmen wie Google. Autonomes Fahren war das beherrschende Thema zuletzt auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas, kräftig angeheizt durch die Präsentation eines spektakulären Show-Cars namens F 015 Luxury in Motion des sonst doch eher biederen Daimler-Konzerns.

In dieser futuristischen 5,22 Meter langen, 2 Meter breiten und 1,53 Meter hohen Daimler–Dickschiff-Welt öffnen sich die Türen gegenläufig. Die Passagiere sitzen in vier drehbaren Lounge Chairs vis-à-vis. Wer autonom unterwegs ist, muss nicht mehr nach vorn auf die Straße oder auf  die Rücklichter des Stau-Vordermannes blicken, das Fahren erledigt das Auto autonom.

Das brachte Daimler immerhin die Schlagzeile ein: "Bei Mercedes wird das Auto zum Erlebnis". Daimler Chef Dieter Zetsche verstieg sich bei der Präsentation sogar zu der Aussage: "Wir müssen anfangen, über die Zukunft des Automobils nachzudenken." 127 Jahren nach Erfindung des Autos durch Gottlieb Daimler wäre das sicher nicht verkehrt!

Autonom? Stinklangweilig!

Allerdings: Autonomes Fahren gibt es schon heute in ganz normalen Autos, die Rede ist hier von den diversen Assistenz-Funktionen beim Einparken, Spurhalten und so weiter. Soweit es dem Komfort des Fahrers dient, wird sich diese Tendenz auch weiter fortsetzen und verstärken: Autonomes Fahren im Stauverkehr wäre beispielsweise denkbar. Ist aber autonomes Fahren die Zukunft der Autoindustrie?

Eindeutig nein, denn ein solcher fahrerfreier Betrieb ist nur beim Geradeausfahren auf amerikanischen Highways möglich, nicht im beengten Verkehr europäischer Städte. Hier ist kein stures Fahren nach programmierten Regeln gefragt, sondern situatives Reagieren auf das jeweilige und alltägliche Verkehrschaos.

Um es klar zu sagen: Die Kunden wollen kein autonomes Fahren und sich auch nicht voll der Technik ausliefern, die 2014 zu 63 Millionen Rückrufen geführt hat. Wenn die Autohersteller von heute nicht einmal in der Lage sind, Unfälle mit tödlichem Ausgang bei Primitivtechnik (Airbags, Lenkradschlösser oder klemmende Gaspedale) zu vermeiden, wie sollen sie dann ein autonomes Fahren ohne Gefahr für Leib und Leben der Fahrer garantieren können? Das nimmt ihnen der Kunde einfach nicht ab! Das hat auch der VDA erkannt: "Mit Fahrzeugen, die überall völlig autonom fahren, ist in den kommenden Jahren nicht zu rechnen."

Fazit: Autonomes Fahren ist stinklangweiliges Fahren und hat mit der "Freude am Fahren" nichts mehr im Sinn. So wie die Visionäre glauben, wird es nicht kommen. Da, wo es das Fahren leichter und komfortabler macht: Ja. Ansonsten: Nein. Wer schon heute unbedingt autonomes Fahren will, kann ja Taxi, Eisen-, Straßen- oder U-Bahn fahren!

Quelle: n-tv.de

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