Wirtschaft
Lässt der Brausehersteller Studien fälschen, um gesünder dazustehen?
Lässt der Brausehersteller Studien fälschen, um gesünder dazustehen?(Foto: REUTERS)

"Wissenschaftlicher Nonsense": Wie Coca-Cola Forschern die Arbeit versüßt

Von Diana Dittmer

Wie lukrativ Forschung sein kann, zeigt der Skandal beim US-Brausemulti Coca-Cola in den USA. Experten diffamieren wissenschaftliche Tatsachen, säen Zweifel und machen sich so zu Handlangern der Industrie.

Der US-Getränkehersteller Coca-Cola steckt wegen dubiosen Wissenschaftssponsorings in Erklärungsnöten. Allein in den USA gibt der Konzern mehrstellige Millionensummen aus, um sein zuckersüßes Image im Sinne der Gesundheit zu neutralisieren.

Wie die Zeitung "New York Times" aufdeckte, sicherte Coca-Cola allein mit 1,5 Millionen Dollar den finanziellen Start einer Forschungseinrichtung namens "Global Energy Balance Network" - eine Million Dollar ging als Spende an die University of Colorado Foundation, der Rest an die University of South Carolina. Leiter der neuen Einrichtung war James Hill, selbst Professor an der University of Colorado. Der Auftrag an das Forscher-Team: Es sollte den Ursachen für Übergewicht auf den Grund gehen. Das Ergebnis fiel überraschend aus: Entgegen den wissenschaftlichen Fakten behaupteten die Forscher, es gebe keinerlei Belege dafür, dass zuckrige Getränke Übergewicht verursachten. Vielmehr sei mangelnde Bewegung das Problem.

"Adipositas-Epidemie"

Die Folge war ein Sturm der Entrüstung, besonders in der Wissenschaftsgemeinschaft. 36 Forscher unterzeichneten einen Brief, in dem sie die Arbeit des Global Energy Balance Network als "wissenschaftlichen Nonsens" bezeichneten. Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern sowie Erwachsenen wird inzwischen als das am schnellsten wachsende Gesundheitsproblem eingestuft. Sowohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sprechen in diesem Zusammenhang sogar von einer globalen "Adipositas-Epidemie".

Coca-Cola-Präsident Muhtar Kent gelobte jedoch die Unabhängigkeit der Studie, man habe keinerlei Einfluss auf die Forscher genommen. In einem Kommentar "We'll do better" für das "Wall Street Journal" vom 19. August schrieb Kent, er bedauere, dass die finanzielle Förderung der Wissenschaft durch den Konzern missverstanden worden sei. Coca-Cola bemühe sich, "wissenschaftsbasierte Kenntnisse" zur Debatte beizutragen. In Zukunft werde man transparenter sein. "Ich weiß, wir können es besser machen."

Viele Millionen für "Gesundheitspartnerschaften"

Ende September veröffentlichte der Konzern eine Liste, auf der alle US-Einrichtungen standen, die von 2010 bis 2015 finanziert wurden. Der Konzern räumte ein, in diesem Zeitraum insgesamt rund 120 Millionen Dollar für "Gesundheitspartnerschaften" und Wissenschaftskooperationen ausgegeben zu haben, 22 Millionen Dollar flossen allein in wissenschaftliche Forschung. Über die Art der Kooperationen und der Natur der Absprachen gaben die Summen jedoch keinen Aufschluss.

Licht in das Dunkel - zumindest der Absprachen zwischen den Forschern vom "Global Energy Balance Network" und den Coca-Cola-Managern - brachten erst geheime Dokumente, die Monate später auftauchten. Ende November meldete die Nachrichtenagentur AP, ihr lägen E-Mails vor, wonach der Leiter der Forschungseinrichtung, Hill, Coca-Cola eine "zahme" Studie zugesichert habe: "Das wäre eine sehr große und teure Studie, sie könnte die ganze Debatte grundsätzlich verändern", zitiert AP aus einer Mail des Forschungsleiters an die damalige Leiterin der Wissenschaftsabteilung von Coca-Cola, Rhona Applebaum, die inzwischen im Ruhestand ist.

Weniger Probleme, mehr Spaß

In einer weiteren Mail des Forschungsleiters Hill heißt es, er werde dafür sorgen, dass Coca-Cola nicht mehr als Problem wahrgenommen, sondern mit "Spaß" verbunden werde. Der gesamte E-Mail-Verkehr belege, dass Coca-Cola die Forscher systematisch bezahlte und beeinflusste, so die Nachrichtenagentur. Eine Reaktion von Coca-Cola blieb aus.

Nachdem es bereits eine Kooperationsliste für die USA gibt, will der Konzern im Namen der neuen Unternehmens-Transparenz auch noch eine entsprechende Übersicht über Spenden und Sponsoringprojekte für Europa veröffentlichen. Bereits bekannt ist laut Foodwatch, dass Coca-Cola allein in Deutschland mehrere Sport- und Gesundheitsinitiativen - darunter eine Kooperation zur Herzgesundheit mit dem Berliner Krankenhaus Charité sowie mehrere Sportprojekte der Deutschen Sporthilfe und des Deutschen Olympischen Sportbunds fördert. Wann genau der Brause-Multi diese komplette Liste veröffentlichen will, ist jedoch offen. Foodwatch fordert Einsicht in die "Gesundheitspartnerschaften" bis Ende Januar 2016. Der Konzern hat sich hierzu noch nicht geäußert.

Die University of Colorado, die an dem umstrittenen Forschungsprojekt "Global Energy Balance Network" beteiligt war, hat die ihr von Coca-Cola zugedachte eine Million Dollar mittlerweile zurückgegeben. Die Forschungseinrichtung selbst hat laut einer Notiz auf ihrer Homepage die Arbeit eingestellt – aus Mangel an Ressourcen, wie es heißt.

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Quelle: n-tv.de

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