Wirtschaft
(Foto: picture alliance / Federico Gamb)
Donnerstag, 24. August 2017

Verrückt nach Blumenzwiebeln: Wie schlimm war das "Tulpenfieber"?

Von Jan Gänger

Das Zocken mit Tulpenzwiebeln gilt als die Mutter aller Spekulationsblasen. Doch so wahnwitzig wie gerne erzählt waren die Niederländer des 17. Jahrhunderts nicht.

Irgendwann in den 1630er Jahren wurde in den Niederlanden ein Seemann ins Gefängnis geworfen. Sein Vergehen: Er war zum Essen eingeladen worden und hatte dabei eine Tulpenzwiebel verspeist. Der Unglückliche hielt sie für die Beilage. Das war ein schwerer Fehler.

Der Gastgeber war stocksauer, er hatte mit der dekorativen Tulpenzwiebel nur angeben wollen. Und nun war das Statussymbol im Verdauungstrakt des Seemanns verschwunden. Die Zwiebel hatte so viel Geld gekostet wie die Verpflegung einer ganzen Schiffsbesatzung für zwölf Monate.

Das ist eine schöne, gern erzählte Geschichte. Sie illustriert wunderbar den Irrsinn des so genannten Tulpenwahns, der in den Niederlanden im 17. Jahrhundert grassierte. Die Geschichte hat nur einen kleinen Haken: Sie ist wohl ein Märchen.

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Bei vielem, das über die erste dokumentierte Spekulationsblase erzählt wird, ist die Grenze zwischen Fakten und Fiktion fließend - wie auch in dem Film "Tulpenfieber", der nun in den Kinos gezeigt wird. Dabei meinen wir, die Geschichte gut zu kennen. Sie gilt als Prototyp aller folgenden Marktblasen und als Paradebeispiel dafür, was ungezügelte Gier im Kapitalismus anrichten kann.

Das gängige Narrativ: Die Niederlande wurden in den 1630ern von einem kollektiven Wahnsinn erfasst. Die Preise für Tulpenzwiebeln stiegen damals ins Unermessliche. Ob Adliger, Bauer, Handwerker, Seemann, Lakai, Dienstmädchen, Schornsteinfeger oder Flickschneiderin - jeden packte das Fieber. Schlimmer noch: Viele zockten auf Pump, verkauften ihr Hab und Gut, um schnell reich zu werden. Spekulanten trieben die Preise immer weiter in die Höhe, Ahnungslosen wurden windige Finanzprodukte angedreht. Die Preise für Tulpenzwiebeln erreichten schwindelerregende Höhen, völlig losgelöst von der Realität. Dann kam es, wie es kommen musste. Plötzlich platzte die Blase: Die Preise stürzten in den Keller. Viele Menschen verloren alles, einige begingen in ihrer Verzweiflung Suizid. Die Wirtschaft lag in Trümmern. Der Staat musste die Scherben zusammenkehren, und es sang der Chor derjenigen, die es schon immer besser wussten.

Kein Massenphänomen

Wegen der Analogien zu Börsenblasen der jüngeren Zeit wird diese Geschichte immer wieder gerne als mahnendes Beispiel erzählt. Doch wie Anne Goldgar, in ihrem Buch "Tulipmania" schreibt: "Vieles von dem, was wir gehört haben, ist nicht wahr". Die Geschichtsprofessorin vom Londoner King's College hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Tulpenwahn sehr viel differenzierter als bisher betrachtet werden muss.

Goldgar konnte während ihrer Forschung in diversen Archiven beispielsweise niemanden Ausfindig machen, der wegen der Spekulation mit Tulpenzwiebeln Pleite gegangen ist. Zudem sei die Manie auf eine kleine Gruppe von Menschen beschränkt gewesen, so die Historikerin. Es waren eben nicht Schornsteinfeger, Maler oder Dienstmädchen, die ihre Ersparnisse in Tulpenzwiebeln steckten. Es waren vor allem ein paar wohlhabende Kaufleute und Handwerker, die Tulpenzwiebeln für viel Geld kauften. Sie wollten mit den Blumen etwas Schönes, Begehrtes, Teures besitzen, in ihren Beeten zur Schau stellen und sich an der üppigen Wertsteigerung erfreuen.

Die passende Parallele zum Tulpenwahn ist deshalb nicht die Spekulation an den Finanzmärkten, sondern der Kunstmarkt. Auch hier werden für Werke von angesagten Künstlern plötzlich astronomische Preise bezahlt. Und tatsächlich waren die Preise, die Ende der 1630er Jahre für Tulpenzwiebeln vereinbart wurden, jenseits von Gut und Böse. Mike Dash weist in seinem Buch "Tulpenwahn" darauf hin, dass auf dem Höhepunkt der Blase eine Tulpenzwiebel für 5200 Gulden verkauft wurde. Zum Vergleich: Ein wohlhabender niederländischer Kaufmann verdiente im Jahr rund 3000 Gulden, Rembrandt erhielt für sein Meisterwerk "Nachtwache" 1600 Gulden.

Im Februar 1637 brachen die Preise plötzlich in rasender Geschwindigkeit um rund 90 Prozent ein. Das war für die Betroffenen sicher unerfreulich, hatte auf die Wirtschaft aber nur geringe Auswirkungen. Zum einen lag das daran, dass der Tulpenwahn kein Massenphänomen war. Zum anderen erlebten die Niederlande mit dem "Goldenen Zeitalter" im 17. Jahrhundert eine einzigartige wirtschaftliche Blütezeit, das abrupte Ende des Tulpenfiebers konnte das Land locker verkraften.

Tulpen als Exportschlager

Hinzu kommt: Kaum jemand hat zum Ende des Tulpenwahns tatsächlich die hohen Preise bezahlt, die Käufer und Verkäufer vereinbart hatten. Das liegt daran, dass beim Handel mit Tulpenzwiebeln häufig Termingeschäfte gemacht wurden, die heutigen "Optionen" entsprechen. Solche Geschäfte wurden das ganze Jahr abgeschlossen, doch Geld floss erst, als die Zwiebeln später aus dem Boden geholt wurden und den Besitzer wechselten.

Nach dem Februar-Crash weigerten sich die meisten Käufer, den vereinbarten Preis zu zahlen - vor Gericht konnten sie nach damaligem Recht dafür nicht gestellt werden. Und so einigten sich beide Seiten in der Regel darauf, dass lediglich ein Bruchteil des vereinbarten Kaufpreises bezahlt wurde.

Die Freude an Tulpen hat die Episode den Niederländern nicht genommen. Die Blume ist heute Exportschlager und Ikone des Landes. Als weltweit größter Produzent verkaufen die Niederlande jährlich für rund 1,2 Milliarden Euro Blumenzwiebeln in alle Welt. Die Hälfte davon sind Tulpen.

Quelle: n-tv.de

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