Wirtschaft
Wie geht es dem chinesischen Drachen?
Wie geht es dem chinesischen Drachen?(Foto: AP)

"Reine Fantasie": Wie stark frisiert China das Wachstum?

Von Jan Gänger

Chinas Wirtschaft verzeichnet ein traumhaftes Wachstum - zumindest offiziell. Um satte sieben Prozent soll sie in diesem Jahr wachsen. Das ist wohl viel zu schön, um wahr zu sein.

Glaubt man den offiziellen Wachstumsraten, geht es China prächtig. Das Problem: Das traumhafte Wirtschaftswachstum entspricht ganz offensichtlich nicht der Realität. In Wirklichkeit geht es China sehr viel schlechter als die Führung der Volksrepublik es wahrhaben will.

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In schöner Regelmäßigkeit legt das Bruttoinlandsprodukt Chinas jedes Jahr kräftig zu - und stets so stark wie die von der Kommunistischen Partei verkündete Zielvorgabe. Kann man diesen Daten trauen, obwohl beispielsweise derzeit die Industrie schrumpft und Milliarden am Aktienmarkt vernichtet werden?

"Wir glauben, dass die Zahlen reine Fantasie sind", sagt Erik Britton vom Londoner Analysehaus Fathom Consulting. Er schätzt, dass die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft dieses Jahr um lediglich 2,8 Prozent und kommendes Jahr nur um 1 Prozent zulegen wird.

Das wäre sehr viel schwächer als von Peking angekündigt. Die Führung des Landes hat das Ziel für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr auf sieben Prozent gedrückt. 2014 lag es offiziell noch bei 7,4 Prozent und war damit so niedrig wie seit 1990 nicht mehr.

Verdächtig ist, dass Chinas Statistikbehörde die Wachstumsdaten sehr viel schneller als andere Länder veröffentlicht - nämlich schon zwei Wochen nach Ende des jeweiligen Quartals. Ökonomen zufolge liegt das weder an ungewöhnlich tüchtigen Statistikern noch an ungewöhnlich effektiven Berechnungsmethoden, sondern an dem Wunsch, die Vorgaben der Regierung zu erfüllen. Hinzu kommt: Die Daten werden niemals nachträglich korrigiert.

Immer mehr faule Kredite

Vergleichbare Daten aus dem viel kleineren Hongkong werden nach sechs Wochen publiziert. Die deutschen Statistiker rechnen anderthalb Monate, bevor sie ein vorläufiges Ergebnis haben. In den USA wird nach zwei Wochen eine erste Schätzung veröffentlicht, die von der zweiten Schätzung häufig stark abweicht. Noch später wird das endgültige Ergebnis präsentiert - starke Revisionen sind auch hier keine Ausnahme.

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Den offiziellen Daten aus China dürfe man nicht trauen, sagt auch Sushil Wadhwani. Er war früher ein hochrangiges Mitglied der britischen Notenbank, gründete später eine Vermögensverwaltung. Man könne nicht seriös kalkulieren, wie stark Chinas Wirtschaft wachse, meint er. Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung drückt es diplomatisch aus: In der Vergangenheit seien die Daten aus China inkonsistent gewesen.

Das chinesische Statistikamt sieht das erwartungsgemäß anders. Die Daten seien verlässlich, heißt es aus Peking. Viele Kritiker würden die Methodik nicht verstehen. Wie die Berechnung genau aussieht, wollen die Statistiker allerdings nicht sagen.

Derweil greifen viele Analysten wie Fathom auf stark vereinfachende Alternativen zurück, um das Wachstum Chinas einschätzen zu können. Die Briten blicken auf drei Größen: den Energieverbrauch, die Menge der auf der Schiene transportierten Güter und die Kreditvergabe der Banken.

Diese Daten geben Anlass zur Sorge: Denn von den drei genannten Größen wächst nur die Kreditvergabe – und das ist kein Grund zur Beruhigung. Im Gegenteil: Die chinesischen Staatsbanken haben immer mehr faule Kredite in ihren Bilanzen. Der  Vorsitzende der Bankenregulierungskommission, Shang Fulin, warnte jüngst, die Problemkredite hätten sich zum Halbjahr 2015 auf umgerechnet 266 Milliarden Euro summiert. Ende Juni seien 1,82 Prozent aller Darlehen in den Büchern ausfallgefährdet gewesen. Anfang 2015 waren es 0,22 Prozent.

Viele Unternehmen leiden unter dem langsameren Wirtschaftswachstum und können ihre Schulden nicht mehr bedienen. Wenn sie dennoch Geld bekommen, ist das kein gutes Zeichen.

"Marsch von Untoten"

Der "New York Times"-Reporter Michael Schuman hatte in der vergangenen Woche eindrucksvoll anhand der Millionenstadt Changzhi beschrieben: "Changzhi und Umgebung sind übersät mit halbtoten Zementfabriken und stillen, eingemotteten Anlagen, eine schaurige Kulisse der sich abmühenden chinesischen Wirtschaft. (…) Wie viele Industriestädte in ganz China hat Changzhi zu viele Fabriken und zu wenig Nachfrage. (…) Aber anstatt zu schließen, hinken Lucheng Zhuoyue und andere Unternehmen aus Changzhi wie in einem Marsch von Untoten vorbei."

Einige Experten verweisen auf die sinkenden Importe - auch sie passen nicht zu dem postulierten kräftigen Wirtschaftswachstum. Das gilt auch für andere Faktoren: Der Konsum schwächt sich ab, die Industrie schrumpft.

Beunruhigend dürfte auch ein anderer Indikator sein, auf den der Blogger Wolf Richter hinweist: die Autoverkäufe. Richter zufolge gab es in der Vergangenheit in China einen Zusammenhang zwischen dem Absatz von Autos und dem Wirtschaftswachstum. Die Verkäufe legten stets etwas stärker zu als das offizielle Bruttoinlandsprodukt.

Doch nun gibt es diesen Zusammenhang plötzlich nicht mehr. Im Mai legten die Verkäufe nur noch um 1,2 Prozent zu, im Juni fielen sie um 3,4 Prozent, im Juli um 6,6 Prozent - doch die Wirtschaft wuchs offiziell dennoch kräftig weiter.

Das lässt Richter zufolge nur einen Schluss zu: Entweder haben sich die Autoverkäufe magischerweise von der Wirtschaft abgekoppelt - oder die offizielle Wachstumsrate von sieben Prozent ist ein politisches Täuschungsmanöver.

Quelle: n-tv.de

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