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Hans-Joachim Watzke.
Hans-Joachim Watzke.(Foto: picture alliance / dpa)

BVB-Chef Watzke im Interview: "Wir haben viel Glück gehabt"

Im Rückblick ist es eine beeindruckende Erfolgsgeschichte: Borussia Dortmund wendet die Pleite ab und ist wenig später Deutscher Meister. Doch der eingeschlagene Weg war am Anfang nicht unumstritten, sagt BVB-Chef Watzke. Mit n-tv.de spricht er über Erfolgskonzepte, Gläubiger - und Leuchttürme.

n-tv.de: 2005 lag der BVB am Boden. Der Verein war zahlungsunfähig. Wenige Jahre später ist Dortmund nicht nur sportlich erfolgreich, sondern wirtschaftlich gesund. Mit Blick auf den BVB sprechen Sie beim nächsten DAB-Investmentkongress in München nun darüber, dass Erfolg planbar ist. War er das?

Hans-Joachim Watzke: Wenn man keine Erfolgsparameter planen kann, kann man gleich Lotto spielen. Auf der anderen Seite gehört natürlich auch viel Glück dazu. Du musst permanent Entscheidungen treffen - und dabei machst du idealerweise vieles richtig. Und dennoch war es ein Märchen, was da passiert ist. Wenn ich vor neun Jahren jemandem die Entwicklung versprochen hätte, die der Verein hingelegt hat, dann hätte man mich eingeliefert. Wir haben viel Glück gehabt. Aber das hat am Ende nur der Tüchtige.

Im Februar 2005 sind Sie vor die Gläubiger des BVB getreten. Wie haben Sie diese davon überzeugt, dem Verein noch eine Chance zu geben?

Ehrlich gesagt: Es gab nicht viel zu verwerten. Das Stadion war verkauft, alles andere war auch verscherbelt. Die Spieler wären im Insolvenzfall alle ablösefrei gewesen, da war also auch nichts zu holen. Das war den Gläubigern klar und hat die ganze Sache etwas einfacher gemacht. Das ändert aber nichts daran, dass es insgesamt sehr, sehr schwierig war. Die ausgehandelte Vereinbarung erlaubte jedem Gläubiger, sie innerhalb einer Woche zu kündigen. Das war schon krass. Wir hatten nichts gewonnen außer Zeit. Die haben wir allerdings genutzt.

Sie haben die Gläubiger nicht mit einem ausgeklügelten Konzept beeindruckt?

Na ja, wenn du keine Manövrierfähigkeit hast, ist es schwer, ein Konzept vorzulegen. Es ging damals vielmehr um Vertrauen. Deshalb war es so wichtig, dass es einen personellen Neuanfang gab. Die Gläubiger haben uns vertraut. Wir haben denen nicht erzählt: "Passt mal auf. Wir machen jetzt das und das, und in fünf Jahren sind wir Deutscher Meister." Das hätte nicht funktioniert. Zudem war Borussia Dortmund zwar keine strahlende Marke, aber wir waren zumindest noch eine Marke. Darauf hatten die Gläubiger auch gesetzt. Wenn es schief gegangen wäre, hätten sie zudem sofort rausgehen können. Dann wären wir in die Insolvenz marschiert.

Und dann kam Jürgen Klopp …

Das war drei Jahre später, da waren wir wieder über den Berg. Natürlich war es eine Königsentscheidung, ihn zu holen. Aber viel wichtiger war es, dass wir vorher drei Jahre lang gründlich aufgeräumt haben. Und da hat mir unser Sportdirektor Michael Zorc unheimlich viel geholfen. Wir hatten den Verein neu ausgerichtet. Wir hatten zum Beispiel Mats Hummels, Kevin Großkreutz und Marcel Schmelzer geholt. Jürgen kam, als wir wussten, dass Borussia Dortmund nicht mehr in die Insolvenz gehen wird. Der dann eingetretene sportliche Erfolg hat natürlich viel mit dem Trainer zu tun.

Nach der Beinahe-Pleite gaben Sie die Parole aus: "Nie mehr einen Euro Schulden für den sportlichen Erfolg."

Nachdem wir für viel Geld das Stadion zurückkaufen mussten, habe ich gesagt: Die Überschrift bei Borussia Dortmund lautet ab sofort: Für sportlichen Erfolg wird kein Kredit mehr aufgenommen. Das haben wir seitdem gnadenlos durchgezogen. Das hat funktioniert und sieht im Rückblick gut aus. Doch damals war das nicht unumstritten. Wir wurden gefragt, wie auf diese Weise Strahlkraft entwickelt werden soll. Doch angesichts der Vergangenheit gab es für mich keine Alternative.

Die gab es auch nicht in Sachen Spielphilosophie?

Wir wollten eine ganz junge Mannschaft, die sich zerreißt und alles gibt. Also der westfälischen Mentalität entspricht. Auch das wurde als wenig erfolgversprechend kritisiert. Aber das hat dann Gott sei Dank funktioniert. Dabei haben wir viele Entscheidungen getroffen, bei denen wir Glück hatten. Shinji Kagawa für 350.000 Euro zu verpflichten, das war ein Traum. Mario Götze kam aus der eigenen Jugend, Robert Lewandowski haben wir für kleines Geld bekommen. Nun stehen wir vor der schweren Aufgabe, uns in der Top Ten Europas zu etablieren.

Im letzten Jahr lag Ihr Etat bei 70 Millionen Euro. Andere Klubs gehören Scheichs oder Oligarchen und geben sehr viel mehr Geld aus. Zwingt Sie das nicht irgendwann zu einem Kurswechsel?

Nein. Wir haben ja nie gesagt, dass wir möglichst wenig Geld in die Mannschaft stecken wollen. Bei uns gilt: Wir investieren so viel Geld ins Team, wie wir zur Verfügung haben. Da wir wachsen, ist der Weg im Grunde ganz einfach. Wir wollen irgendwann so viel Umsatz machen, dass wir deutlich über 100 Millionen Euro ins Mannschaftsbudget stecken können - aber nur aus eigenen Mitteln.

Damit wäre der BVB immer noch kilometerweit von anderen Klubs entfernt. Wie wollen Sie auch in Zukunft gegen die bayerische Übermacht bestehen?

Das wird nicht einfach, weil die Bayern nach wie vor das Doppelte ins Budget stecken können. Aber wir haben eine extrem hohe Geschlossenheit, klare Strukturen. Bei uns arbeiten die Leute, die an Entscheidungsprozessen beteiligt sind, gut zusammen. Man kann auch mit weniger Geld erfolgreich sein. Das zeigt auch Atlético Madrid, die gerade im Finale der Champions League standen. Doch die Wahrscheinlichkeit ist eben kleiner als bei Vereinen, denen viel Geld zur Verfügung steht.

Was kann der HSV von Ihnen lernen?

Ich werde anderen Vereinen keine Lehren erteilen. Der HSV zeigt, wie schwierig es ist, einen großen Verein zu führen. Bei uns war die existenzielle Krise des BVB ganz entscheidend, um Strukturen so zu ändern, wie wir es für sinnvoll hielten. Ich weiß sehr wohl, dass das ein Privileg ist, das viele andere Kollegen in Deutschland nicht haben.

In München steigen Sponsoren als Gesellschafter ein. Ähnliches findet beim BVB statt. Die Deutsche Bank entschied sich allerdings gegen ein Engagement. Ist das ein Rückschlag?

Überhaupt nicht. Wir möchten noch in diesem Quartal den oder die nächsten strategischen Investoren präsentieren. Gehen Sie davon aus, dass wir gewillt sind, Überzeugendes hinzubekommen.

Wie sieht Borussia Dortmund in zehn Jahren aus?

Wenn wir es richtig gemacht haben, dann ist der BVB neben den Bayern der zweite Leuchtturm im deutschen Fußball. Und zwar ein stabiler, sturmerprobter.

Mit Hans-Joachim Watzke sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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