Wirtschaft
Alexander Kirchner.
Alexander Kirchner.(Foto: picture alliance / dpa)

EVG-Chef Kirchner im Interview: "Wir lassen uns nicht von der GDL treiben"

Für den GDL-Streik bei der Bahn hat der Vorsitzende der Konkurrenzgewerkschaft EVG wenig übrig. Die Folgen müssten ausgerechnet die Beschäftigten ausbaden, die nicht streiken, ärgert sich Alexander Kirchner im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Die Bahn erlebt den längsten Streik ihrer Geschichte. Was haben Sie gedacht, als die GDL den Marathon-Ausstand ankündigte?

Alexander Kirchner: Ich habe an die Kollegen und Kolleginnen gedacht, die von dem Streik am meisten betroffen sind. Wir haben gehört, dass es sehr starke Proteste bei den Reisenden gibt. In der Bevölkerung gibt es immer weniger Verständnis für die GDL-Streiks. Das müssen leider die Kollegen und Kolleginnen ausbaden, die ihren Dienst in den Zügen und auf den Bahnhöfen versehen. Das führt zu einer Spaltung und einer Entsolidarisierung der Beschäftigten.

Die GDL ist nicht präsent?

Wenn GDL-Chef Claus Weselsky auftaucht, bringt er im Schlepptau 20 Kollegen mit. Doch die sind dann auch schnell wieder weg. Ansonsten sind die GDLer weder in den Zügen noch auf den Bahnhöfen zu sehen. Wir würden es begrüßen, wenn die Kollegen, die streiken, den Reisenden Rede und Antwort stehen - und sich der Unmut nicht gegenüber den Kollegen äußert, die nicht streiken.

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Die GDL wird heftig kritisiert. Aber im Grunde will sie für alle bei ihr organisierten Beschäftigten Tarifverträge abschließen. Das sind nicht ausschließlich Lokführer. Ist das nicht ihr gutes Recht?

Selbstverständlich hat die GDL das Recht, für ihre Mitglieder Tarifverträge auszuhandeln. Wir haben ihr immer wieder angeboten, das gemeinsam mit uns zu machen. Das heißt, dass die GDL auch die Tarifverträge für Zugbegleiter und für andere Kolleginnen und Kollegen mit aushandeln kann. Wir wollen das in einer fairen Kooperation umsetzen. Das würde natürlich auch bedeuten, dass wir bei der Gestaltung der Tarifverträge für Lokführer mitreden. Denn die sind nicht alle bei der GDL organisiert.

Und im Konfliktfall?

Wir stellen uns das so vor: Es soll jeweils diejenige Gewerkschaft in den gemeinsamen Verhandlungen entscheiden, die in der betreffenden Berufsgruppe die Mehrheit hat. Wir sind gegen eine Aufspaltung der Beschäftigten und damit auch gegen verschiedene Tarifverträge für die gleichen Personengruppen. Die Tarifeinheit hat 60 Jahre lang Deutschland nach vorne gebracht. Warum soll man das aufgeben?

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Nun sagt die GDL: Die Mehrheit des Zugpersonals sei bei ihr organisiert. Sie habe also nicht nur das Recht, sondern auch das Mandat, für diese Gruppe zu verhandeln.

Dann bräuchte sie ja keine Angst zu haben und könnte unseren Vorschlag annehmen. Wenn sie nachweisen kann, dass sie die Mehrheit hat, hat sie die Gestaltungsmacht. Wir haben der GDL vorgeschlagen, über einen Notar die Zahlen auf den Tisch zu legen. Seitdem behauptet Herr Weselsky nicht mehr, beim Zugpersonal die Mehrheit zu haben. Hierbei handelt es sich nämlich nicht um eine, sondern um fünf verschiedene Berufsgruppen. Die GDL hat einfach einen Kreis um die bei ihr stark vertretenen Lokführer gezogen und sagt, bei ihr sei damit die Mehrheit des gesamten Zugpersonals organisiert. Das ist aber falsch. Die Mehrheit der Zugbegleiter ist beispielsweise bei uns organisiert, oder auch die Mehrheit der Lokrangierführer.

Mit maximalem Druck und maximaler Aufmerksamkeit will die GDL das Maximum erreichen. Ist dieser kompromisslose Kurs nicht aus GDL-Sicht genau der Richtige - und macht sie das für Beschäftigte nicht attraktiver als die EVG?

Sie ist populistisch unterwegs. Von 2008 bis heute hat die GDL für Lokführer verhandelt. In dieser Zeit haben wir für die anderen Berufsgruppen Tarifverträge abgeschlossen. Es ist nachweislich so, dass wir kräftigere Lohnerhöhungen erreicht haben als die GDL. Auch bei der Beschäftigungssicherung haben wir mehr erreicht. Es ist ein Ammenmärchen, zu behaupten, berufsständische Gewerkschaften würden für die Beschäftigten mehr herausholen. Die Realität sieht anders aus.

Setzt Sie das Auftreten der GDL nicht dennoch unter Druck, künftig auch lauter und kompromissfreier aufzutreten?

Es geht doch nicht darum, populistische Politik zu machen. Wir werden nicht sagen: Weil die GDL 15 Prozent fordert, fordern wir 20 Prozent. Oder: Wenn die vier Tage streiken, streiken wir fünf Tage. Ein solches Verhalten würde Gewerkschaften noch stärker in Verruf bringen als das durch den GDL-Kurs schon der Fall ist. Wir gehen unseren Weg und lassen uns nicht von der GDL treiben.

Das Verhältnis zwischen Ihnen und Claus Weselsky gilt als angespannt. Ist es jetzt nicht dennoch an der Zeit, sich zusammenzusetzen?

Dazu gehören Zwei. Wir haben mehrfach angeboten, über eine faire Kooperation zu sprechen und die Mitgliederzahlen offenzulegen. Das hat Herr Weselsky abgelehnt. Wir gehen davon aus, dass er seinen Kurs unbeirrt fortsetzt und jegliche Kooperation ausschließt.

Mit Alexander Kirchner sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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