Wirtschaft
Rasanter Wandel: Überall in der Volksrepublik zeugen neue Wolkenkratzer vom Beginn einer neuen Zeit.
Rasanter Wandel: Überall in der Volksrepublik zeugen neue Wolkenkratzer vom Beginn einer neuen Zeit.(Foto: REUTERS)

Schicksal zweier Wirtschaftsmächte: Wo China sich an Deutschland reibt

Es ist ein Freundschaftssignal der besonderen Art: Am Wochenende besucht Chinas neuer Regierungschef Li Keqiang Deutschland - als erstes Land in der Europäischen Union seit seinem Amtsantritt Mitte März. In Berlin erwartet ihn ein Paket brandheißer Themen.

Regierungschef auf Antrittsreise: Li Keqiangs Tournee führt ihn über Indien, Pakistan und die Schweiz nach Berlin.
Regierungschef auf Antrittsreise: Li Keqiangs Tournee führt ihn über Indien, Pakistan und die Schweiz nach Berlin.(Foto: REUTERS)

China und Deutschland sind ökonomisch eng miteinander verflochten und dabei so unterschiedlich wie zwei Nationen nur sein können: Auf der einen Seite eine etablierte Industrienation mit rund 82 Millionen Einwohnern, bestens ausgestattet mit Straßen, Universitäten und einem vor Kraft strotzendem Mittelstand - auf der anderen Seite ein aufstrebendes Schwellenland mit steilen Wachstumsraten, gewaltigen Infrastrukturdefiziten, riesigen Umweltproblemen und einer Bevölkerung von mehr als 1,4 Milliarden Menschen.

Intensive Beziehungen zwischen den beiden Ländern bestehen seit Jahrzehnten. Zuerst machten niedrige Lohnkosten die Produktion vor Ort aus der Sicht deutscher Unternehmer besonders profitabel. Ganze Industriezweige - wie etwa die Textilbranche - wanderten aus Europa Richtung Asien ab. Mit einem dynamischen Wirtschaftswachstum von teils zehn Prozent und mehr im Jahr zog die chinesische Wirtschaft Investitionen aus allen Richtungen an. Die deutsche Exportwirtschaft findet in dem fernöstlichen Riesenreich zunehmend kaufkräftige Abnehmer. Der Bedarf an Maschinen ist hoch, die Mittelschicht wächst. Aus der Sicht der deutschen Automobilindustrie bleibt China auf absehbare Zeit der wichtigste Wachstumsmarkt.

Bilderserie

Erhebliche Differenzen gibt es in Fragen der politischen Kultur: Bei Themen wie Meinungsfreiheit oder dem Schutz von Minderheiten treten die kulturellen Unterschiede immer wieder deutlich zu Tage. China ist alles andere als freiheitlich-demokratisch. Und die Bundesregierung ist nicht immer so konsequent, wie sie es gegenüber wirtschaftlich weniger bedeutenden Handelspartnern wäre. Die Gründe für eine mehr als nur höfliche Zurückhaltung liegen auf der Hand: Das wirtschaftliche Wohlergehen Deutschlands hängt auch von einer möglichst reibungsfreien Zusammenarbeit mit China ab.

Auch für die Chinesen steht viel auf Spiel: Deutschland ist das ökonomische Zentrum einer der wichtigsten Wirtschaftsräume der Welt. Pekings neuer Regierungschef Li Keqiang kommt daher nicht darum herum, sich bei seinem Besuch in Deutschland mit einer ganzen Reihe von Themen auseinanderzusetzen.

Blühender Handel

Das Handelsvolumen zwischen China und Deutschland stieg im Jahr 2012 auf 161 Mrd. Dollar - ein Drittel des gesamten Handelsumfangs von China mit der EU. Aus China kommen verschiedenste Waren - von Kleidung und Schuhen bis zu Elektronik- und Metallwaren - nach Deutschland. Deutsche Unternehmen verkaufen auf dem prosperierenden chinesischen Markt Maschinen, Hightech-Komponenten und vor allem Autos.

Raues Investitionsklima

Deutsche Investoren klagen über Bürokratie und behördliche Willkür in China. Sie fordern gleiche Wettbewerbsbedingungen und mehr Rechtssicherheit - vor allem auch beim Urheberrechtsschutz. Erst zu Jahresbeginn forderte der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) einen besseren Schutz gegen chinesische Industriespionage. In Deutschland sieht mancher Beobachter Firmenübernahmen wie die des Baumaschinenherstellers Putzmeister durch den chinesischen Sanyi-Konzern skeptisch. Bis zum Jahr 2020 könnten sich chinesische Investitionen hierzulande einer aktuellen Studie zufolge auf rund zwei Milliarden Dollar jährlich verdreifachen. Bislang gibt es keinen Grund für Angst vor einer chinesischen Firmeninvasion: Deren Investitionen machen gerade einmal 0,2 Prozent der Auslandsinvestitionen in Deutschland aus.

Sorge um den Euro

Bei der Überwindung der Schuldenkrise in Europa setzt die Volksrepublik vor allem auf Deutschland. Chinas Exporte sind als Folge der Schuldenkrise stark zurückgegangen, zudem sorgt sich die Regierung um ihre Devisenreserven. Nach Schätzung von Experten soll etwa ein Viertel der Rekordsumme von 3,3 Billionen Dollar in Euro angelegt sein. Im Zuge des Schuldenschnitts für Griechenland mussten im Jahr 2012 auch chinesische Staatsfonds herbe Verluste hinnehmen.

Streit um billige Solaranlagen

Die Geschwindigkeit, mit der China wächst, bedroht mitunter auch deutsche Arbeitsplätze: In Nischen- und Spezialmärkten können aus dem Boden gestampfte Fertigungsstätten die Rahmenbedingungen schnell verändern. Chinesische Unternehmen produzieren dabei immer noch sehr viel günstiger: Sie zahlen niedrigere Löhne, beziehen günstig Energie und müssen kaum Umweltschutzauflagen beachten - von mitteleuropäischen Sozialstandards ganz zu schweigen.

Bilderserie

Den Druck rasant wachsender Konkurrenten bekam auch die deutsche Solarbranche zu spüren. Eine Reihe von Unternehmen rutschte in die Pleite. Die überlebenden Firmen kämpfen mit anhaltendem Kostendruck durch Billig-Importe aus Fernost. Die EU-Kommission hat nun ein Anti-Dumping-Verfahren angestrengt - wenn bis zum 5. Juni kein Kompromiss gefunden ist, drohen chinesischen Billigherstellern milliardenschwere Strafzölle. China wirft der EU Protektionismus vor - und warnt vor einem Handelskrieg. Strafzölle und Anti-Dumping-Ermittlungen würden anderen schaden, ohne dass sie einem selbst nutzten, zitierte die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua Ministerpräsident Li Keqiang unmittelbar vor seinem Deutschland-Besuch.

Deutschland könnte in dem Streit eine Schlüsselrolle spielen, denn die Zölle sind hierzulande umstritten: Industrievertreter verweisen darauf, dass 70 Prozent der Wertschöpfung für die in China montierten Module in Deutschland entsteht und Strafzahlungen auch hiesige Firmen in Mitleidenschaft zögen.

Ungeliebte Menschenrechtsdebatte

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht Menschenrechtsfragen regelmäßig an, nimmt jedoch seit dem Eklat um den Besuch des Dalai Lama im Kanzleramt im Jahr 2007 auch Rücksicht auf chinesische Befindlichkeiten. Der sachliche Verlauf des jüngsten deutsch-chinesischen Menschenrechtsdialogs könnte als Hinweis auf eine größere Offenheit der neuen Führung in Peking gewertet werden. Sie will die umstrittenen Arbeitslager reformieren, in denen Hunderttausende ohne Prozess einsitzen.

Was das Schicksal einzelner Dissidenten angeht, bleibt China unnachgiebig und verweist gerne darauf, dass in seiner Tradition das kollektive vor dem individuellen Wohl steht - eine Auffassung, die angesichts des teils brutalen Drucks auf Oppositionelle hierzulande auf wenig Verständnis stößt.

Schwieriger Kulturaustausch

Die chinesische Seite beklagt eine klischeehafte Darstellung ihres Landes in der deutschen Öffentlichkeit. Mehr Chinesisch-Unterricht und mehr Jobs für China-Experten in Behörden forderte jüngst die Grünen-Abgeordnete Viola von Cramon mit Blick auf Politiker, die ohne Landeskenntnisse in Treffen mit bestens vorbereiteten chinesischen Kollegen gingen. Der Kulturaustausch entwickelte sich stark, wenn auch nicht gleichmäßig in beide Richtungen. So studierten zuletzt etwa 25.000 Chinesen hierzulande, umgekehrt zog es nur 6200 junge Deutsche in die Volksrepublik.

Wenn Li Keqiang am Wochenende in Deutschland eintrifft, ist das übrigens nicht bei weitem nicht die erste Station sein Antrittsreise: Zuvor legte der neue chinesische Regierungschef ausführliche Zwischenstopps mit Gesprächen in den Hauptstädten Indiens, Pakistans und der Schweiz ein.

Hinweis: Chinas neuem Ministerpräsident Li Keqiang beginnt seinen zweitägigen Antrittsbesuch in Berlin an diesem Sonntag, 26. April. Begleiten lässt sich Li von einem gewichtigen Teil seiner neuen Regierungsmannschaft: Außenminister Wang Yi wird mit seinem deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle zusammentreffen, Handelsminister Gao Hucheng und der Chef der mächtigen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), Xu Shaoshi, werden von Wirtschaftsminister Philipp Rösler empfangen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen