Wirtschaft
Griechenland
Griechenland(Foto: Axel Witte)

"Merkel erzählt Quatsch": Wohin mit den Griechen, Herr Prof. Otte?

Die Rettung scheint gescheitert. Die Eliten weiterhin korrupt. Die Mittelschicht verarmt. Die Milliarden futsch. Das kleine Griechenland sorgt nach wie vor für große Unruhe in Europa. Dabei gäbe es einem Weg, Land und Leuten wirklich zu helfen, meint der Ökonom, Buchautor und Fondsmanager Professor Dr. Max Otte.

n-tv.de: Soll Griechenland erneut gerettet werden?

Max Otte: Griechenland ist nie gerettet worden. Die Reichen sind gerettet worden und die Geldgeber. Wir haben Griechenland Geld gegeben, damit es die Oberschicht und die Finanzbranche retten konnte. Dem Land selbst und seiner Bevölkerung wurde nicht geholfen. Ich war schon 2010 für einen Grexit - inklusive Schuldenschnitt - und ich bin es heute selbstverständlich auch noch. Hätte damals Griechenland die Eurozone verlassen, hätten wir einmalig vielleicht 120 Milliarden echte Kosten gehabt. Das Land hätte dann eine echte Chance gehabt. Jetzt haben wir schon 240 Milliarden verliehen und müssen diese wohl abschreiben.

Hat die Tsipras-Regierung keinen Kredit verdient?

Nein. Griechenland ist ein korruptes Land mit korrupten Oberschichten. Die Tsipras-Regierung hat sicherlich ein paar gute Ideen gehabt, wenn auch sehr populistisch. Leider scheut sie aber auch nicht davor zurück, Deutschland zu erpressen, indem sie Reparationszahlungen fordert. Griechenland hat keinen Respekt verdient. Bei allem Leid der Bevölkerung, die für die Zustände nichts kann. Aber die griechischen Eliten haben das Land seit fast 200 Jahren zu ihrem Vorteil ausgebeutet und so voll in den Sand gesetzt. Griechenland ist kein funktionierender Staat. Und hinter dieser Tatsache verschanzt sich wiederum unsere Politik-Elite, die argumentiert, mit den offiziellen Repräsentanten auf der Makro-Ebene verhandeln zu müssen – um beispielsweise das Haushaltsdefizit zu senken. Aber das geht wieder nur auf Kosten der Mittelschicht.

Anscheinend ist aber auch die Tsipras-Regierung nicht in der Lage, sich gegen die vorherrschenden Zustände und Interessen im Land durchzusetzen. Es gibt ja noch nicht mal Steuerprüfer – es gibt keine funktionierende Verwaltung. Tsipras weiß natürlich um das Dogma der europäischen Finanz- und Politikeliten, Griechenland um jeden Preis im Euro zu halten. Dadurch hat Griechenland ein gewisses Erpressungspotenzial.

In Grund und Boden korrumpiert haben aber die etablierten griechischen Parteien das Land – ihnen würde doch aber weiterhin Geld hinterhergeschmissen, oder?

Prof. Dr. Max Otte ist Wirtschaftsprofessor, Fondsmanager und Buchautor.
Prof. Dr. Max Otte ist Wirtschaftsprofessor, Fondsmanager und Buchautor.

Ja. Aber ungeachtet dessen habe ich die Hoffnung, dass dieser aktuellen Regierung durch ihr starkes populistisches Mandat irgendwo doch bei den Verhandlungen ein "Unfall" passiert, man sich in Folge dessen nicht einigen wird und Griechenland sozusagen versehentlich eine Staatspleite produziert. Obwohl es keine der beiden Seiten wollte. Dann müsste endlich eine neue Politik gemacht werden, die dem Land wirklich auf die Beine hilft.

Ist der schulmeisterliche Umgang mit Hellas richtig? Dieser erinnert ja an den leidigen Hartz-IV-Grundsatz "Fordern und Fördern".

Das ist eben das, was unsere Politik-Eliten so sagen. Aber es kann ja nur auf Staatsebene verhandelt werden, das aber bringt nichts. Egal, was dort so besprochen und beschlossen wird. Die einzige Möglichkeit wäre die Zwangsverwaltung und das geht natürlich nicht bei demokratischen Staaten.

Haben die Griechen denn gar nicht gespart?

Doch, natürlich haben sie gespart. Aber das Resultat ist grässlich: eine verarmende Mittelschicht, Leute, die ihre Kinder in Waisenhäuser geben müssen, weil sie diese nicht mehr ernähren können. Diese Art der "Rettung" ist zynisch. Auch unsere angeblich sozialen Parteien erinnern in der Konsequenz ihrer Forderungen an die härtesten Neo-Liberalen. Es ist alles auf Kosten der Mittelschicht und der Menschen gegangen – die Oberschicht und die Geldgeber sind fein raus. Das ist bitter.

Merkels Parabel von der schwäbischen Hausfrau ist also Unfug?

Das war Quatsch, ja. Wir haben das Land mit dieser verfehlten Euro-Politik in Grund und Boden gewirtschaftet.

Was muss passieren?

Griechenland muss raus aus der Eurozone. Nur so hat das Land eine Chance, einen eigenen Weg zu gehen. Aber ohne Schuldenschnitt hat das keinen Sinn. Was bisher geschehen ist, war Insolvenzverschleppung. Der letzte Schuldenschnitt war eine Mogelpackung, die meisten Verbindlichkeiten liegen nun bei der EZB. Die Geldelite und die Finanzbranche wurden weitestgehend verschont. Ich gehe schon seit Längerem davon aus, dass es weltweit vermehrt zu Zahlungsausfällen von Staaten und auch maroden Unternehmen kommen wird, die dann aber nicht "gerettet" werden.

Wird der Grexit also kommen?

Ich habe eine leichte Hoffnung, aber ich glaube nicht daran. Unsere politischen Eliten sind in den Händen der Finanzelite, und alle gemeinsam spielen sie das Spiel "Wir retten Europa". Frau Merkel vorneweg. Aber das stimmt so nicht. Wir retten nicht Europa, wir retten nicht Griechenland, sondern ganz etwas anderes. Nämlich die Gläubiger und die Reichen, denen ja die Banken gehören.

Wäre ein Austritt zu verkraften?

Mit Sicherheit weiß das niemand. Ich meine aber, ja. Im Zweifel geht es um 2,6 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung und die Schulden sind wie gesagt weitestgehend bei der EZB gelagert. Aber die Propaganda, mit der vor einem Grexit gewarnt wurde, zeigt mir, dass dies nie vernünftig recherchiert wurde. Man kann Griechenland nicht mit Italien und Spanien vergleichen. Es ist viel kleiner und viel kaputter. Stellen Sie sich vor, Griechenland scheidet aus der Eurozone aus und keiner merkt es. Das wäre eine Blamage für unsere Eliten.

Mit Max Otte sprach Axel Witte

Quelle: n-tv.de

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