Wirtschaft
Einzigartig in Zubereitung und Geschmack: Im Original werden Coburger Bratwürste auf Kiefernzapfen gegrillt.
Einzigartig in Zubereitung und Geschmack: Im Original werden Coburger Bratwürste auf Kiefernzapfen gegrillt.(Foto: picture alliance / dpa)

Was wird aus Coburger Bratwurst?: Zimtschnecke entgeht EU-Verbot

Von Martin Morcinek

Dänemark kann aufatmen: Die in dem skandinavischen Land beliebten Zimtschnecken entgehen einem Verbot durch die EU. In Oberfranken steht die Entscheidung über die weltberühmten Coburger Bratwürste noch aus.

Wer diesen Geschmack kennt, fürchtete sich mit den Dänen vor einem Verbot: Eine echte "Kanelsnegl", hier in einer Auslage in Kopenhagen.
Wer diesen Geschmack kennt, fürchtete sich mit den Dänen vor einem Verbot: Eine echte "Kanelsnegl", hier in einer Auslage in Kopenhagen.(Foto: cyclonebill from Copenhagen, Denmark (CC BY-SA 2.0))

Es ist eine Entscheidung, die dem europakritischen Lager in Dänemark etwas an Wind aus den Segeln nehmen dürfte. Eine landestypische Leckerei darf nach europäischem Recht weiter in den Handel gebracht werden und zum Verzehr angeboten werden. Für die dänische Zimtschnecke ("Kanelsnegl") ist die Gefahr eines EU-Verbots vom Tisch.

Im November hatten Warnungen eines Experten Schlagzeilen gemacht, wonach der Gehalt des Gebäcks an gesundheitsschädlichem Cumarin die EU-Grenzwerte überschreite und den regionalen Traditionsbackwaren daher ein Verbot drohe. Die Aufregung war groß: Das populäre Süßgebäck, das Bewohner Norddeutschlands stark an das in Teilen Niedersachsens und Schleswig-Holsteins verbreitete Franzbrötchen erinnern dürfte, drohte die Europa-skeptische Grundhaltung in Dänemark weiter zu verstärken.

Dänische EU-Gegner ließen die Gelegenheit nicht ungenutzt: Sie nutzten die Cumarin-Debatte der Fachleute und erklärten das populäre Zimtgebäck umgehend zum Thema im Wahlkampf zur Europawahl. Das drohende Verbot der süßen und fettigen Bäckereiware ging der dänischen Seele ans Herz. Medien des Landes sprachen fortan nur noch von der "Zimtaffäre".

Zu Wochenbeginn konnte der dänische Bäckerverband schließlich Entwarnung geben. Die Gefahr sei gebannt, hieß es. Es habe sich herausgestellt, dass die Zimtschnecken als traditionelles Gebäck bis zu 50 Milligramm Cumarin pro Kilo enthalten dürften. Damit halten die Zimtschnecken offenbar auch ohne Änderungen im Grundrezept den Gesundheitsvorgaben aus Brüssel stand. Die enthaltenen Mengen an Cumarin bleiben im Rahmen der von der EU erlaubten Grenzwerte für Saison-Backwaren.

Zimtschnecke und Bratwurst

In der "Genussregion Oberfranken" hallen die Schockwellen eines drohenden Verbots der Coburger Bratwürste noch nach. Ende Mai hatte das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Proben "zum Teil erhebliche Grenzwertüberschreitungen" festgestellt. Die berühmten Bratwürste bestehen aus Rind- und Schweinefleisch. Die Rezeptur und die besondere Zubereitung der Coburger Bratwurst gehen in ihren Ursprüngen angeblich bis auf das 15. Jahrhundert zurück.

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Bei den Tests waren die bayerischen Lebensmittelchemiker auf krebserregende Stoffe gestoßen. Schuld daran dürfte die traditionelle Grillmethode sein. Coburger Bratwürste werden im Gegensatz zu herkömmlichen Grillwürsten nicht auf Kohlen, sondern über dem offenen Feuer auf Kiefernzapfen gebraten.

Genau das könnte dem kulinarischen Wahrzeichen der oberfränkischen Stadt zum Verhängnis werden. Bei den problematischen Grenzwertüberschreitungen handle es sich um Stoffe, die als krebserregend und damit gesundheitsgefährdend eingestuft worden seien, teilte die Stadt Coburg mit. Der Fall erregte über die Region hinaus Aufsehen. In Krisensitzungen befassen sich seitdem Oberbürgermeister Norbert Tessmer, Landrat Michael Busch und Vertreter der Fleischer-Innung mit dem Fall. Die Kernfrage lautet: Stehen die Traditionwürste tatsächlich unauflöslich in Konflikt mit den modernen Lebensmittelvorschriften?

Würziger Kiefernrauch

Anders als im Fall der dänischen Zimtschnecke geht es hier nicht um Cumarin, sondern um Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die von der Behörde in zu hoher Dosis nachgewiesen wurden. "Durch Kontakt mit Rauch, beispielsweise beim Räuchern oder Grillen, können insbesondere fetthaltige Lebensmittel mit PAK kontaminiert werden", heißt es seitens des zuständigen Landesamtes in Erlangen. Eine LGL-Sprecherin wollte sich jedoch nicht zu den Vermutungen äußern, ob insbesondere die Grillmethode auf Kiefernzapfen hohe PAK-Werte begünstigen können.

Brüsseler Überregulierung lässt sich aus den Untersuchungen nicht ableiten. "Die Grenzwerte für Polyzyklische aromatischen Kohlwasserstoffe und Benzo(a)pyren wurden vom Europäischen Parlament in dieser Form festgelegt, da es sich hierbei um Stoffe handelt, die von der International Association of Cancer Registries (IARC) als krebserregend und damit gesundheitsgefährdend eingestuft wurden", fasste der "Fränkische Tag" die Sachlage zusammen.

Der Staatsanwalt ermittelt

Ein drohendes Verbot ergibt sich demnach also aus nachvollziehbaren Gesundheitsvorschriften - und nicht aus willkürlichen Entscheidungen übereifriger EU-Beamter, wie Europa-feindliche Stimmen in ersten Reaktionen vermuteten. Aufgedeckt hatten die Problematik ohnehin Experten des Bayerischen Landesamtes. Insgesamt erinnert der Fall an die Debatte um Acrylamid in Kartoffelchips und Backwaren wie etwa Spekulatiuskeksen, die in Deutschland ab dem Jahr 2002 für Aufsehen gesorgt hatte.

Um die Tradition der Coburger Bratwurst zu bewahren, bleibt den Behörden in Bayern nun womöglich nur noch der umständliche Weg über eine gesondert verankerte Ausnahmeregelung - ähnlich wie im Fall der dänischen Zimtschnecke und anderer Saison-Backwaren. Bis der Fall geklärt ist, dürfte aber noch einige Zeit vergehen. Die Staatsanwaltschaft Coburg hat zunächst weitere Proben veranlasst. Laut Oberstaatsanwalt Anton Lohneis wird nun zunächst ermittelt, ob Bratwurstbräter tatsächlich gegen das Lebensmittelgesetz verstießen. "Wir werden jetzt alle Coburger Bräter überprüfen."

Quelle: n-tv.de

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