Wirtschaft

Per Saldo: VW prescht an die Weltspitze

Thomas Badtke

Volkswagen denkt in großen Maßstäben: Bis 2018 wollen die Wolfsburger die automobile Weltherrschaft übernehmen und Toyota vom Thron stoßen. Die jüngsten Quartalszahlen zeigen aber: VW wird es bedeutend eher schaffen. Vielleicht sogar schon im laufenden Jahr. "Nichts ist unmöglich."

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"Nichts ist unmöglich": Das Motto seines größten Konkurrenten könnte sich der VW-Konzern mittlerweile auf seine Fahnen schreiben: Die normalen Krisengesetze, also fehlende Käufer, Absatz-, Umsatz- und Gewinneinbrüche, scheinen für Europas Branchenprimus nur bedingt zu gelten. Dank staatlicher Abwrackprämien in mehreren Ländern sind die Wolfsburger gut durch die Krisenjahre 2008 und 2009 gekommen. Im vergangenen Jahr setzte VW mit all seinen Marken weltweit 6,3 Millionen Fahrzeuge ab. Das bedeutete Platz drei in der Statistik: Nur GM mit 6,5 Millionen Autos und Toyota mit 7,2 Millionen Neuverkäufen schnitten besser ab. Mit stetig steigenden Absatzzahlen im Rücken gibt Konzernchef Martin Winterkorn dann die Losung aus, Toyota nicht nur zu jagen, sondern vom Sockel des weltgrößten Automobilkonzerns zu stoßen.

2017, 2016, 2011 oder 2010?

Der Volkswagen-Konzern verkauft auf dem chinesischen Markt mittlerweile mehr Autos als auf dem deutschen Heimatmarkt.
Der Volkswagen-Konzern verkauft auf dem chinesischen Markt mittlerweile mehr Autos als auf dem deutschen Heimatmarkt.(Foto: picture alliance / dpa)

Um das Ganze nicht zu unrealistisch klingen zu lassen, lautet das Zieljahr für diesen Coup 2018. Denn dann plant VW weltweit einen Absatz von mehr als zehn Millionen Fahrzeugen. Das sollte dem Konzernvorstand zufolge reichen, um sich zum Weltautomobilherrscher aufzuschwingen. Größenwahn "made in Wolfsburg“? Könnte man meinen, ist aber nicht so. Selbst Automarktexperten rechnen damit, dass das ausgegebene Ziel bereits ein paar Jahre eher erreicht wird: "2016, 2017 ist machbar“, sagt Frank Schwope, Branchenkenner der NordLB.

Aber wie schaut es bereits mit 2010 oder "spätestens“ 2011 aus? Mehrere gute Gründe sprechen dafür: In den ersten neun Monaten dieses Jahres hat der Volkswagen-Konzern weltweit 5,4 Millionen Autos verkauft. Ein Plus von 13 Prozent zum vergleichbaren Vorjahreszeitraum - aber das nur nebenbei. Auf das Gesamtjahr hochgerechnet sind das dann 7,2 Millionen. Damit käme VW auf den gleichen Wert, den Toyota 2009 erreicht hat. Sollte der japanische Autoriese in diesem Jahr lediglich ein Nullwachstum erreichen, winkt den Wolfsburgern bereits der Weltautomobilthron.

Toyota kämpft ums Image

"Toyota ist zu schnell gewachsen", sagt Konzernchef Akio Toyoda und versucht so die weltweite Pannen- und Rückrufserie zu begründen.
"Toyota ist zu schnell gewachsen", sagt Konzernchef Akio Toyoda und versucht so die weltweite Pannen- und Rückrufserie zu begründen.(Foto: picture alliance / dpa)

Toyota gibt den Platz an der Sonne sicher nicht kampflos her, auch wenn aus dem Vorstand abgewiegelt wird: "Es kommt uns nicht darauf an, erster, zweiter oder dritter auf dem Weltmarkt zu sein.“ Im ersten Halbjahr des aktuellen Geschäftsjahres 2010/2011 lag der Fahrzeugabsatz des Konzerns bei 3,7 Millionen Einheiten, Hochgerechnet kämen die Japaner dann auf 7,4 Millionen Neuverkäufe im Jahr. Der Abstand schrumpft, aber es gäbe ihn noch.

VW dürften aber die Imageprobleme des Konkurrenten in die Hände spielen. Im Frühjahr musste Toyota weltweit mehrere Millionen Autos in die Werkstätten rufen. Klemmende Gaspedale waren nur eines von mehreren Problemen. Im Oktober und November setzte sich die Pannenserie fort. In den USA laufen deshalb diverse Klagen auf Schadenersatz.

Mehrere Werbekampagnen sollten das vor allem in den USA angeknackste Image aufpolieren. Ob sie Erfolg haben, muss sich erst noch zeigen, denn "betrogene“ Kunden vergessen nicht so schnell.

VW steht auf alle Fälle Gewehr bei Fuß, um unzufriedene Toyota-Fahrer mit offenen Armen zu empfangen: In den USA wurde seit Jahresbeginn noch eine vergleichsweise bescheidene Zahl von 267.500 Fahrzeugen des VW-Konzerns verkauft. Wachstumspotenzial gibt es also genug, was ein Zuwachs von 21,2 Prozent zum Vorjahreszeitraum beweist.

China ist die Zukunft

VW und das 1-l-Concept-Car: Wachstumsschub für die automobile Zukunft?
VW und das 1-l-Concept-Car: Wachstumsschub für die automobile Zukunft?(Foto: picture-alliance/ dpa)

Volkswagens größter Vorteil heißt aber China. Das Reich der Mitte ist der Wachstumstreiber des Konzerns schlechthin. Für diesen boomenden Markt fertigt VW bereits eine Reihe eigener, spezieller Modelle. Die Zuwächse in den ersten drei Quartalen waren dann auch exorbitant: Bei den Verkäufen legte Volkswagen um satte 39 Prozent auf 1,48 Millionen Autos zu - in der gesamten Region Asien-Pazifik verfehlte der Konzern die 40-Prozent-Schwelle nur knapp. Das Wachstum dürfte dort auch künftig ähnliche Größenordnungen erreichen wie bisher. Dafür sorgt zum einen die 20-Prozent-Beteiligung an Suzuki, dem mit großem Abstand marktführenden Anbieter in Indien und deren Ausbau. Zum anderen steckt der asiatische Automobilmarkt noch immer in den Kinderschuhen - verglichen mit dem westeuropäischen und dem US-Markt.

Seit 1984 ist VW auf dem mittlerweile größten Autoabsatzmarkt der Welt, China, aktiv.
Seit 1984 ist VW auf dem mittlerweile größten Autoabsatzmarkt der Welt, China, aktiv.(Foto: picture alliance / dpa)

Während diese Automobilmärkte gesättigt sind (800 Pkw pro 1000 Einwohner in den USA und 500 Pkw je 1000 Einwohner in Westeuropa) und höhere Stückzahlen oder Marktanteilsgewinne damit nur auf Kosten der anderen Hersteller erreicht werden können, hat in China und Indien bisher nur jeder fünfzigste beziehungsweise hundertste Einwohner einen fahrbaren motorisierten Untersatz mit vier Rädern. 2009 wurden allein in China laut VDA rund 13,6 Millionen Neuzulassungen registriert. China löste damit die USA als größter Auto-Absatzmarkt ab. Zum Vergleich: In Deutschland wurden 2009 vier Millionen Neuwagen verkauft.

Marktpionier mit Tradition

In China spielt VW auch noch ein weiterer Punkt in die Karten. Der Konzern ist bereits seit 1984 vor Ort aktiv - als erster westlicher Autokonzern. Die Premiumtochter Audi folgte ebenfalls frühzeitig: 1988. VW kommt in China über die beiden Joint Ventures mit den chinesischen Autobauern SAIC und FAW auf einen Marktanteil jenseits der 16 Prozent und hat damit die Marktführerschaft inne. Die Wolfsburger verkaufen mittlerweile mehr Autos in China als auf ihrem angestammten Heimatmarkt Deutschland.

Der Weg zur Weltherrschaft führt also nur über China - und Indien. Ausbremsen könnten den Konzern etwa strategische Fehlentscheidungen der Konzernspitze, die aber mit dem in der Regel besonnen handelnden Chef Winterkorn ("Wir haben in den ersten drei Quartalen unsere sehr erfolgreiche Geschäftsentwicklung fortgesetzt und liegen damit auf einem guten Kurs, um die Ziele unserer Strategie 2018 zu erreichen.“) nicht zu erwarten sind. Das größere Problem könnten Kapazitätsengpässe werden. Die mehr als zehn Millionen Autos, die abgesetzt werden sollen, müssen erst einmal hergestellt sein. Die Zahl der Fabriken, derzeit rund 60, muss also deutlich steigen. Aber auch da kann VW punkten: Die Barmittel des Konzerns summieren sich derzeit auf 20 Mrd. Euro. Damit ist nichts unmöglich - für "Das Auto“- Wenn nicht 2010, dann zumindest 2011.

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Quelle: n-tv.de