Wirtschaft
Die Schuldenkrise als Geschäftsessen: Deutschland könnte dem von der Pleite bedrohten Griechenland beispringen.
Die Schuldenkrise als Geschäftsessen: Deutschland könnte dem von der Pleite bedrohten Griechenland beispringen.(Foto: REUTERS)

Schnelles Ende der Schuldenkrise?: Die Erlösung der Griechen

Von Martin Morcinek

Klingt unglaublich, ist aber wahr: Deutschland könnte die Krise über Nacht beenden und Griechenland aus dem Schuldensumpf befreien. Wie das ginge, verraten Eurostat und Bundesbank. Unabsichtlich liefern sie die Grundlage zu politisch hochbrisanten Zahlenspielen.

Deutsch-griechisches Gedankenexperiment: Reicht das Geld?
Deutsch-griechisches Gedankenexperiment: Reicht das Geld?(Foto: Reuters)

Stellen Sie sich vor, die Schuldenkrise wäre nichts anderes als ein Geschäftsessen unter Eurostaaten und Griechenland könnte seine Rechnung nicht bezahlen: Natürlich ist die Situation peinlich, doch lösen lässt sie sich zum Glück recht schnell. Nach Dessert und Käse steht Deutschland einfach auf und bezahlt, was zu bezahlen ist - diskret, freundlich, hilfsbereit. So, wie es wohl in jeder guten Währungsgemeinschaft üblich ist. Ein böser Traum, bar jeder Grundlage?

Zumindest theoretisch machbar wäre es, wie zuletzt erst wieder die Experten der Deutschen Bundesbank nebenbei bestätigten. Denn in Wahrheit ist der Deutsche immer reicher . Im zweiten Quartal stieg das privat gehaltene Geldvermögen aller Haushalte in Deutschland zusammengenommen auf insgesamt 4811 Mrd. Euro. Das ist eine Menge Geld und gleichzeitig ein denkwürdiger Rekord.

Die Summe ist so groß, dass sie schwindelerregende Gedankenspiele nahelegt. Tatsächlich sind ja auch wahrhaft gewaltige Maßstäbe erforderlich, um das Ausmaß des privaten Wohlstands in Deutschland zu erfassen. Und – wie praktisch – in Europa scheint derzeit nichts gewaltiger als die Staatsverschuldung. Nicht nur in Südeuropa hat sie längst erschreckende Ausmaße angenommen.

Eine Rechnung ohne den Wirt

Die offiziellen Zahlen belegen es: Mit dem privaten Geldvermögen der Deutschen ließe sich tatsächlich – rein rechnerisch, versteht sich – die komplette griechische Staatsverschuldung begleichen. Denn den Angaben der Europäischen Statistikbehörde Eurostat zufolge steht das Euroland mit 355,7 Mrd. Euro bei seinen Kreditgebern in der Kreide. Ein unüberwindlicher Schuldenberg? Ein Klacks, sofern zufälligerweise jemand mit am Tisch sitzt, der mehr als 4,8 Billionen Euro im Portemonnaie stecken hat.

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In Europa sitzt unübersehbar Deutschland mit am Tisch. Und es stimmt: Deutschland könnte die griechischen Schulden aus der Welt schaffen und dem Land so einen Weg in eine Zukunft mit vernünftig organisierten Staatsfinanzen eröffnen. Im direkten Vergleich zu den privaten Rücklagen der Deutschen erscheint selbst der umfangreiche deutsche Schuldenberg fast klein. In absoluten Zahlen überragt er zwar das Problem der Griechen deutlich. Doch mit einer Höhe von rund 2088 Mrd. Euro wäre das aus privater Hand doch noch zu bewältigen.

Für die öffentlichen Kassen sieht das selbstverständlich ganz anders aus. Der Staat muss ernsthaft sparen, um nicht schon an den wachsenden Zinslasten im Bundeshaushalt zu ersticken. Ließe sich jedoch eine solche überaus selbstlose und solidarische Gemeinschaftsaktion zur Entschuldung zweier Euro-Staaten aus den Mitteln der deutschen Privatvermögen organisieren, dann müsste in Deutschland dadurch wohl immer noch niemand am Hungertuch nagen. Denn den Bundesbürgern bliebe am Ende immer noch ein Geldvermögen von rund 2,4 Billionen Euro übrig; wohlgemerkt alles Geld, das derzeit auf der hohen Kante liegt und nicht akut benötigt wird. Können wir uns diesen Spaß also leisten?

Wir können. Denn zum Geldvermögen zählt die Bundesbank nur die statistisch leicht erfassbaren Summen aus Bankeinlagen, Wertpapieren oder anderen Anlageformen. Die umfangreichen Werte an Grund und Boden, Immobilien oder anderen Vermögensgegenstände wie etwa Autos oder Kunst sind in der Statistik ausdrücklich nicht enthalten. Da schlummert also noch einiges.

Zu ewigem Dank verpflichtet?

Die Rechnung hat allerdings einen Haken. Freiwillig dürfte hierzulande kaum jemand seine Ersparnisse in die Sanierung Griechenlands investieren wollen. Zudem stehen dem Geldvermögen in Deutschland nicht unerhebliche Kredite gegenüber. Das immerhin ist allerdings kein größeres Problem. Es wird nur etwas enger. Denn selbst wenn man für diesen Vergleich nur das Nettogeldvermögen, also das Gesamtgeldvermögen abzüglich der privat aufgenommenen Kredite, zugrunde legt, dann bleibt nach der Griechen-Rettung noch ein "Rest" von 2,9 Billionen Euro übrig.

Die Begleichung der eigenen Staatsschulden könnte Deutschland zudem noch ein wenig aufschieben. Denn wenn die Bundesbürger auch noch die Schuldenprobleme ihres eigenen Staates aus privater Hand lösen wollten, dann schmölze der Netto-Reichtum auf eine fast schon kümmerliche Summe von 812 Mrd. Euro ab. Das Geld ist also vorhanden, was fehlt ist allein die Einsicht, warum die sparsam wirtschaftenden Bürger aus eigener Kasse für die Verfehlungen ihrer jeweiligen Regierung aufkommen sollten.

Das Geschäftsessen am Tisch der Schuldenkrise wird sich also weiter in die Länge ziehen – trotz des ungeheuren Reichtums der Deutschen. Dem Wirt muss man das ja nicht unbedingt verraten.

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Quelle: n-tv.de