Wirtschaft
(Foto: picture alliance / dpa)

Bahnchef Grube in der Bringschuld: Mehr Verständnis für die Lokführer!

Ein Kommentar von Thomas Badtke

Die Lokführer streiken wieder- zudem über das Pfingstwochenende. Viele machen GDL-Chef Weselsky als den Schuldigen aus. Doch das ist ein Irrtum.

Die Lokführer streiken. Zum neunten Mal mittlerweile. Millionen Pendler sind entsetzt, schließlich fällt der Ausstand auf das Pfingstwochenende. Der Aufschrei ist groß. Medien schießen sich auf den Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Claus Weselsky, als Schuldigen ein. Und das ist falsch!

Von "Zumutung" (n-tv.de) oder "Erpressung" (Berliner Morgenpost) ist da die Rede oder einem "Wahnstreik" (FAZ). Bei der "Bild" kommentierte Peter Hahne Anfang Mai "Geht's noch, Weselsky?" Nun lautet die Schlagzeile: "Jetzt versaut uns Weselsky Pfingsten".

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Aber: Nicht der GDL-Chef ist der Schuldige, sondern die Politik und der Vorstandschef des Bahnkonzerns, Rüdiger Grube, sind verantwortlich. Letzterer gibt zwar vor, "deeskalieren" zu wollen und macht sich für eine "Befriedung der Gesamtsituation" stark. Was er aber wirklich will, ist das neue Tarifeinheitsgesetz der Bundesregierung. Das soll am Freitag im Bundestag beschlossen werden.

Grube hofft, dass dadurch die Tarif-Auseinandersetzung mit der, wie er es nennt, "Spartengewerkschaft" GDL ein für alle Mal beendet wird, weil die Bahn dann außer bei den Lokführern nur noch mit der größeren EVG verhandeln muss. Doch dieser Schuss könnte nach hinten losgehen: Die meisten Arbeitsrechtler sehen das Gesetz sehr kritisch, da es auf ein Streikverbot für kleine Gewerkschaften hinausläuft. Deshalb dürfte am Ende das Bundesverfassungsgericht das letzte Wort haben. Und das kann wieder dauern. Zudem ändert das Gesetz nichts daran, dass dieser Streik rechtens ist.

Arbeitnehmer dürfen sich laut Gesetz völlig frei organisieren - Zugbegleiter somit in der GDL. Das ist legitim, der Vorwurf des Machtmissbrauchs an die GDL und deren Chef Weselsky deshalb haltlos. Die Gewerkschaft kämpft um ihre Grundrechte und Existenz, die Große Koalition will ihr und anderen kleineren Gewerkschaften mit dem Tarifeinheitsgesetz den Saft abdrehen.

Fakt ist: Bei manchen Berufsgruppen sind die Bürger von Streiks härter getroffen - Erzieher sind da ein Beispiel, die Lokführer ein anderes. Man sollte bei allen Unannehmlichkeiten, die ein Arbeitskampf mit sich bringt, deshalb nicht vergessen, dass ein Ausstand das absolut letzte Mittel in einer Tarifauseinandersetzung ist. Wenn über Monate Stillstand herrscht, sollte man sich fragen, wieso das der Fall ist - und nicht einfach immer wieder mit dem Finger auf eine Tarifpartei zeigen.

Für einen Kompromiss müssen sich beide Seiten bewegen. Machtspiele bringen nichts. Die Bahn sitzt dabei - auch dank Politik und Medien - am längeren Hebel und nutzt die öffentliche Deutungshoheit im Tarifkonflikt knallhart auf dem Rücken von Wirtschaft und Kunden aus. Doch sie tut gut daran, den ersten Schritt zu machen. Dann ist das Pfingstwochenende vielleicht auch noch zu retten.

Quelle: n-tv.de