Wirtschaft
Yanis Varoufkis pflegt seinen eigenen Stil und provoziert gerne.
Yanis Varoufkis pflegt seinen eigenen Stil und provoziert gerne.(Foto: AP)

Charakter, Charisma, Lockerheit: Varoufakis, Meister der Selbstinszenierung

Ein Kommentar von Sonja Gurris

Wenige Wochen nach Amtsantritt ist Yanis Varoufakis das Gesicht der Griechenland-Krise. Sein Konzept ist denkbar einfach: markige Sprüche mit viel Zündstoff und dazu ein Auftritt, der das politische Establishment provoziert.

Heute sorgt er in Brüssel wieder für Aufruhr: Yanis Varoufakis. Die Art, wie der griechische Finanzminister auf der europäischen Bühne agiert, ist an Selbstinszenierung kaum zu übertreffen. Und damit tut Varoufakis uns allen einen Gefallen. Immer wird geunkt und gejammert, dass es in der Politik keine Charaktere gebe - da kann man nur antworten: Hier ist einer.

Denn seine Selbstinszenierung ist nichts Verwerfliches: Mit dem Motorrad zu politischen Terminen zu fahren oder das lila Hemd ohne Krawatte zu tragen, ist im grauen Politikalltag ein willkommener Farbtupfer. Der 53-jährige Yanis Varoufakis verhält sich eben nicht konform zum durchschnittlichen Politiker-Typus. Er sticht heraus, verbal und visuell. Der Finanzminister ist ein echter Typ - man schaut hin und man hört zu. Nach dem Motto: Achtung, der Krawall-Minister kommt und wird wieder alle überrumpeln. So oder ähnlich ergeht es wohl vielen, wenn sie ihn in den Nachrichten sehen.

Ob seine Art des Politikstils Griechenland rettet, weiß niemand. Vielleicht ist es nicht immer sinnvoll, den großen Eklat zu provozieren. Vielleicht bricht das System Varoufakis bald in sich zusammen. Auf jeden Fall sorgt er für Abwechslung im Euro-Griechenland-Rettungs-Schlamassel. Und eines hat der griechische Finanzminister geschafft: Ganz Europa spricht über ihn. Weil er Charakter hat, Charisma und Lockerheit in die Politik bringt.

Dieser Rebell weckt bei manchen auch Sympathie. Viele sehen in ihm einen Underdog, der sich durchkämpfen will. Sein Gegner: die verhasste Troika. Yanis Varoufakis unterhält das politische Publikum. Er ist ein Anti-Politiker und wirkt im Getümmel mit den anderen Finanzministern ein bisschen wie aus einer anderen Welt - als wolle er eigentlich gar nicht dazugehören.

Mode spielt dabei auch immer wieder eine große Rolle: Über keinen Schal wurde so viel geschrieben, wie über das 395-Euro-Modell einer britischen Luxusmarke, das er regelmäßig trägt. Vielleicht wird Politik hier etwas entpolitisiert, aber der griechische Finanzminister ist eine Person, an die man sich noch lange nach der großen Griechenland-Krise erinnern wird. Wer neben Schäuble, Dijsselbloem und Co. sein Hemd über der Hose trägt und sich sonst nicht an die Regeln hält, der setzt ein Statement. Und das macht Varoufakis absichtlich. Die Aufmerksamkeit ist ihm bei jedem Auftritt sicher, die Medien hängen an seinen Lippen.

Allein sein Werdegang ist schon untypisch. Varoufakis ist gelernter Ökonom. Vor seiner Zeit als Politiker war er unter anderem Gastprofessor im texanischen Austin und schrieb einige wirtschaftspolitische Bücher. Heute bloggt Varoufakis noch regelmäßig über Wirtschafts- und Finanzpolitik. Wenn Yanis Varoufakis eines nicht ist, dann ein 0815-Politiker. Charakterschwäche oder Rückgratloskeit kann man ihm nicht vorwerfen. Charaktere sind in der Politik wichtig, denn sie geben Orientierung. Yanis Varoufakis stürzt sich mit voller Wucht - und vollem Risiko - in seine Arbeit. Leidenschaftlich, unangepasst, provokant und unterhaltsam. Ganz unabhängig davon, was in der Griechenland-Krise passieren wird. Seine Art ist eigenwillig und bricht mit Regeln. Und das sollte respektiert werden.

Quelle: n-tv.de