Wirtschaft
Zu Besuch im Kanzleramt: Alexis Tsipras trifft Angela Merkel.
Zu Besuch im Kanzleramt: Alexis Tsipras trifft Angela Merkel.(Foto: REUTERS)

Tsipras besucht Merkel: Zeit für einen Neustart

Ein Kommentar von Jan Gänger

Alexis Tsipras kann nach dem Treffen mit Angela Merkel einen Erfolg verbuchen: Der "Grexit" ist unwahrscheinlicher geworden - aber nur, wenn Athen endlich liefert.

Wenn Politiker miteinander reden und nicht übereinander, ist das überaus erfreulich. Das ist umso mehr der Fall, wenn es sich dabei um Angela Merkel und Alexis Tsipras handelt. Der Besuch  des griechischen Premierministers bei der der deutschen Bundeskanzlerin war nicht nur überfällig. Er könnte den so bitter nötigen Neuanfang eingeleitet haben, um die griechische Krise endlich zu überwinden.

Zwei Monate hat es gedauert, bis Tsipras vom Wahlkampfmodus in Richtung Wirklichkeit schwenkt. Das kann man als viel zu spät kritisieren. Aber hierzulande müssen wir so lange warten, bis überhaupt eine Regierung steht.

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Geliefert hat Tsipras bisher nicht. Seinen vollmundigen Ankündigungen folgten keine nennenswerten Taten – mit Ausnahme derer, die sein Land in konsequent in Richtung Pleite treiben. Die Lage ist nun so brenzlig, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als den Gläubigern mehr zu bieten als Beteuerungen und Absichtserklärungen.

Besser spät als nie, könnte man hier einwenden. Es wäre wirklich hilfreich, wenn Tsipras und seine Regierung ihre selbstgewählte Mission aufgeben würden, die gesamte Eurozone im Sinne ihrer Vorstellungen umzubauen. In einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Sendungsbewusstsein ist es Tsipras und seinem Finanzminister Yanis Varoufakis damit gelungen, Griechenland zu isolieren.

Das ist eine gewaltige Leistung, wenn man sich die Bilanz der Retterei anschaut. Denn hier haben die Griechen recht: Der Sparkurs war überzogen, er hat zu tiefer Rezession und Massenarbeitslosigkeit geführt. Außerdem floss der Löwenanteil der Hilfen an die Banken. Und macht es wirklich Sinn, mit immer mehr neuen Schulden alte Schulden zu bedienen?

Was allerdings nichts daran ändert, dass die Ursachen der Krise in Griechenland selbst liegen. Niemand hat Griechenland gezwungen, sich übermäßig zu verschulden. Weder Vetternwirtschaft noch Korruption, weder Bürokratie noch völlig überregulierte Wirtschaft sind von außen über das Land hereingebrochen.

Griechenland braucht zweierlei: Wachstum und Reformen. Deshalb wäre es ein großer Fehler, der griechischen Regierung fröhlich Geld zu überweisen nach dem Motto: Je mehr ihr ausgebt, umso mehr wird die Konjunktur angekurbelt. Das Ganze macht nur Sinn, wenn den Investitionen Strukturreformen vorausgehen.

Tsipras steht vor einer riesigen Aufgabe. Niemand kann allen Ernstes von ihm fordern, dass er mal eben ein ganzes Land reformiert. Doch man darf von ihm verlangen, dass er die geerbten Probleme angeht. Wenn er das tut, muss ihn die Eurozone nach Kräften unterstützen und ihm eine faire Chance geben. Das heißt auch: das Land mit neuen Krediten vor der Pleite zu bewahren - und zu akzeptieren, dass der geforderte Sparkurs zu heftig war.

Quelle: n-tv.de