Wirtschaft
Leichtes Minus in großer Höhe: Sein Niveau kann der Dax am Dienstag nicht ganz halten.
Leichtes Minus in großer Höhe: Sein Niveau kann der Dax am Dienstag nicht ganz halten.(Foto: REUTERS)

"Die Luft wird immer dünner": Dax schließt unter 9100

Der deutsche Aktienmarkt kann seine aktuelle Reiseflughöhe nicht ganz halten. Immerhin: Nach dem Rekordvorstoß zu Wochenbeginn gibt der Leitindex im Dienstagshandel nur leicht nach. Ein ganzer Schwung an neuen Unternehmensberichten hält Anleger in Atem.

Schwach auf hohem Niveau: An der Frankfurter Börse verabschiedet sich der deutsche Leitindex mit moderaten Kursverlusten in den Feierabend. Nach seinem freundlichen Wochenstart zeigen die Trendpfeile am zweiten Handelstag der Woche leicht nach unten.

Der Dax schloss 0,34 Prozent leichter bei 9076,48 Punkten, nachdem er am Vortag erstmals über 9100 Zählern geschlossen hatte. Der MDax sank um 0,81 Prozent auf 16.062,72 Punkte. Der TecDax gab um 1,26 Prozent nach auf 1126,29 Punkte.

Ein ganzer Schwung an frischen Ergebnissen aus der laufenden Berichtssaions bestimmte den Handel: Allein im Dax legten mit Post, Infineon, Henkel und Lanxess vier Schwergewichte aus der ersten Börsenliga aktuelle Zwischenberichte vor. Am Markt riefen die Zahlen höchst unterschiedliche Reaktionen hervor. Es gab Licht und Schatten, einigen soliden Ergebnissen standen enttäuschende gegenüber", fasste ein Händler zusammen. "Viele Anleger wollen auch erst einmal abwarten, wohin es mit dem Dax weiter geht."

Eine Kennziffer zur Einordnung der Lage: Bislang haben etwa 80 Prozent der im Stoxx Europe 600 gelisteten Unternehmen ihre Zwischenergebnisse veröffentlicht. Laut Berechnungen von Thomson Reuters StarMine verfehlte dabei etwa die Hälfte der erfassten Unternehmen die eigene Gewinnprognose. Und: Fast zwei Drittel setzten demnach weniger um als erwartet. Finanzmarkt-Experte Mike Harris vom Brokerhaus TJM Partners empfahl, in diesem Umfeld europäische Aktien eher abzustoßen oder zumindest keine neuen Papiere hinzuzukaufen. Auch US-Aktien standen am Berichtstag nicht sonderlich hoch im Kurs: Die großen Indizes notierten zum Handelsschluss in Europa rund 0,3 Prozent niedriger.

In Deutschland konnten die Aktien der Deutschen Post nach der Vorlage des Zwischenberichts ihre anfänglich klaren Gewinne nicht halten und schlossen mit minus 0,1 Prozent. Konzernchef Frank Appel bekräftigte zwar die Prognose für das laufende Jahr, betonte aber zugleich, es werde "kein Selbstläufer", diese Ziele zu erreichen. DZ Bank-Analyst Dirk Schlamp erklärte, die Post verfüge über gute Wachstumsaussichten. Zum Handelsschluss lagen die Titel bei 24,75 Euro, nachdem sie am Morgen noch bis zu 2,8 Prozent auf ein Sechseinhalb-Jahres-Hoch von 25,48 Euro zugelegt hatten.

Die Vorzugsaktien von Henkel stiegen um 1,3 Prozent auf 82,68 Euro und schlossen damit so hoch wie noch nie. Händler sprachen von einem sehr soliden Ergebnis. Der Konsumgüterkonzern hatte im dritten Quartal seinen Gewinn gesteigert und zeigt sich nun noch etwas optimistischer für das Gesamtjahr. Die Analysten der Commerzbank versahen ihre Kaufempfehlung mit einem um vier Euro auf 94 Euro erhöhten Kursziel.

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Besonders deutlich nach unten ging es für die tags zuvor favorisierten Papiere des Halbleiterstellers Infineon aus München: Börsianern gefiel vor allem der Ausblick nicht. "Da haben einige einfach mal Kasse gemacht", erklärte ein Händler. Die Aktien gaben am Dax-Ende um 5,6 Prozent auf 6,88 Euro nach. Nach dem versöhnlichen Ende eines durchwachsenen Geschäftsjahres 2012/13 traut sich Infineon zwar wieder eine optimistische Prognose zu, für das laufende Quartal rechnet der Konzern allerdings mit einer verhaltenen Entwicklung.

Die Aktien von Lanxess fielen um knapp 5 Prozent zurück. Am Markt wurde der präzisierte Ausblick des Spezialchemiekonzerns zunehmend als Belastungsfaktor angesehen. Nach einem Gewinneinbruch im dritten Quartal rechnet der Chemiekonzern auch für die Schlusswochen des Jahres mit einer schleppenden Nachfrage.

Die Aktien der Deutschen Telekom verloren nach einer angekündigten Kapitalerhöhung der Tochter T-Mobile USA 0,8 Prozent. Die US-Mobilfunktochter bietet bis zu 72,8 Millionen neue Aktien an und will dafür knapp 2 Milliarden Dollar einnehmen. Die Telekom will sich nicht beteiligen.

Zu den größten Gewinnern im Dax zählten auch die Titel von Continental mit einem Aufschlag von 1,4 Prozent auf 145 Euro. Die Analysten von Citigroup hatten ihr Kursziel deutlich auf 164 von 132 Euro erhöht und die Kaufempfehlung bekräftigt.

Im MDax und TecDax standen noch zahlreiche weitere Unternehmen mit Quartalsbilanzen im Blick, darunter auch Börsenneuling Osram. Der Leuchtmittelhersteller schreibt nach Umbau, Jobabbau und der Trennung von Siemens wieder schwarze Zahlen, was der Osram-Aktie im Handelsverlauf ein Rekordhoch bei 40,595 Euro bescherte. Das Papier schloss an der MDax-Spitze 4,71 Prozent fester bei 40 Euro.

Auch Deutsche Wohnen zählten nach Zahlen zu den MDax-Favoriten. Am Indexende mit minus 6,47 Prozent landeten nach vorgelegtem Quartalsbericht die Leoni-Papiere. Der Autozulieferer hatte beim operativen Ergebnis die Markterwartungen verfehlt.

Im TecDax brachen Evotec nach roten Quartalszahlen am Index-Ende um über 16 Prozent ein. "An den vorgelegten Zahlen ist nichts Gutes dran, da hatten viele mehr erwartet", sagte ein Händler. "Einige Investoren dürften sich nun fragen, ob der starke Anstieg der Aktien in diesem Jahr überhaupt gerechtfertigt ist." Im Vergleich zu ihrem Tief von Mitte April haben die Titel der Biotechfirma ihren Kurs mehr als verdoppelt, womit sie Spitzenreiter im Technologie-Index sind.

Richtungsfrage kurz hinterm Allzeithoch

Insgesamt sind sich Experten uneins, wohin die Reise für den Leitindex in den Restwochen des Jahres noch gehen könnte. "Nachdem die Europäische Zentralbank ihr Pulver zunächst verschossen hat und die ultralockere Geldpolitik in den USA nicht endlos so weitergehen kann, scheint das Aufwärtspotenzial zunächst ausgereizt", sagte Marktanalyst Jens Klatt von DailyFX. Die Folge des Ganzen sei aber unklar, und der Aktienmarkt suche weiter seine Richtung. "Die Luft wird allerdings nun über der Marke von 9000 Punkten immer dünner", meinte Klatt.

Marktanalyst Kornelius Barczynski vom Brokerhaus GKFX hält dagegen den Börsen-Höhenflug für noch nicht beendet. Seiner Meinung nach könnte der Leitindex jetzt eine kleine Korrektur einleiten, um sich dann möglicherweise noch in diesem Jahr an der Marke von 10.000 Punkten zu versuchen.

Der Eurostoxx50 als Leitindex der Eurozone schloss 0,59 Prozent leichter bei 3034,68 Punkten. Auch die Börse in Paris verbuchte Verluste, während der Leitindex in London nur knapp unter dem Vortagesniveau endete. In New York lag der Dow Jones Industrial zum Handelsschluss in Europa mit 0,34 Prozent im Minus.

Am deutschen Rentenmarkt stieg die durchschnittliche Rendite börsennotierter Bundeswertpapiere auf 1,44 (Vortag: 1,41) Prozent. Der Rentenindex Rex fiel um 0,22 Prozent auf 133,61 Punkte. Der Bund-Future gab zuletzt 0,24 Prozent auf 140,62 Punkte nach.

Der Kurs des Euro stieg. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,3432 (Montag: 1,3394) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7445 (0,7466) Euro.

Quelle: n-tv.de

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