Wirtschaft
Konkrete Aussichten auf einen größeren Krieg: Die Dax-Kurve kriecht nah an der Unterkante der Anzeigetafel.
Konkrete Aussichten auf einen größeren Krieg: Die Dax-Kurve kriecht nah an der Unterkante der Anzeigetafel.(Foto: REUTERS)

Mehr als drei Prozent im Minus: Dax schließt tief in Sorge

Die Angst vor einem ausgewachsenen Krieg im Osten Europas reißen den deutschen Leitindex mehr als 300 Punkte in die Tiefe. Kurz vor Handelsschluss rutscht der Dax noch einmal kräftig ab. Börsianer werten das als beunruhigendes Vorzeichen.

Der Frühlingsmonat März beginnt am deutschen Aktienmarkt mit tiefroten Trendpfeilen, eiskalten Aussichten und einem Kursrutsch auf breiter Front: Die Krim-Krise hat den deutschen Aktienmarkt zum Wochenstart schwer belastet.

Der Leitindex Dax rutschte am ersten Handelstag der Woche um 3,44 Prozent ab und ging mit einem Schlussstand von 9358,89 Punkte auf Tagestief aus dem Handel. Insgesamt büßte der Dax binnen eines einzigen Handelstages volle 333 Punkte ein. Von der 10.000er Marke dürfte sich der deutsche Leitindex bis auf weiteres verabschiedet haben, hieß es. Ein Schlusskurs auf Tagestief verheißt zudem nichts Gutes für den Handel am Dienstag. In der Vorwoche hatte der Dax noch ein kleines Plus von 0,33 Prozent erkämpft und damit den Februar klar positiv abgeschlossen.

Nach den dramatischen Entwicklungen vom Wochenende nehmen Anleger die Perspektiven für Deutschland und die Weltwirtschaft offenbar sehr viel düsterer wahr als zuletzt: Der MDax mittelgroßer Werte verlor unter dem Druck der Sorgen vor einer Eskalation in der Ukraine 2,62 Prozent auf 16.449,28 Punkte. Der TecDax gab 3,49 Prozent auf 1241,21 Punkte ab.

VDax-New zieht steil an

"Die Angst vor einer Eskalation in der Ukraine hat den Dax gelähmt. Das Kursplus bei Gold unterstreicht das steigende Sicherheitsbedürfnis der Anleger", sagte Marktexperte Daniel Saurenz von Feingold-Research. Das zeige auch die sprunghaft gestiegene Schwankungsintensität - die Volatilität - als Messzahl für die Risikoeinschätzung an den Börsen. Der VDax-New, der auf dem Parkett als "Angstbarometer" bezeichnet wird, sprang fast 30 Prozent nach oben. Sollte sich die Lage weiter verschärfen, dürften die Investoren aus Sicht von Saurenz ihre Gewinne der jüngsten Monate weiter in Sicherheit bringen. Damit steht die Gefahr einer deutlich schärferen Korrektur im Raum.

Ernste Gesichter an der Frankfurter Börse: Der VDax steigt, die Kurse fallen.
Ernste Gesichter an der Frankfurter Börse: Der VDax steigt, die Kurse fallen.(Foto: REUTERS)

Leicht stabilisierend wirkte zeitweise ein positiver Einfluss der US-Märkte: An den New Yorker Börsen waren die großen Indizes mit vergleichsweise moderaten Kursverlusten in die neue Woche gestartet. Der Eurozonen-Leitindex Eurostoxx50 ging 3,02 Prozent tiefer bei 3053,99 Punkten mit dem größten Tagesverlust seit Mitte Juni aus dem Handel. Der Pariser CAC-40-Index und auch der Londoner FTSE 100 zeigten sich ebenfalls schwach. In New York stand der Dow Jones Industrial zum europäischen Börsenschluss anderthalb Prozent tiefer.

"Die Militäroffensive Putins in der Ukraine führt zu einer starken Verunsicherung der Investoren", fasste Jens Klatt, Chefanalyst von DailyFX, die Stimmung im europäischen Aktienhandel zusammen. Immerhin hängt zum Beispiel mehr als ein Drittel der deutschen Gasimporte an Russland. Zudem stützt eine ganze Reihe deutscher Unternehmen Teile ihrer Geschäftserwartung auf ungestörte Handelsbeziehungen mit dem großen Nachbarland im Osten Europas.

Wie groß die Verunsicherung im Frankfurt Aktienhandel ist, offenbarte sich zum Handelsschluss: In den letzten fünf Minuten sackte der Dax noch einmal um fast 40 Punkte ab. Die Lage scheint verfahren: Russland lässt Truppen und Panzerfahrzeuge auf der Krim-Halbinsel aufmarschieren. Die EU diskutiert Sanktionen gegen Russland. Russlands Außenminister Lawrow wiederum wies die angedrohten Strafmaßnahmen des Westens zurück.

Einzelwerte stark unter Druck

Dem allgemeinen Abwärtssog an der Börse konnte sich keiner der 30 Dax-Werte entziehen. Verkauft wurden vor allem Aktien konjunktursensibler Unternehmen. Die Kurse von Bayer, BASF, Deutsche Post, Lufthansa, Siemens und ThyssenKrupp gaben überdurchschnittlich nach. Aktien der Commerzbank, die noch immer über Beteiligungen in Osteuropa verfügt, büßten 6,1 Prozent ein und waren damit größter Kursverlierer im Dax.

Die Aktien von Adidas schlossen mit minus 3,95 Prozent klar über ihrem Tagestief. Der Sportartikelhersteller wollte sich auf Anfrage zunächst nicht zu den möglichen Auswirkungen auf das Geschäft äußern. Eine Sprecherin verwies auf die am Mittwoch anstehende Bilanzpressekonferenz des Konzerns. Die europaweite Nummer Eins der Branche ist Marktführer in Russland und der Ukraine. Russland ist zudem einer der wichtigsten Einzelmärkte für Adidas.

Bester Dax-Wert des Tages waren RWE mit minus 1,03 Prozent. Zum einen kamen Gerüchte auf, denen zufolge sich der von der Energiewende gebeutelte Versorger mit den kommunalen Aktionären auf eine mögliche Kapitalerhöhung geeinigt haben könnte. Zum anderen könnte sich eine weitere Verschärfung in Osteuropa auf die Energieversorgung in Westeuropa auswirken, wie Experten dem "Handelsblatt" sagten. Einem Börsianer zufolge könnte das RWE über steigende Energiepreise helfen.

Bei den Nebenwerten im MDax fielen die Aktien der Metro mit einem Abschlag von 5,4 Prozent ans untere Index-Ende. Der Handelskonzern will einen Teil ihrer Sparte Cash & Carry in Russland an die Börse bringen. Die Kursverluste an der Moskauer Börse und die Aussicht auf eine durch den Konflikt ausgelöste Konsumschwäche in Russland droht dieses Vorhaben nach Ansicht von Händlern zu torpedieren.

Stada-Aktien fielen um 5 Prozent zurück. Der Generikahersteller ist wie Metro in Russland aktiv. Timo Kürschner von der Landesbank Baden-Württemberg sieht Stada gleich zweifach belastet: Zum einen über eine geringere Nachfrage, sollte die Krise in der Ukraine eskalieren, zum anderen wegen des schwachen Rubel.

Am deutschen Rentenmarkt fiel die Umlaufrendite börsennotierter Bundeswertpapiere auf 1,28 (Freitag: 1,31) Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,09 Prozent auf 134,80 Punkte. Der Bund Future gewann 0,51 Prozent auf 145,32 Punkte. Der Kurs des Euro fiel. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,3768 (1,3813) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7263 (0,7240) Euro.

Quelle: n-tv.de

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