Wirtschaft
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Börsen-Wahnsinn, nächste Runde: "Risk-on-Rally" steckt Dax-Anleger an

Im Jahr 2000 rät die "Bild" zum Kauf von Aktien. Der Absturz an den Märkten folgt. Nach dem EZB-Paket vom Donnerstag wagt das Blatt erneut einen Anlagetipp. Experten mahnen zur Vorsicht - trotz Kurssprung: "In einem See voller Liquidität steigt jedes Boot."

Mit unerwartet deutlichen Kursaufschlägen hat sich der deutsche Aktienmarkt ins Wochenende verabschiedet. "Vielleicht war das gestern ein bisschen zu viel", sagte n-tv-Börsenexperte Frank Meyer. Am Donnerstag hatte der Markt nach einer Achterbahnfahrt mit deutlichen Verlusten geschlossen. Auslöser des Aufs und Abs waren das Maßnahmenpaket der Europäischen Zentralbank (EZB) und die anschließenden Äußerungen von EZB-Chef Mario Draghi gewesen. "Diese Gegenbewegung hat sich heute Morgen nicht abgezeichnet", kommentierte Meyers Kollegin Corinna Wohlfeil.

Der Dax startete deutlich fester, baute im Handelsverlauf seine Gewinne stetig aus, bis er mit einem Aufschlag von 3,5 Prozent und 9831 Punkten auf Tageshoch aus dem Handel ging. Am Donnerstag war der Leitindex im Hoch bis auf 9996 Zähler gestiegen, aus dem Handel war er aber mit 9498 Stellen und einem Minus von 2,3 Prozent gegangen. Der MDax schloss 3,4 Prozent fester mit 19.815 Punkten. Der TecDax legte 3,2 Prozent auf 1619 Stellen zu.

Draghi, ein Kontraindikator und "verrückte Zeiten"

Die auf breiter Front gestiegenen Kurse kommentierte Meyer so: "In einem See voller Liquidität steigt jedes Boot. Die Sparer zahlen die Zeche." Wohlfeil verwies zudem auf ein besonderes Phänomen: "Draghi ist Aufmacher der 'Bild'. Die Zeitung rät zum Aktienkauf", so Wohlfeil. Im Jahr 2000 habe sie das zuletzt gemacht. "Danach ging es rasant abwärts mit den Kursen."

Die EZB hatte noch einmal mehrere Maßnahmen im Kampf gegen Deflationstendenzen ins Feld geführt und etwa die Geldpolitik stärker als erwartet gelockert. Händler sprachen nun von einer Neubewertung der Faktenlage. Gerd Haßel von der BHF-Bank argumentierte, "dass sich die Märkte heute nun stärker mit dem expansiven Gesamtpaket befassen als mit der wohl etwas überinterpretierten Bemerkung von Mario Draghi, dass weitere Zinssenkungen aus heutiger Sicht nicht notwendig erscheinen". Als Profiteure der EZB-Entscheidung werden die Banken gesehen.

"Wenn der Dax binnen 24 Stunden zwischen 10.000 und 9400 Punkten hin und her schwankt, dann weiß man, dass sich die Finanzmärkte gerade in einem absurden Umfeld bewegen", kommentierte Daniel Saurenz von Feingold Research. "Verrückte Zeiten."

Rohstoffe: Ölpreis über 40 Dollar

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Der Ölpreis machte seine Verluste vom Donnerstag wett. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent stieg über die 40-Dollar-Marke und lag zu US-Handelsschluss bei 40,43 Dollar. Das waren 1,0 Prozent mehr als am Donnerstag. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) kletterte 1,8 Prozent auf 40,12 Dollar.

Die Internationale Energieagentur sprach von einem nachlassenden Angebot rund um den Globus, wenngleich auch der Nachfrageausblick nicht besonders rosig charakterisiert wird. "Bei der Preisentwicklung gibt es Licht am Ende eines langen und dunklen Tunnels", hieß es von Seiten der Agentur. Auch die zuletzt sehr "bearish" gepolten Analysten von Goldman Sachs glauben nun, dass der Ölpreisboden erreicht sei.

Ölpreis bremst Inflation

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Die günstigen Ölpreise sorgten in Deutschland weiter für rückläufige Inflationsraten. Im Februar fiel die jährliche Inflationsrate auf null Prozent von 0,5 Prozent im Januar. Die Statistiker bestätigten damit - wie von Volkswirten erwartet - ihre vorläufige Schätzung vom 26. Februar.

Seit Sommer 2014 bremsen die gefallenen Energiepreise die Teuerung. Im Februar mussten die Verbraucher für Energie 8,5 Prozent weniger bezahlen als vor einem Jahr. Leichtes Heizöl verbilligte sich um 33,6 Prozent und Kraftstoffe um 11,0 Prozent. Ohne Energiepreise wäre die Inflationsrate im Februar mit 0,9 Prozent deutlich höher ausgefallen.

Dax: Finanzwerte im Blick

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Die Anleger schauten zum Wochenschluss genauer auf die Bankentitel.  Insgesamt handele es sich um ein positives EZB-Gesamtpaket für den Bankensektor, sagte ein Händler. Die Titel der Deutschen Bank gewannen mehr als 6 Prozent. Commerzbank legten rund 4,5 Prozent zu. Beide Werte waren am Donnerstag schwächer aus dem Handel gegangen, die Verluste hatten aber deutlich unter denen des Gesamtmarktes gelegen. Die Deutsche Bank veröffentliche zudem ihren jüngsten Geschäftsbericht.

K+S zogen mehr als 2 Prozent an. Am Donnerstag waren sie mit einem Abschlag von mehr als 10 Prozent mit Abstand größter Verlierer im Dax gewesen. Der Grund: Das Unternehmen hatte trotz Dividendenerhöhung mit seinem Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr enttäuscht. Ende März steigt K+S in den MDax ab.

Autowerte stark

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Von der "Risk-on-Rally" profitierten mit hohen Risiken behaftete Aktien überdurchschnittlich, wie ein Händler sagte. Neben den Banken zählten vor allem die Stahlhersteller ThyssenKrupp und Salzgitter zu den Profiteuren. Diese hätten zuletzt stark unter sinkenden Stahlpreisen gelitten. ThyssenKrupp verteuerten sich etwa 8 Prozent und waren damit stärkster Dax-Gewinner. Der MDax-Wert Salzgitter sprang 7,5 Prozent an.

Der Automobilsektor profitierte nicht zuletzt von der Aussicht auf dauerhaft niedrige Zinsen und damit verbundenen niedrigen Finanzierungskosten bei Autokäufen, so der Marktteilnehmer weiter. Auch die konzerninternen Banken kämen den Autoherstellern zu Gute. VW schlossen etwa 3,7 Prozent fester. Deutlich ging es auch für BMW mit rund 4 Prozent nach oben. Daimler gewannen 3,4 Prozent.

Alle 30 Dax-Werte schlossen mit Gewinnen. Den geringsten Aufschlag wiesen Merck auf. Sie verbesserten sich lediglich um knapp 0,3 Prozent.

USA: Positiver Wochenausklang

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Die US-Börsen legten angetrieben von steigenden Ölpreisen und der geldpolitischen Lockerung der EZB zu. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte rückte um 1,3 Prozent vor und schloss bei 17.213 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 stieg 1,6 Prozent auf 2022 Zähler. Der Nasdaq Composite legte um 1,9 Prozent auf 4748 Punkte zu.

Zu den Gewinnern zählten der Softwarekonzern Symantec. Die Papiere verteuerten sich um 4,3 Prozent, nachdem die Bank RBC sie auf "outperform" heraufgestuft hatte. Alnylam Pharmaceuticals profitierten davon, dass JPMorgan die Aktie auf "übergewichten" setzte. Sie verbesserte sich um 7,3 Prozent. Die Dividendenpapiere der Kosmetikkette Ulta Salon zogen um 6,7 Prozent an. Die Quartalszahlen des Unternehmens übertrafen die Erwartungen der Wall Street.

Die Anteilsscheine der Opel-Mutter General Motors (GM) erhöhten sich um 1,8 Prozent. Im Wettstreit um das Auto-Geschäft der Zukunft übernimmt GM die auf selbstfahrende Wagen spezialisierte Start-Up-Firma Cruise Automation. Mit dem Unternehmen aus San Francisco will der Autobauer die eigene Entwicklung autonomer Fahrzeuge vorantreiben.

Devisen: Euro zwischen 1,1080 und 1,1210

Der Euro konnte seine frühen Gewinne nicht halten und gab zum Nachmittag hin deutlich nach. Am Abend erholte sich die Gemeinschaftswährung wieder etwas, kostete zu US-Handelsschluss 1,1149 Dollar. Das war ein Abschlag von 0,3 Prozent zum Donnerstagabend. Das Tagestief markierte der Euro allerdings bei 1,1080 Dollar, das Tageshoch bei 1,1210 Dollar. Die EZB setzte am Mittag den Referenzkurs auf 1,1090 Dollar fest nach 1,0857 Dollar am Donnerstag.

Der chinesische Yuan stieg zum Wochenschluss auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Monaten. Ein Dollar fiel zeitweise auf 6,4866 Yuan, nachdem die chinesische Zentralbank den Referenzkurs für die Währung mit 6,4905 Yuan 0,34 Prozent höher festgesetzt hatte. Die chinesische Währung ist nicht frei handelbar und darf einen täglich von der Zentralbank festgesetzten Wert nur in einer bestimmten Spanne über- oder unterschreiten. Händlern zufolge war der festere Yuan auf die Dollar-Schwäche nach dem EZB-Zinsentscheid zurückzuführen.

Asien: Mit Aufschlägen ins Wochenende

Die ostasiatischen Börsen verabschiedeten sich freundlich ins Wochenende. Die Börse in Tokio schloss ebenfalls fester. Der Nikkei-Index stieg nach anfänglichen Verlusten 0,5 Prozent und ging beim Stand von 16 939 Zählern aus dem Handel. Der breiter gefasste Topix legte 0,5 Prozent auf 1359 Punkte zu.

Am Aktienmarkt in Schanghai wurden größere Verluste aus dem Frühhandel in einen leichten Aufschlag umgemünzt. Der Shanghai Composite kletterte 0,2 Prozent auf 2810 Punkte. Die Beschlüsse der EZB spielten in Schanghai keine große Rolle, sagten Händler. Der Markt konzentriere sich weiter auf den Nationalen Volkskongress. Sollte dieser bis zum Tagungsende kommende Woche die Märkte nicht beeindrucken, könnte eine weitere Korrektur erfolgen, mutmaßten Händler.

Positive Vorzeichen gab es auch an der Börse in Australien. Der S&P/ASX-200 zog 0,3 Prozent an auf ein neues Zweimonatshoch. Damit hat der Markt im März bereits 5,9 Prozent zugelegt, seit dem Februartief sogar über 8 Prozent, angeführt vor allem von den Banken- und Minenwerten.

Quelle: n-tv.de

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