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Dienstag, 18. August 2009

Frage & Antwort, Nr. 82: Ist Gebärdensprache international?

Von Fabian Maysenhölder

Zwei gehörlose Frauen unterhalten sich mittels Gebärdensprache in Nordindien.
Zwei gehörlose Frauen unterhalten sich mittels Gebärdensprache in Nordindien.(Foto: REUTERS)

Ist die Gebärdensprache international? Kann sie weltweit verstanden werden oder gibt es auch hier verschiedene Sprachen? (fragt Laurenz Brüning aus Berlin)

Ich versteh' nur Bahnhof: Hörende haben keine Ahnung, was die Zeichen bedeuten, die gehörlose Menschen benutzen, um sich zu verständigen - es sei denn, sie haben eine entsprechende Ausbildung. Ebenso sind Hörende in anderen Ländern ohne Fremdsprachenkenntnisse hoffnungslos verloren. Zu groß ist das internationale Sprachgewirr.

Doch wie ist das bei einem Gehörlosen, wenn er sich im Ausland verständigen möchte? Gilt dort auch: "Ich verstehe nur Bahnhof", oder handelt es sich bei der Gebärdensprache um eine internationale Sprache, die weltweit verstanden wird?

Chinesisch bleibt chinesisch

Prof. Dr. Christian Rathmann ist Direktor des Institutes für deutsche Gebärdensprachen in Hamburg.
Prof. Dr. Christian Rathmann ist Direktor des Institutes für deutsche Gebärdensprachen in Hamburg.(Foto: Christian Rathmann)

Wir haben Prof. Christian Rathmann gefragt; er ist Deutschlands erster gehörloser Professor und Direktor des Institutes für deutsche Gebärdensprachen in Hamburg. Von ihm erfahren wir, dass die Gebärdensprache mitnichten eine Weltsprache ist: "Es gibt nationale Gebärdensprachen, die auch recht unterschiedlich sein können. Genau wie bei den gesprochenen Sprachen gilt: Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache." Wenn ein deutscher Gehörloser also nach China reist, würde er überhaupt nichts von den chinesischen Gebärden verstehen – so wie es für Hörende schwierig ist, sich dort zu verständigen.

Rathmann erklärt uns auch, warum das so ist: Sprachen entwickeln sich immer aus einer Kultur heraus, dementsprechend gibt es starke Wechselwirkungen zwischen Kultur und Sprache. Es ist dabei egal, ob es sich um eine gesprochene oder nicht gesprochene Sprache handelt.

Schwäbische Gebärdensprache?

Noch eine Frage brennt uns unter den Nägeln: Wie sieht es denn mit Dialekten aus? Es muss ja nicht gleich eine ganz andere Sprache sein, die zu Verständigungsproblemen führt; in der Lautsprache scheitert so mancher Norddeutscher schon an der Verständigung mit einem Schwaben. Kann sich zum Beispiel ein Gehörloser aus Stuttgart problemlos mit jemandem aus Hamburg verständigen?

"Auch in der Gebärdensprache gibt es regionale Dialekte", bestätigt uns Professor Rathmann. Hier wird die Verständigung jedoch nicht unmöglich, sondern "es sind häufig nur einzelne Gebärden, die abweichen." So gibt es auch innerhalb Deutschlands beispielsweise mehrere Zeichen für "Geburtstag" oder für die verschiedenen Wochentage.

Übrigens: Gebärdensprachen sind als eigene vollwertige Sprachen anerkannt. Sie haben eine eigene Grammatik und unterscheiden sich darin stark von den Lautsprachen des jeweiligen Landes. Deswegen lässt sich die Gebärdensprache auch nicht Wort für Wort in die Lautsprache übersetzen – ebenso wenig wie eine Lautsprache wörtlich in eine andere übertragen werden kann.

Mit dem gehörlosen Professor Christian Rathmann sprach n-tv.de am Telefon. Das Gespräch wurde von einer Gebärdendolmetscherin übersetzt.

Quelle: n-tv.de

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