Wissen
Treffpunkt Meisenknödel. Mehrstrophiger Gesang ist erst im Frühjahr wieder zu hören.
Treffpunkt Meisenknödel. Mehrstrophiger Gesang ist erst im Frühjahr wieder zu hören.(Foto: picture alliance / dpa)

Frage & Antwort, Nr. 252: Verstehen Vögel, was andere zwitschern?

Von Andrea Schorsch

Eigentlich ist es nicht die richtige Jahreszeit für diese Frage, trotzdem möchte ich sie loswerden: Verstehen sich artfremde Singvögel untereinander? Wenn ein Vogel zwitschert, weiß ein Vogel einer anderen Art, was dieses Zwitschern zu bedeuten hat? Und antwortet er womöglich in seiner eigenen "Sprache"? (fragt Gerald W. aus Baden-Baden)

Es dauert noch ein paar Monate, bis wir morgens wieder von Vogelgezwitscher geweckt werden. Mit der Brutzeit im Frühjahr fängt es an. Dann ist das muntere Trällern mit mehreren Strophen und in unterschiedlichen Stimmlagen bis in den Sommer hinein zu hören.

Der Gesang hat seinen Sinn. Hans-Heiner Bergmann, Ornithologe und Verhaltensforscher, kann erklären, was dahinter steckt: "Mit dem Singen wollen die Vögel eine Partnerin gewinnen – gerne auch zwei… – und gleichzeitig dient es dazu, Konkurrenten abzuwehren. Konkurrenten um die Frau, aber auch Konkurrenten um die bevorzugte Nahrung." Das Getriller ist also Lockmittel für die Weibchen und Kampfansage an die Männchen. Es dient dem Vogel dazu, ein Revier zu markieren, sich also, wie Bergmann sagt, "aus dem Gesamtkuchen ein Stück rauszuschneiden und kundzutun: 'Hier, diese hundert mal hundert Meter, das sind meine. Da dürfen keine anderen Artgenossen rein.'"

Artgenossen – das ist das Stichwort. Denn wenn im Frühjahr die vielen verschiedenen Arten gleichzeitig singen, singen sie nah beieinander. In einem Buchfinken-Revier singen dann auch ein Zaunkönig, eine Kohlmeise, eine Blaumeise und ein Rotkehlchen. "Die hören einander natürlich", sagt Bergmann, "aber: Sie reagieren darauf nicht. Was andere Arten singen, ist ihnen egal." Der Grund ist einleuchtend: "Die anderen sind keine Konkurrenten", erklärt der Ornithologe. "Nur wenn einer von der derselben Art auftaucht, in einem Buchfink-Revier also ein anderer Buchfink singt, dann gibt es Ärger." Was dann passiert? Der Eindringling wird verscheucht. - Fazit soweit: Die Vögel reagieren nicht auf fremde Gesänge.

Eulenalarm wirkt "international"

Ganz anders aber sieht es in einer Alarmsituation aus: "Entdeckt ein Buchfink eine Eule, die zum Beispiel versteckt im Efeu an einem Baum sitzt", erzählt Bergmann, "dann fängt er an, Alarm zu schlagen." Sein Alarmgeschrei klingt dann wie "pink-pink-pink … pink-pink-pink … pink-pink-pink". Oder auch, wenn der Buchfink ganz aufgeregt ist, durchgehend: "pinkpinkpinkpinkpinkpink".

Für andere Singvögel ist das der Aufruf, zu kommen und die Eule, wie es fachsprachlich heißt, zu hassen. Kohlmeisen & Co. flattern dann also heran, entdecken die Eule ebenfalls und umschwirren sie alle. "Das ist nicht nur bei Eulen so", sagt Bergmann, "das gilt auch für Greifvögel. Und damit ist denen dann die Jagd verdorben. Denn wenn alle gucken und ringsum tanzen und sehen, was da los ist, kann der Jagdvogel bestenfalls versuchen, sich zu verdrücken."

Zweites Fazit: Geht es um Eulen und Greifvögel, verstehen sich auch Vögel verschiedener Arten untereinander. "Diese Alarmrufe wirken – so könnte man sagen – in der Vogelwelt international", resümiert Bergmann.

Sprachcode bei Sperbergefahr

Wenn ein Sperber seine Kreise zieht, schlagen viele Singvögel mit demselben Ruf Alarm: Ein hohes, feines "ziiiii" informiert über den Feind.
Wenn ein Sperber seine Kreise zieht, schlagen viele Singvögel mit demselben Ruf Alarm: Ein hohes, feines "ziiiii" informiert über den Feind.

Und es gibt noch eine andere Situation mit zwischenartlicher Verständigung, nämlich dann, wenn Gefahr aus der Luft droht. "Ist ein Sperber im Anflug", sagt Bergmann, "dann haben Buchfink, Rotkehlchen, Goldammer und Kohlmeise alle denselben Ruf, um vor ihm zu warnen. Sie machen dann ein ganz feines, hohes 'ziiiii'."

Das Gute ist, dass der Sperber, ein Feind der kleinen Vögel, diesen Ruf kaum hören kann. Ganz anders die Singvögel. Sie reagieren sofort, schauen nach oben oder stürzen sich in die nächste Deckung. "Während beim Eulenalarm jeder seine eigene Sprache hat, diese aber trotzdem zwischenartlich wirkt", so Bergmann, "stimmt der Luftfeind-Alarm bei vielen Arten überein. Um den Sperber anzukündigen, verwenden sie den gleichen Ruf." Das also wäre das dritte Fazit.

Doch natürlich gibt es neben den Alarmrufen noch viele andere. Mit bestimmten Flugrufen zum Beispiel zeigen die Vögel: "Ich fliege jetzt gerade los!" Dann sind da auch noch die Bettelrufe der Jungvögel. Denn auch wenn sie schon ausgeflogen sind, werden die Jungen noch gefüttert. Durch ein "tschiep-tschiep" oder Ähnliches geben sie ihren Eltern dann ihren Standort kund. Die finden sie dadurch besser und können am Ruf zugleich auch erkennen, welches der Jungen gerade am hungrigsten ist. "Da gibt es also eine kleine Sprache mit einer Reihe verschiedener Signale", schließt Bergmann. "Die sind aber artspezifisch. Auf artfremde Vögel wirken die nicht."

Quelle: n-tv.de

Haben auch Sie eine Frage und suchen nach der Antwort?

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.

Empfehlungen