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Augen sagen manchmal mehr als Worte.
Augen sagen manchmal mehr als Worte.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Frage & Antwort, Nr. 209: Wie spürt man den Blick im Nacken?

von Jana Zeh

Warum merken Menschen, dass sie von anderen Menschen beobachtet werden? (fragt Christian S. aus Paderborn)

"Manche merken, noch bevor wir sie observieren, dass sie beobachtet werden, und bei anderen könnte man sich direkt an den bekannten Rockzipfel hängen, bevor sie mitbekommen, dass wir an ihnen dran sind", resümiert der Detektiv Klaus Bouillon von A & B Detektive seine Erfahrungen zum Thema. Das Phänomen des gespürten Blicks im Nacken allerdings ist wohl unbestritten. Diese besondere Fähigkeit wird manchmal als siebter Sinn des Menschen bezeichnet.

6766462.jpgWie genau sich ein Blick anfühlt, welche Sinne beim Spüren beteiligt sind und was im Einzelnen dabei im Körper abläuft, konnte bis heute wissenschaftlich nicht geklärt werden. Der siebte Sinn, wie auch andere unerklärbare menschliche Fähigkeiten, werden deshalb oftmals als paranormal bezeichnet und in die nicht ernstzunehmende esoterische Ecke gestellt. Dennoch stößt man sogar im Alltag immer wieder auf Phänomene, die überraschen und vor allem mehr als nur Zufälle sind.

Der Psychotherapeut Theodor Itten sieht in dem sogenannten siebten Sinn einen Sammelsinn, der aus mehr als den fünf bekannten Wahrnehmungskanälen besteht. Besondere Fähigkeiten dieser Art dienten den Menschen am Anfang der Evolution als Schutz. "Damals, als wir noch Tierwesen waren, war es zum Schutz unbedingt erforderlich, seine Sinne so zu schärfen, dass man Gefahren von allen Seiten wahrnehmen konnte. Heute werden diese Fähigkeiten meist nicht mehr gebraucht und sind deshalb stark zurückgebildet", resümiert Itten. Alle freilebenden Tiere, die sich vor Futterkontrahenten oder Jägern schützen müssen, haben sich solche schützenden Fähigkeiten erhalten.

Viele Theorieansätze

Die Wissenschaft konnte bis heute bestimmte Phänomene wie das Spüren des Blicks im Nacken, Hellsichtigkeit oder Telepathie weder beweisen noch widerlegen. Aus diesem Grund sind einige Wissenschaftler mit großem Eifer dabei, ihre Theorien zu verbreiten. Der Biologe Rupert Sheldrake zum Beispiel geht davon aus, dass man mit Hilfe von sogenannten morphischen Feldern die Entwicklung von Strukturen beeinflussen und deshalb der Blick eines anderen Menschen auch im Nacken oder Rücken gespürt werden kann. Andere gehen von elektromagnetischen Feldern oder physikalischen Reaktionen in der Umgebung aus. Wieder andere sind der Meinung, dass sowieso alle Menschen durch ein Netz - damit ist nicht das Internet gemeint - verbunden sind.

Für Itten sind bestimmte menschliche Fähigkeiten, wie die des Spürens eines Blickes von hinten, unbestritten. Auch wenn der Psychotherapeut die Bezeichnung siebter Sinn als etwas unpassend empfindet, bezeichnet er das beschriebene Phänomen als besondere Körperwahrnehmung, die wahrscheinlich vor allem von der Haut ausgeht. Nicht zuletzt deshalb spricht man auch vom Blick im Nacken, da dieser meistens von Kleidung unbedeckt und damit ungeschützt und sensibel ist.

Prioritäten, Stress und Motivation

"Dennoch kann nicht jeder den Blick im Nacken spüren, denn bei der Feinfühligkeit der Menschen gibt es gravierende Unterschiede, die sogar von der Tagesform und der Motivation abhängig sein können", sagt Itten. "Stress zum Beispiel kann einerseits ein hemmender, andererseits ein verstärkender Faktor sein", erklärt der Therapeut weiter. Ein Ehemann beispielsweise, der in einer Affäre verstrickt ist und mutmaßt, dass ihn seine Frau beschatten lässt, wird wesentlich aufmerksamer sein, wenn er nicht erwischt werden will, als ein Ehemann, der beschattet wird, aber nichts verbirgt.

T Itten Privat (2).JPGDas Gewissen spielt hier eine tragende Rolle. Der "Fremdgänger" steht natürlich unter einem hohen Druck, der vergleichbar ist mit einem Gejagtwerden. Das führt im genannten Beispiel zur Schärfung der Sinne, wobei der Fokus der gesteigerten Aufmerksamkeit auf den Verfolger gerichtet ist. Das führt gleichzeitig dazu, dass anderes oder andere weitestgehend ausgeblendet werden. "Detekteien wissen das zu nutzen und setzen in solchen Fällen erfolgreich mehrere Beobachter ein" erzählt Bouillon aus der Praxis.

Ein Manager dagegen, der sich im Kopf mit seiner Arbeit beschäftigt und sich im Alltag geistesabwesend von A nach B bewegt, wird mit großer Sicherheit nicht spüren können, ob er beobachtet wird oder nicht, denn er ist von anderen Dingen, die ihm wichtiger erscheinen, abgelenkt. "Je öfter er sich so verhält, umso mehr verkümmert die Fähigkeit zu besonderer Aufmerksamkeit in seinem Körper", so Itten.

Menschen dagegen, die sich auf Partnersuche befinden, halten nicht nur ihre Augen und Ohren offen. Zum Beispiel auf (Single)-Partys können dann viele schnell bemerken, wenn sie von jemanden über einen längeren Zeitraum angesehen werden. Andere wiederum müssen von Freunden oder Bekannten erst einmal darauf hingewiesen werden, dass ihnen ein langer Blick zugeworfen wird. Wie ausgeprägt diese Sensibilität in Personen ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

"Blickspüren" ist trainierbar

Die besonderen Sinne des Menschen, die bei vielen heute verkümmert oder verschüttet sind, können aber trainiert werden. Vor allem in helfenden Berufen oder für Therapeuten, Richter und Polizisten ist es besonders wichtig, intuitiv bestimmte Situationen einzuschätzen. Maßgebend ist, sich seiner Gefühle und Ahnungen bewusst zu sein und im Zweifelsfall diese auch aussprechen zu können. "Um seine besonderen Fähigkeiten zu trainieren, kann man sich Zettel machen, auf denen steht, was man ahnt. Diese kann man dann mit der erlebten Realität vergleichen" erklärt Itten eine Trainingsmethode. "Gut ist es, beim Urteilen, einen Teil vom vernünftigen Denken zu Gunsten des sogenannten Bauchgefühls aufzugeben" so Itten weiter.

Dabei ist das immerwährende Bewusstmachen des Moments eine gute Hilfe. Das kann durch verschiedene Praktiken erfolgen. Meditation, Atemübungen und alle anderen Techniken, die dazu führen, dass der Geist auf bestimmte Zeit beruhigt wird, sind nützlich.

Die SinneÜbrigens: Mit der Domestizierung der Wölfe zum Hund als treuen Begleiter und Beschützer sind viele sensorische Aufgaben vom Menschen auf den Hund übertragen worden. Der Hund hört und riecht bis heute viel besser als der Mensch. Er kann auch mit anderen Sinnen herannahende Gefahren wittern und warnt durch Bellen sein menschliches Rudel.

Quelle: n-tv.de

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