Von Kannibalen und DämonenDer religiöse Wahnsinn in den USA

Wenn es um das Thema Religion geht, verstehen viele US-Amerikaner keinen Spaß. Die großen Hollywood-Studios lassen deshalb die Finger davon. Kleine Studios wie Slasher Films des Guns N' Roses-Stars greifen gern zu. Horror pur!
Dass Gottesfürchtigkeit in den USA einen zum Teil fast unnatürlich hohen Stellenwert im Leben der Bürger einnimmt, ist nichts Neues. Da wären etwa bereits die Pilgerväter, die im 17. Jahrhundert aus England kamen und sich an der Ostküste der USA niederließen. Sie gehörten einer besonders radikalen Strömung des englischen Puritanismus an. In ihrem Glauben ist jede Kirchgemeinde direkt Gott und Jesus Christus unterstellt. Da wundert es nicht, dass nur wenige Jahrhunderte später ein alkoholabhängiger Präsidentensohn urplötzlich zu Gott findet, dem Teufel Alkohol abschwört und später selbst zum mächtigsten Mann der Welt wird. Arme USA!
Und auch heute ist vielerorts mit dem Thema Religion in den Vereinigten Staaten nicht zu spaßen, was ein Grund dafür sein dürfte, dass es kaum kritische Hollywood-Blockbuster zu diesem Thema gibt. Religion ist dagegen ein vielbeachtetes und gern aufgenommenes Thema im Horror-Genre. Dass das wiederum nichts Negatives ist und dabei sogar filmische Kleinode entstehen können, beweisen zwei Filme, die jetzt auf DVD und Blu-ray erhältlich sind.
"It was me, that made her bad"
Die Parkers sind eine ganz normale US-Familie. Sie leben in einer beschaulichen Kleinstadt, machen keinen Ärger und glauben an Gott. Sie fasten auch jedes Jahr und begehen danach ihren "Tag des Lammes". Dessen Tradition reicht bis in die 1780er Jahre zurück, als die Familienvorfahren raus aus der Stadt und rein in die Natur zogen, um abgeschieden und gottesfürchtig dort zu leben.
Das Problem dabei: Der Winter war hart und lang. Und als zwei Männer aus der Familie zum Jagen auszogen, kam Tage darauf nur einer zurück - mit Fleisch und einem völlig neuen Gottglauben: "Vor den Augen des Herrn ist alles vergessen."
Die Nachfahren schrieben alles auf und so entstand über die Jahrhunderte eine Art Familienbibel, die jedes Jahr zum "Tag des Lammes" herausgeholt wird. In ihr steht auch ein überlebenswichtiges Rezept, basierend auf Menschenfleisch.
Doch in diesem Jahr ist alles anders: Die beiden Töchter Iris (Ambyr Childers; "Set Up") und Rose (Julia Garner; "Der letzte Exorzismus 2") wollen mit der Familientradition nichts mehr zu tun haben, auch ihre Mutter nicht. Doch bei einem Sturm kommt sie ums Leben. Nun ist es an Iris, die Familie zusammenzuhalten, und widerwillig fügt sie sich auch, das Festgericht zum "Tag des Lammes" zu kochen.
Allerdings hat der Sturm auch einige Knochen auf dem Land der Parkers freigespült und die Polizei rollt alte Vermisstenfälle wieder auf, als ein Mädchen aus der Stadt plötzlich verschwindet. Nach und nach bekommt die heile Welt der Parkers erste Risse - und am Ende droht ihr Geheimnis ans Licht zu kommen. "Es ist Gottes Entscheidung, wie wir leben!" Dieser Satz von Vater Frank Parker (Bill Sage; "American Psycho") hallt auch nach Filmende durch die Gehirngänge des Zuschauers von "We Are What We Are".
"Ihr wurdet auserwählt"
Der Glaube an eine höhere Macht ist auch das Thema in "Nothing Left To Fear". Auch darin kommt wieder die für Horrorfilme typische US-Kleinstadt irgendwo im Nirgendwo vor. Pastor Dan (James Tupper; "Men in Trees") verschlägt es mit seiner Frau Wendy (Anne Heche; "Wag The Dog", "Donnie Brasco"), den beiden Töchtern Rebecca (Rebekah Bandes) und Mandy (Jennifer Stone) sowie dem kleinen Sohn Chris in das niedlich-verschlafene Städtchen Stull. Bereits bei ihrer Ankunft, als sie sich nach dem Weg zu ihrem neuen Zuhause erkundigen, wissen sie, dass ihr Stadtleben hinter ihnen liegt: Ein Junge schlitzt einem Schaf die Kehle auf und lässt es vor den Augen der ungläubig dreinschauenden Pastoren-Familie ausbluten.
Pastor Dan kommt auf den Wunsch von Pastor Kingsman (Clancy Brown; "Die Verurteilten", "Starship Troppers") nach Stull. Der ist in die Jahre gekommen und so soll Dan dessen Gemeinde übernehmen. Und der Empfang ist wirklich herzlich: Das Haus, in das die Familie einzieht, ist ein Traum. Die ganze Gemeinde hilft beim Einräumen. Es gibt Kuchen aus der Nachbarschaft. Und als Rebecca Noah (Ethan Peck) kennenlernt, scheint die Idylle perfekt. Das anstehende Sommerfest der Gemeinde kann kommen.
Doch der Schein trügt. Noah ist von Pastor Kingsman adoptiert worden, nachdem seine Familie unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Und Noah hat offenbar ganz eigene Pläne mit Rebecca.
Aber er ist ebenso nur eine Marionette wie Pastor Kingsman selbst. Die Fäden in Stull zieht eine dämonische Macht unter der Stadt, denn dort befindet sich ein Portal, eines der sieben Tore zur Hölle. Und wenn es sich öffnet, muss die Gemeinde alles tun, um es wieder zu schließen: Menschenopfer sind das einzige Mittel.
"Ihr wurdet auserwählt, hergelockt", gesteht Noah Rebecca irgendwann. Aber da ist es schon zu spät. Rebeccas Schwester Mandy ist von einem Dämon besessen, Wendy ist tot und Pastor Dan vorübergehend außer Gefecht gesetzt. Jetzt ist es an Rebecca, dem Dämon Einhalt zu gebieten - und zwar schnell.
Horror abseits des Mainstreams
Zwei Filme rund um das Thema religiöser Wahnsinn, zweimal Gänsehaut pur. "We Are What We Are" von Regisseur Jim Mickle kommt wunderbar ruhig und unaufgeregt daher. Und irgendwie fühlt der Zuschauer sich an "Winter’s Bone" mit Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence erinnert, ob der fehlenden Farbtiefe und der starken Fokussierung auf eine heranwachsende Jugendliche, die plötzlich für ihre Familie sorgen muss. Ambyr Childers blüht in dieser Rolle auf, füllt sie voll aus. Und auch Bill Sage als gottesfürchtiger Vater macht seine Sache ausgesprochen gut.
Was den Film aber am Ende so besonders macht - abgesehen vom Titelsong "It was me, that made her bad" von Tommy Strange & the Features -, ist das Brechen von Tabus: Das Filmende ist der Beweis und hinterlässt ein flaues Gefühl in der Magengrube der Zuschauer.
Das fehlt bei "Nothing Left To Fear" zwar, dafür ist das Filmende so gestaltet, dass ein weiterer Teil denkbar ist. Und das wäre dem Regiedebüt von Anthony Leonardi III durchaus angemessen und zu wünschen. Leonardi III arbeitete bisher an diversen Großprojekten mit wie "47 Ronin" oder auch "Fluch der Karibik - Am Ende der Welt" sowie "Cabin In The Woods". Das sieht man dem Film durchaus an.
Und auch dem produzierenden Filmstudio, Slasher Films, sind weitere Erfolge dieser Art zu wünschen. Dahinter verbirgt sich kein Geringerer als der Guns N’ Roses-Gitarrist Slash. Und was bei Musikern mit Filmgeschmack, explizit für Horrorfilme, möglich ist, beweist etwa Rob Zombie seit Jahren. Wer also Lust auf Horror abseits des Mainstreams hat, ist bei "Nothing Left To Fear" gut aufgehoben und kommt bei "We Are What We Are" noch mehr auf seine Kosten. Amen!