Panorama
Papst Benedikt XVI. fehlt die Kraft zum Weitermachen.
Papst Benedikt XVI. fehlt die Kraft zum Weitermachen.(Foto: REUTERS)

Papst tritt zurück: Acht verlorene Jahre

Von Johannes Graf

Seit 2005 steht Papst Benedikt XVI. der katholischen Kirche vor. Viele Katholiken haben sich von dem Deutschen Reformen erhofft. Was der greise Pontifex hinterlässt, ist eine Institution, die in vielen Punkten konservativer ist denn je. Doch der Wille zum Umdenken ist nicht das einzige, das Benedikt auf dem Heiligen Stuhl fehlt.

Video

Seit 11.46 Uhr steht die katholische Welt Kopf. Papst Benedikt XVI., der 85-jährige Joseph Ratzinger, tritt als Heiliger Vater zurück. In einem nahezu beispiellosen Schritt macht er den Weg frei für einen jüngeren Mann an der Spitze der Kirche, der er nahezu acht Jahre lang vorstand. Seine Kräfte seien "infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet", um in "angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben". Eine konsequente Entscheidung, die viele, aber nicht alle Beobachter, überrascht. Ein Konklave muss nun einen Nachfolger bestimmen. Einen Nachfolger, der die vielen ungelösten Probleme anpackt, die zwischen der Institution und den Menschen stehen. Denn Papst Benedikt XVI. hinterlässt eine Kirche, die er in eine andere Richtung gewandelt hat, als sich viele erhofft hatten.

Als im April 2005 der weiße Rauch über dem Petersdom aufstieg und bekannt wurde, dass Kardinal Joseph Ratzinger das Pontifikat übernehmen würde, bedeutete das eine Zeitenwende. Zuvor führte 27 Jahre lang Johannes Paul II. die katholische Kirche. Bei allen Verdiensten, die der erzkonservative Pole hatte, war der Zeitpunkt für Reformen gekommen. Benedikt sollte die Kirche an die moderne Welt anpassen, so wünschten es sich zumindest viele Katholiken in diesen Tagen.

Benedikt bleibt bei den alten Ideen

Video

Vielleicht waren diese Erwartungen an Benedikt XVI. angesichts seiner Herkunft und seines Alters von Anfang an verfehlt. Im April 2005 war Ratzinger bereits 78 Jahre alt. Sein Rücktritt aus Altersgründen überrascht daher nicht, er galt von Beginn an als Übergangspapst. Als Präfekt der Glaubenskongregation hat er schon in den Jahren vor seinem Pontifikat Duftmarken gesetzt. Tatsächlich ist Benedikt in den fast acht Jahren seines Pontifikats an vielen Hoffnungen gescheitert. Die Vatileaks-Affäre offenbarte, wie wenig der Deutsche die Kurie unter Kontrolle hat. Hinzu kamen unzählige Skandale. Die Kirche befindet sich seither in einer Dauerkrise.

Erst nach und nach ist vielen Katholiken nach 2005 klar geworden, dass Benedikt überhaupt kein Reformer sein wollte, sondern sich den alten Werten verpflichtet fühlte. In Fragen von Abtreibung, Verhütung und Sterbehilfe machte Benedikt deutlich, dass er keinen Deut von der herrschenden Meinung in der katholischen Kirche abweichen will. Homosexualität bleibt ein Tabu, der Zölibat unangetastet. Forderungen nach einer Dezentralisierung der Kirche lehnt er strikt ab. Frauen zu Priestern zu weihen, ist für ihn bis heute eine absurde Vorstellung. Und Rock-Musik bezeichnete er einmal als Ausdruck "niederer" menschlicher Gefühle. Benedikt war ein Papst, der bewusst nicht alle mitnehmen, sondern einen Katholizismus für den harten Kern wollte.

Zweifelhafte Fürbitte für Juden

Spuren hinterlässt Benedikt auch in der Liturgie. Und die sind reichlich reaktionär. Seit Jahrzehnten forderten konservative Hardliner, die sogenannte Tridentinische Messe wieder einzusetzen. Benedikt kam dem nach. Gemeint ist damit unter anderem, dass Gottesdienste in lateinischer Sprache abgehalten werden dürfen - einer der wichtigen Reformpunkte des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962. Seit 2007 gilt das nicht mehr, zumindest nicht mehr in allen katholischen Kirchen der Welt.

Teil der Tridentinischen Messe ist es auch, am Karfreitag eine zweifelhafte Fürbitte für die Juden zu halten: "Lasst uns auch beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchtet, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen." Diese Formel muss als Aufruf zur Missionierung verstanden werden.

Missbrauchsfälle nicht energisch genug angepackt

Video

Und das, obwohl Benedikt als Papst gilt, der den Dialog mit dem Judentum suchte. Umso unverständlicher ist da sein Umgang mit Bischof Richard Williamson. Der Brite war in den 80er Jahren exkommuniziert worden, weil er und andere Pius-Brüder, denen er angehörte, sich unerlaubt zu Bischöfen weihen ließen. In der Folgezeit fiel er als notorischer Leugner des Holocaust auf. Dennoch hob Benedikt auch Williamsons Kirchenbann im Januar 2009 auf. Zur Begründung hieß es, er habe sich um die Einheit der Kirche gesorgt. Und angeblich hat er von den Äußerungen Williamsons nichts gewusst. Als Reaktion forderte Benedikt, dass Williamson seine strittigen Aussagen zum Holocaust zurücknimmt. Bei seiner Entscheidung, den Briten wieder in die Kirche aufzunehmen, blieb er aber.

Zögerlich war auch Benedikts Umgang mit den unzähligen Missbrauchsfällen, die in den vergangenen Jahren bekannt wurden. Katholische Priester vergingen sich jahrzehntelang zehntausendfach an Schutzbefohlenen. Und die Kurie? Die schwieg zu den Vorwürfen zu lange. Opfern wurde nur widerwillig Hilfe angeboten. Vorkehrungen dafür, dass Missbrauch und Verschleierung nicht weiter und wieder geschehen, ergriff die Kirche unter Benedikt allenfalls halbherzig. Wille zur Aufklärung wurde gerne und immer wieder vollmundig verkündet. Doch greifbare Ergebnisse blieben aus. Es drängte sich die Vermutung auf, dass der Kirche das Schicksal der vielen Gepeinigten und Traumatisierten schlicht egal ist.

Papst ohne Sensor

Einen Zeitenwechsel hatten sich viele auch im Umgang mit dem Opus dei gewünscht. Die Laienorganisation, die ihren Aufstieg während der franquistischen Diktatur in Spanien erlebte, ist mit ihrer scharf konservativen und rechtsgerichteten politischen Haltung heute ein ernsthaftes Imageproblem für die Kirche. In ihrem Rahmen konnte sie gedeihen. Dass die gesamte katholische Kirche Werte des Opus dei teilt, ist damit zumindest naheliegend. Als deren Gründer Josemaría Escrivá 2002 auch noch heiliggesprochen wurde, gab dies der Debatte um den wegen seiner Geheimniskrämerei verschrienen Zirkel neue Nahrung. Von Benedikt wurde ein Zeichen erwartet. Und das setzte er. Nur wenige Wochen nach seinem Antritt im Vatikan segnete er eine neu errichtete Statue Escrivás an der Außenwand des Petersdoms.

Die Zeit Benedikts im Vatikan ist ein Pontifikat der verpassten Chancen. Und doch ist sein Unwillen zu Reformen noch nicht einmal der größte Vorwurf, den sich Benedikt gefallen lassen muss. Was Benedikt XVI. fehlte, war ein Sensor für das, was die Welt und die Menschen von heute bewegt. Der Theologe Joseph Ratzinger war seither eher ein Theoretiker, einer der die Worte dreht und wendet, der philosophiert und räsoniert. Was er nicht kann, ist ein Geistlicher zu sein, der mitfühlt. Während in weiten Teilen der christlichen Welt Wirtschaftssysteme ihren Geist aufgeben, Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut rutschen, vermissen die Katholiken vor allen Dingen eines: einen Seelsorger.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen